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Reichesdorfer Bote

    Jahrgang 26, Ausgabe 47                                                                                                    Dezember 2012  

 
 

 
Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis
Grußwort
Zum Neuen Jahr
Unser Treffen in Reichesdorf

Wiedersehen in Reichesdorf
"Än desem Land äs en Gemin"
Kein Treffen ohne Gottesdienst
Für unsere Jüngsten
Rätsel
Immer dabei sein
Reiseeindrücke aus Siebenbürgen

Die wundersame Vermehrung der deutschen Minderheit


Rund 1300 Schüler lernen im neuen Schuljahr am Honteruslyzeum
Der Beginn Bundesdeutscher Zahlungen an Bukarest für den Freikauf der Rumäniendeutschen
Reichesdorfer Legenden
Fachtagung im "Heilgenhof" in Bad Kissingen
Zum Schmunzeln
Bescherung

"Jung-Frauentag" vor 50 Jahren

 
 

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Reichesdorfer Grußwort
Liebe Reichesdorfer und liebe interessierte Leser

Der neue Bote ist fertig, und mit dieser Ausgabe feiern wir sogar ein Jubiläum: der „Reichesdorfer Bote“ wird 25 Jahre alt! Zu dieser Gelegenheit möchte ich die Chance nutzen und mich bei allen, die bis zum heutigen Tage dazu beigetragen haben, den Boten zu dem werden zu lassen was er jetzt ist, ganz herzlich bedanken. Natürlich möchte ich Euch auch gleichzeitig dazu aufmuntern, weiterhin aktiv daran zu arbeiten. Nur mit Eurer kreativen Hilfe tragen wir mit dem Boten ein großes Stück dazu bei, dass das sächsische Reichesdorf auch für uns – fern der Heimat – am Leben bleibt. Ein außergewöhnliches und sehr schönes Erleb-nis im letzten halben Jahr war das erste Reichesdorfer Treffen in unserem Heimatdorf Reichesdorf: Ein Treffen, welches wiederholt werden kann. Einen ausführlichen Bericht findet ihr – neben zahlreichen weiteren interessanten Artikeln – auf den nächsten Seiten. Ein besonderes Ereignis im kommenden Halbjahr wird mit Sicherheit das fünfzehnte Reichesdorfer Skitreffen im wunderschönen Skigebiet Wildkogel. Nutzt die letzte Chance und meldet Euch schnell an! Ich wünsche allen Freunden, Bekannten und Verwandten erst einmal viel Spaß beim Lesen dieser Geburtstagsausgabe und dann ein schönes und gesegnetes Weihnachtsfest im Kreise Eurer Lieben und einen guten Rutsch ins neue Jahr 2013

Euer Meck

                  


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Zum Neuen Jahr
Ein Dankeschön!


Wie schnell läuft uns die Zeit davon,
ein Jahr vergeht, was heißt das schon?
Und auf ein Jahr folgt noch ein Jahr,
man denkt daran, wie alles war.
Leider muss alles mal vergehen.
Für das, was war, ein Dankeschön!

Ein neues Jahr verspricht so oft,
dass endlich kommt, was man erhofft,
dass Wünsche in Erfüllung gehen,
und wir auf gute Zeiten sehn,
viel Neues wird bestimmt geschehen.
Für das, was war, ein Dankeschön!

Doch eins soll auch im neuen Jahr
so bleiben wie es immer war,
dass wir, wie all die Zeit vorher,
ganz gleich, ob einfach oder schwer,
als Freunde durch die Jahre gehn.
Für das, was kommt, ein Dankeschön!

(Verfasser nicht bekannt)

                  


Unser Treffen in Reichesdorf

Af deser Ierd do äs en Land, … en Gemin, si ienich wä an Guerten, en hescher hun ech net gesähn of alle mengen Fuerten - so Worte dieses bekannten Liedes von Ernst Thullner, (Melodie: H. Kirchner). Thullner soll dabei an Reichesdorf gedacht haben. Auf uns, die wir am ersten Reichesdorfer Treffen in der alten Heimat dabei waren, traf das auf jeden Fall zu.

Man sollte nicht versäumen, zu erwähnen, dass Reichesdorf sich in den letzten 20 Jahren auch verändert hat, und nicht alles daran erfüllt uns mit Freude. Doch wir haben es geschafft, diesem Treffen die Erinnerungen von früher einzuhauchen. Wir haben versucht, unseren Kindern zu vermitteln, wie wichtig der Erhalt unserer Gemeinschaft ist und dass es dem Menschen gut tut, zu wissen, wo seine Wurzeln sind. Durch den Ort zu laufen, vorbei an den Häusern unserer Vergangenheit und dabei vertrauten Gesichtern zu begegnen, relativiert den Begriff von Zeit und Raum. Wir waren da, im schönsten Dorf der Welt, und haben uns und unsere Gemeinschaft gefeiert!
Wie lief das Treffen ab?
Am Freitag, den 26. Juli, ging „der Zoichen“ durch das Dorf, in dem zum Auftakt des Reichesdorfer Treffens, 18.00 Uhr, in unseren Gemeindesaal geladen wurde. Es wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Nichterscheinen oder zu spät kommen wie früher geahndet werden würde. (Ich muss zugeben, wir waren tatsächlich knapp dran… wir hatten eine etwas beschwerliche Reise nach Rumänien hinter uns, dank dem Busunternehmen Pletl!)
Der frisch renovierte Saal war nett hergerichtet. Neue Holztafeln mit passenden Bänken waren liebevoll eingedeckt und harrten unserer. Toni und Gerrit Timmermann haben ein gut funktionierendes Team um sich. Dazu gehören Anisoara Radutiu, ihre Mutter Fanica Costea, ihre Tochter Anca mitsamt Ehemann Rares Dudas, Nadia und Nelucu Barbat, Maria Paerele; die in Waldhütten lebende Holländerin Donate Dam, Wilhelm Untch aus Reichesdorf und die Tochter unseres Vorsitzenden Meck Viviane Meyndt rundeten in diesen Tagen durch ihren Einsatz die Arbeitstruppe ab.
Aus der Saalküche frisch auf den Tisch kamen: selbstgebackenes Brot, Bertramsuppe, gebackenes Geflügel, Reis als Beilage, Gulasch, Striezel, Hanklich und andere Köstlichkeiten, die schmeckten und unsere Sinne erfreuten.
Bis spät in der Nacht wurde erzählt, gelacht, Erinnerung ausgetauscht. Für die musikalische Unterhaltung hatten wir Nikolaus Bisiok verpflichtet, der mit Unterstützung eines Kollegen dafür sorgte, dass wir das Tanzbein schwangen, um Bewegungsmangel vorzubeugen. Auch unsere Kinder waren mit Leib und Seele dabei und wurden gar nicht müde!


Das Programm am Samstag begann mit etwas Besonderem: „auf dem Markt“ warteten einige Pferdewagen auf uns. Bei strahlendem Sonnenschein zogen sie uns und unsere begeisterten Kinder über bekannte Wege über unseren wunderschönen Hattert bis ins „Dalschen“. Dort wurden wir, am Waldrand im Schatten (mittlerweile war es heiß geworden!), von unseren fleißigen rumänischen Reichesdorfern mit einem Grillfest verwöhnt. Bei Mici und anderen leckeren Sachen verbrachten wir einen wunderschönen Tag! Besonders schön war, als wir gemeinsam sangen. Es erklangen Lieder wie: Siebenbürgen, Land des Segens; Rechesderf, men Harzgemin und andere. Sogar ein Fernsehteam war dabei, das filmte, und einige von uns gaben Interviews.
Abends dann, nachdem wir uns frisch und schick gemacht hatten, ging es im Saal weiter. Im offiziellen Teil des Treffens begrüßte uns unser Vorsitzender Werner Meyndt. Eingeladen war auch der neu gewählte Bürgermeister Mircea Dragomir, der seiner Freude, diesem besonderen Treffen beizuwohnen, Ausdruck verlieh. Beide waren der Meinung, dass man es nicht bei diesem einen belassen sollte!
Auch Wilhelm Untch, in seiner Funktion als Beauftragter des Kirchenbezirks Mediasch, richtete einige Worte an uns.
Toni Timmermann, Wilhelm Untch und die Organistin Reichesdorfs,Liv Müller hatten für uns einige sächsische Lieder vorbereitet, die uns viel Freude bereiteten. Vielen Dank an die Künstler! Es sang für uns auch Herr Helmut Novak aus Österreich. Leider kam dabei Unmut auf, da die Darbietung sich etwas in die Länge zog (und über Geschmack lässt sich auch nicht streiten)!
Ich hatte mir erlaubt, Interviews der besonderen Art zu machen: Auf meine Fragen musste nämlich singend mit Ausschnitten aus bekannten Liedern geantwortet werden. Obwohl ich selber nicht mit gutem Beispiel voran, sondern furchtbar heiser ans Werk ging, sangen sich die Befragten super durch diesen Schabernack. Danke dafür, Leute! Als meine letzte gestellte Frage mit Rechesderf, men Harzgemin im Chor beantwortet wurde, bekam ich eine Gänsehaut!

Viel zu schnell verging auch dieser Tag bei schönen Gesprächen und flottem Tanz! Am Sonntag feierten wir, wie es sich gehört, einen gemeinsamen Gottesdienst. Pfarrer Ulf Ziegler aus Birthälm sprach bewegende Worte zu uns und Gästen aus Nachbargemeinden. Ein schöner Anblick waren die Trachtenträger in der Kirche – fast wie früher! In Zukunft bitte mehr davon!

Im Anschluss bot Hans Schaas eine Kirchenführung. Er macht das auf seine unnachahmliche Weise und versteht es, Klein und Groß mit farbenfrohen Ausführungen und heiteren Anekdoten in seinen Bann zu ziehen. Wir sind dankbar, ihn vor Ort zu haben! Lieber Hans Schaas, bleib, wie du bist, und uns noch lange erhalten!
Erneut im Saal versammelt, bildete sich vor der Bühne ein kleiner Chor und es erklangen wieder altbekannte Lieder. Wilhelm Untch und Werner Meyndt riefen alle, die in irgendeiner Weise an der Vorbereitung und Durchführung des Treffens beteiligt waren, nach vorne, und wir bedankten uns bei ihnen mit einem heftigen Applaus.
Nach einer letzten gemeinsamen Mahlzeit kam der Moment, wo man wieder Abschied voneinander nehmen musste. Viele von uns reisten am Sonntag ab.
Wir, die noch für einige Tage länger in Reichesdorf verweilten, trafen uns eine Woche später noch einmal im Pfarrhaus bei Timmermanns zu einem gemütlichen Beisammensein. Bei Gegrilltem, Kaffee und Kuchen ließen wir das Treffen Revue passieren, erzählten und sangen gemeinsam.
Alles in Einem war das Reichesdorfer Treffen etwas fürs Herz!
Natürlich hätte man vieles anders machen können, Kritik ist durchaus angebracht. Doch man findet sich immer mal wieder in Kinderschuhen – Anregungen zu Verbesserungen und persönlicher Einsatz sind daher willkommen!

Es war mir wichtig, hier nicht nur meine Eindrücke weiterzugeben. Deshalb habe ich eine kleine Umfrage gemacht und lasse nun die Befragten sprechen.
Was hat dich dazu bewogen, an diesem Treffen teilzunehmen?
Herta Greger: Was gibt es da viel zu sagen? Weißt du, wir kommen jedes Jahr hierher, wir sind hier zu Hause. Wir haben uns so ein Treffen gewünscht und sind froh, dass es jetzt dazu gekommen ist.
Regina und Georg Meyndt: Reichesdorf ist der Ort, mit dem man sich durch Tradition und Lebensweise verbunden fühlt, es ist unser Heimatdorf.
Es war schön, all die bekannten Orte nochmal zu sehen und uns an alle Erlebnisse an diesen Orten zu erinnern!
Heinrich Bruckner: Meine Enkeltochter Heidrun wollte mit ihrem Freund noch einmal den Ort ihrer frühen Kindheit besuchen. Allerdings musste ich zusagen, mitzufahren, um Sprachschwierigkeiten auszugleichen. Ich sagte zu und habe es nicht bereut – im Gegenteil! (Anmerkung: dazu hier im Boten auch ein Reisebericht von H. Bruckner)
Heinrich Hientz: Ich wollte noch mal die Heimat sehen!
Elisabeth Riemesch: …die Aussicht, ein Treffen in Reichesdorf zu haben und viele echte Reichesdorfer zu sehen!


Heike Schuster: Das schöne Gefühl, Menschen die man kennt, in dem Ort, an dem man geboren ist, wieder zu treffen, mit ihnen zu feiern und reden.
Harald Hügel: Fand es spannend zu erleben, wie es sich anfühlt, mit vielen Freunden Reichesdorf zu besuchen und da ein Treffen mit zu organisieren.
Wollte gerne nochmals mit der Familie nach Reichesdorf, somit war das eine sehr gute Kombination.
Johanna, Haris Tochter: Ich war lange nicht mehr in Reichesdorf, da hat es mich gefreut, dass dieses Mal das Treffen in Reichesdorf war! Ich fand auch schön, alle in Reichesdorf wieder zu treffen.
Alexander Hügel, Haris Sohn: 1. Ich wollte eh mal wieder nach Reichesdorf und 2. das Treffen war ein weiterer Grund dafür.
Hans und Susi Wachsmann: Wir sind sowieso jedes Jahr in Reichesdorf, wir sind hier daheim! Es hat uns sehr gefreut, diesmal mehr Landsleute hier zu treffen!
Was hat dich in diesen Tagen am meisten begeistert bzw. geärgert?
Heike: Begeistert hat mich das Engagement und die Arbeit von Toni und Gerrit und natürlich auch Anisoara, Anca und Nadja. Es war schön, alle wieder zu sehen und zu sehen, wie sie sich bemühen, alles zu erhalten und was draus zu machen. Das Pfarrhaus und die Art und Weise, wie es geführt und betrieben wird. Das leckere Essen und das unverhoffte Wiedersehen mit vielen bekannten Gesichtern. Die Kirchenführung von Hans Schaas. Den Ort wieder zu sehen, die Fahrt mit dem Pferdewagen, das Grillen, alles war toll. Geärgert hat mich nichts.


H. Bruckner: Begeistert hat mich eigentlich alles und ein seltenes Glücksgefühl hat mich erfüllt. Heimat sind für mich in erster Reihe die Menschen, die ich von zu Hause kenne… wenn ich die vertrauten Gesichter dazu noch in Reichesdorf treffe, ist das in doppelter Hinsicht Heimat für mich.
Harald Hügel: Überrascht im positiven Sinne war ich von der Unbeschwertheit des Treffens. Am meisten war ich beeindruckt von der Stimmung in dem Dallschen, es war eine tiefe Verbundenheit mit Reichesdorf, die ich so lange nicht mehr hab spüren können. Ich hab es im Nachhinein auf die Kombination von Menschen, die da waren, den Liedern, die wir gesungen haben und eben auf diese Landschaft und Natur mit dem unverwechselbaren Geruch zurück geführt.
Was mich gefreut hat war, zu sehen, dass die Kinder im Saal ohne ein einziges elektronisches Spielzeug auskamen und das Gleiche spielten wie wir früher auf Hochzeiten: „Glather“ rauf, „Glather“ runter, Fangen, Verstecken. Die Hosen und die Knie waren genau wie auch bei uns durch... Von den Kindern war ich begeistert, wie sie sich zusammengerottet und eine Gemeinschaft für sich gebildet haben! Unseren fiel der Abschied sehr schwer.
Geärgert hat mich, dass wir von dem Organisatorischen den ersten Tag nicht in unserem Sinne haben nutzen können und wir etwas fremdbestimmt wurden. Dieses ist aber in der Summe der positiven Eindrücke nur ein kleiner Schatten.
Überrascht war ich über die Medienpräsenz, keine Ahnung, wie die auf unser Treffen aufmerksam gemacht wurden, aber es hat super funktioniert.
Alexander, Haris Sohn: Ich fand toll, dass ich direkt Freunde gefunden hab, und beim Organisatorischen hab ich auch nichts zu meckern. Also alles wahr toll. JJJJJJJJ
Johanna, Haris Tochter: Begeistert: die Kutschfahrt, die Kirchenführung Geärgert: nichts! Sarah Nemenz: Mir hat alles gefallen, bis auf die Toiletten im Saalhof!!
Edda Nemenz: Meine Tochter Katharina in meiner Tracht im Gottesdienst am Platz, den ich mal einnahm, zu sehen, war für mich ein sehr bewegendes Gefühl.
Hans Hügel: Die alte Heimat nicht vergessen und mit Gleichgesinnten eben drum ein Treffen im Dorf zu organisieren, hat mich sehr motiviert!
Sag bitte ein paar Worte zur Organisation (Programm, Essen und Trinken, Gottesdienst u. a.)!
Herta Greger: Alles war ok!
Heike: Alles war super vorbereitet und das Essen und der Saal und alles bestens und wunderschön. Gottesdienst war sehr ergreifend und sollte auf jeden Fall immer Teil des Treffens sein. Die Musik war auch in Ordnung, die Stimmung gut, die Übernachtung auf dem Pfarrhof, das gemeinsame Frühstück dort, die Fahrt mit dem Pferdewagen, und vom Küchenteam wurden wir rundum verwöhnt!
Heinrich Hientz: Da kann man nichts sagen, alles war super!
Elisabeth: interessant, lustig, gefühlvoll, erlebenswert!!
H. Bruckner: Das Treffen war gut organisiert durch die äußerst innovative und rege Aktivität der Fam. Timmermann. (…) Nicht schmälern möchte ich den Beitrag (…) von Werner Meyndt, unserem HOG Vorsitzenden, welcher die Initiative ergriffen hat und diese auch verwirklichte. (Viviane war mit vollem Einsatz dabei!) Ebenso hat auch Wilhelm Untch seinen wertvollen Beitrag eingebracht und war immer zur Stelle, wenn man ihn brauchte.
Das Programm war gut. Der Sololiedervortrag von Herrn Helmut Novak, am Keyboard von der Organistin Liv Müller begleitet, hat mir sehr gut gefallen. (…) Möglicherweise hat es etwas zu lange gedauert, da einige Festgäste unruhig wurden!
Essen und Trinken: vollkommen zufrieden! Besonders das gute Hausbrot, gebacken wie früher, erinnerte mich an das Brot in meinem Elternhaus. Timmermanns haben ein gut eingespieltes Team mit Anisoara an der Spitze, welches uns gut bewirtet hat. (…)
Der Gottesdienst hat mein Heimatgefühl noch mal angesprochen. Vor meinem inneren Auge sah ich jene, welche vor uns waren, in sonntäglicher Kirchentracht in langer Reihe um den Altar schreiten. (…) Schön fand ich die Trachtenträger. Es wäre wünschenswert, wenn es bei ähnlichen Anlässen mehrere davon geben würde.
Ehepaar Meyndt: Wir möchten ein großes Lob all denen, die das Treffen organisiert und gestaltet haben, zum Ausdruck bringen, und hiermit noch mal unseren herzlichen Dank!
Hari Hügel: Das Organisatorische war, unter Berücksichtigung der Vorgaben, die wir gemacht haben, sehr gut umgesetzt worden. Der erste Abend hatte das Treffen etwas eingetrübt (Sänger, der nicht aufhören wollte). Das Essen war gut, die Menüzusammenstellung etwas kreativ – glaube, da müssen wir beim nächsten Mal noch mal ran. Gottesdienst war traditionell gut umgesetzt. Die Pferdetour und das Grillen und Verweilen ohne Zeitnot und Druck im Dallschen war super! Die Timmermanns haben es sehr gut gemacht!
Johanna Hügel: Programm fand ich schön! Essen war lecker! Was anderes als zu Hause.
Trinken war super! Der Gottesdienst war nicht so meins!
Alexander Hügel: Den Gottesdienst fand ich nicht so toll, aber dafür war das Programm, das Essen und das Trinken gut.
Susi Wachsmann: Ein großes Lob an all diejenigen im Ort, die das Ganze so gut gemacht haben!
Befürwortest du ein zweites Treffen (in zwei, drei Jahren) in Reichesdorf?
Heike: Ja!!! Ich würde einen 4-Jahres-Rythmus schön finden. Also alle zwei Jahre in Deutschland und alle zwei Jahre in Reichesdorf.
H. Hientz: Ja!
Harald Hügel: Ja – wobei ich unschlüssig bin über den Zeitpunkt.
Johanna: Ja, ich bin dabei!
Ehepaar Meyndt: Ein zweites Treffen wäre wünschenswert!
Herta Greger: Ja!
Heinrich Bruckner: … ich wäre gern dabei! Die Teilnehmerzahl sollte sich steigern, und man sollte sich besser vorbereiten (evtl. Chor).
Wenn ja, was würdest du ändern? (Wünsche, Anregungen)
Heike Schuster: Man kann das Programm gerne so beibehalten. Würde mich freuen, wenn mehr Leute kommen und mehr Leute die Tracht mitbringen! Weiter so und ganz herzlichen Dank an die Organisatoren!!!
Herta Greger: Nichts!
Hari Hügel: Würde beim nächsten Mal den Rahmen etwas enger fassen. Sprich, die Gestaltung des Kulturprogramms vorher abstimmen. Die Kostenstruktur für Besucher, nicht Reichesdorfer etc... anpassen. Wir waren da etwas über das Ziel hinaus geschossen.
Würde gerne dem Treffen ein Motto geben und um dieses Motto die Organisation sowie Ablauf stricken.
Was die Medien angeht, glaube, da können wir uns auch etwas besser vorbereiten und Reichesdorf besser darstellen.
Alexander, Haris Sohn: Ich würde nur eine Sache ändern: Der Gottesdienst sollte etwas spannender werden!
Heinrich Hientz: Es sollten mehr Leute mitmachen!
Hans Hügel: Es ist, meiner Meinung nach, wichtig, die Verpflegung noch mal zu überdenken!

Für alle, die in Reichesdorf dabei waren, war es ein besonderes und bewegendes Treffen.
Es wäre schön, wenn sich noch mehr Leute dazu entschließen könnten, solch einer Veranstaltung durch ihre Anwesenheit Würde zu verleihen!

Susi 

 


d

Wiedersehen in Reichesdorf

Am 27.Juli war es soweit,
reisten Leute von weit und breit.
Um am Treffen in Reichedorf zu sein,
und die blieben nicht zu Hause allein.

Untch Wilhelm begrüßte alle Gäst‘,
die erschienen waren zu diesem Fest.
Untch, der Vorstand und Timmermann`s
haben sehr viel Ehrenarbeit getan.

Damit dieses Fest konnte gelingen,
bei Trinken, Essen, Tanzen, Singen.
Ein großes Lob sei ihnen gesagt
heute, aber auch an anderem Tag.

Dem Ehepaar Timmermann und seinem Team
danke ich für dieses leckere Essen hier.
Niki und Josif sorgten für die gute Stimmung,
dabei konnte jeder das Tanzbein schwingen.
Herr Untch, Frau Müller, Frau Timmermann
wurden als Sing-Trio Reichesdorf bekannt.

Am Samstag ging es mit Pferdewagen zum Daltschen,
ob in Turnschuh, Sandalen oder Patschen.
Kartoffel-, Gurkensalat und Mici,
schmackhaftes Gegrilltes kamen auf den Tisch.
Die große Hitze machte jedem zu schaffen,
trotzdem konnte sich jeder aufraffen.

Um am nächste Programmpunkt zu sein,
damit die Organisatoren nicht blieben allein.
Am Sonntag hörte man den Glockenklang,
der uns zum Gottesdienst ermahnt.

Die Orgeltöne sind durch Frau Müller erklungen,
dazu die Gemeinde bekannte Lieder sungen.
Die Predigt von Pfarrer Ziegler war besinnlich,
dabei wurde auch ich nachdenklich.

Die Kirchenführung geleitet von Herr Schaas,
war informativ und sehr interessant.
Unsere Kleinsten hielten fest zusammen,
genauso wie auch ihre Alten.

Insgesamt war es ein gelungenes Fest.
Dank an die Organisationsteam und den Gäst‘.
Von ganzem Herzen wünsche ich mir
auch ein nächstes Treffen, vielleicht hier.

Gesundheit, Glück, Zufriedenheit
möge Alle begleiten in Ewigkeit.
Dies wünscht Euch aus frohem Sinn
Maria Untch aus Hochspeyer hin.

Schwiegertochter von Martin Untch, unterm Honnebarch


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Das schreibt die rumänisch-deutsche Presse vom Treffen der Reichesdorfer in Reichesdorf:

"Än desem Land äs en Gemin" (ADZ)

Reichesdorfer Heimattreffen 
Ein unvergessliches Erlebnis

Vor kurzem fand in Reichesdorf ein Ereignis statt, auf das man schon lange sehnsüchtig gewartet hatte: Die ausgewanderten Sachsen hatten sich plötzlich entschlossen, das alle zwei Jahre stattfindende Heimattreffen in Siebenbürgen abzuhalten.

Es gibt nur wenige sächsische Ortschaften in Siebenbürgen, die mit so viel Liebe und Anhänglichkeit besungen wurden wie das Dörflein Reichesdorf im Kockelgebiet. Das vielgesungene Ernst-Thullner-Lied „Af deser Ierd do äs e Land“ entstand in Erinnerung an das geliebte Reichesdorf. Und vom Tondichter Georg Meyndt haben sich gleich 30 Lieder erhalten, die in Reichesdorf entstanden sind. „Brännchen, um granen Rin“ und „Moterharz, ta Adelstin“ sind nur einige davon.

Das schön gelegene Dörflein mit seinen einst stolzen Bauern liegt zwar am Rand des Weinbaugebietes um Mediasch, doch entwickelt es auch heute noch ein Eigenleben, das Familie Hans und Hanni Schaas und den neuzugezogenen Toni und Gerrit Timmermann zu verdanken ist. Die übrigen Sachsen sind längst in Deutschland heimisch geworden.

Die Initiative eines Treffens in der alten Heimat war dem rührigen HOG-Leiter Werner Meyndt zu verdanken, angestachelt von der Familie Timmermann, die sich seit rund zwei Jahrzehnten in Reichesdorf heimisch fühlt und den Tourismus vor Ort auf die Beine gestellt hat. Der Campingplatz im Ortskern ist ihr Werk, ergänzt von der Touristenpension im herrlichen Pfarrhaus, das sie nach EU-Gesetzen restauriert und eingerichtet haben. Hervorgehoben werden muss auf jeden Fall der Kirchenkurator Hans Schaas, der durch seine einmaligen Führungen durch die Dorfkirche unter Kennern längst weltbekannt ist. Welche evangelische Kirche verfügt noch über so kunstreiche Steinskulpturen, die an keltische Gottheiten gemahnen, und von denen man jahrhundertelang nichts gewusst hat… Kein Wunder, dass auch die fernen Reichesdorfer neugierig geworden waren und sogar einen Film über ihren berühmten Landsmann gedreht hatten. Man war nun gespannt, ob ein Treffen klappen würde, und wurde angenehm überrascht.

Genau 72 Reichesdorfer machten sich auf den Weg, einige im letzten Augenblick, und es wurde ein gelungenes Zusammensein: Eröffnung und Essen im neuhergerichteten Gemeindesaal, der sich seit Kurzem wieder im Besitz der Kirche befindet, wo der neue Birthälmer Bürgermeister Mircea Dragomir zugegen war… Volksmusik und Gesang als Begleitkulisse. Am nächsten Tag ein Grilltag im Grünen, wohin man mit Pferdewagen gebracht wurde, zum Ergötzen der Anwesenden Kinder. Denn Kinder waren mit dabei! Die Reichesdorfer HOG hat nämlich in Deutschland eine gelungene Initiative gestartet: Einmal im Jahr treffen sich an die 180 Eltern und Kinder an einem Wochenende zum Skisport in einer Berghütte in den Kitzbühler Alpen. Harald Hügel kümmert sich um Skifahrer, anschließend gibt es ein Picknick mit selbstgemachter Wurst, Grieben und frischem Brot, man singt und fühlt sich gut. Kein Wunder, dass die Kinder sich begeistert treffen und anfreunden, selbst wenn sie aus verschiedenen Ecken Deutschlands kommen. Nun konnten sie die alte Heimat entdecken und hatten ihr Vergnügen.

Am Sonntag trafen sich dann alle zur Predigt von Pfarrer Ulf Ziegler in der Kirche, die so voll war wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Wer wollte, konnte danach Hans Schaas live erleben. Er bezirzte alle mit seinen sprühenden Ausführungen, wie das in Siebenbürgen nur wenige können. Zum anschließenden Kaffe und Kuchen waren dann auch Gäste aus den Nebengemeinden geladen.

Es wurde gesungen, ein neuverfasstes Gedicht zu ehren des Teffens zum Besten gegeben, mit einem Abschiedsessen wurde zum Kehraus geblasen. Die gesammelten Spenden wurden zur Renovierung der wertvollen Prause-Orgel bestimmt, mit dem Versprechen, sich auch weiter um die Geschicke Reichesdorfs zu kümmern. Dann verließen die ersten ihre Gastwohnungen, einige hatten in ihren Eltenhäusern bei den neuen Besitzern übernachtet. Zurück blieben die müden, aber glücklichen Gastgeber, und am Eingang zur Kirche der Grabstein des Reichesdorfer Tondichters Georg Meyndt.

Christa Richter


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Kein Treffen ohne Gottesdienst

Reichesdorfer feierten erstmals ihr Heimattreffen daheim

„Katherl, danke, dass du gekommen bist”, sagte die junge Frau, die gerade ihre Tracht anzog. Am Tisch lagen zwei Tücher, die Bockelnadeln, der Schleier, und die Mutter bügelte noch fleißig die Schürze. Heike Schuster, die junge Frau, war sehr aufgeregt. Ein paar Tage vorher war sie mit ihrer Familie, also den Eltern und dem Mann Peter, aus Deutschland gekommen, um beim ersten Reichesdorfer Heimattreffen dabei zu sein. In die Kirche kann man nur in Tracht gehen, deswegen war so viel Rummel im Pfarrhaus, wo sie untergebracht waren. Die weiße Bluse, die sie anhatte, erzählte die Mutter, sei mit einer einzigartigen Stickerei geschmückt worden. „In unserer Klasse hatten alle Kolleginnen ein anderes Muster auf ihre Blusen gestickt”, erinnerte sie sich.

Bluse und Tracht wurden schnell angezogen, aber beim Verschleiern ging es nicht mehr so einfach. Haube, Banderl, Schleier, Bockelnadeln – dafür brauchte man sechs flinke Hände und das Wissen und Können von Katherl, einer älteren Sächsin, die in den 90-er Jahren ausgewandert ist und jetzt für das Treffen dabei war, um die junge, verheiratete Frau traditionsgemäß zu bockeln.

Zur Tradition gehört auch der Gottesdienst, denn kein Treffen der Sachsen kann beginnen, ohne in der Kirche in der alten Heimat zu beten. Brav ging Familie Schuster in die Kirche, von den Blicken der Gäste verfolgt, denn wenige der über 90 Teilnehmer zogen die Tracht an, entweder, weil sie nicht mehr passte, oder weil man sie nicht mehr hatte.
  Pfarrer Ulf Ziegler predigte nicht nur vor den Reichesdorfern, zugegen waren auch Evangelische aus Scharosch, Elisabethstadt und Birthälm. Er verlas auch einen Brief von Reinhart Guib, dem Bischof der evangelischen Kirche A.B. in Rumänien, in dem dieser den Ausgewanderten Neuigkeiten über die Situation mit ihren positiven und negativen Seiten der einst zahlreichen Minderheitenkirche vermittelte.

Nach dem Gottesdienst trafen sich alle Gäste im Pfarrhaus bei Kaffee und Kuchen. Die begabten Rumäninnen aus dem Dorf hatten Hanklich nach sächsischer Art vorbereitet. Ein richtiges Wiesenfest gab es einen Tag zuvor im Schatten des dichten Reichesdorfer Waldes - Mici und Gratar wie in alten Zeiten. Sie haben gemeinsam mit Liv Müller und Helmut Novak Volkslieder gesungen, und manch einer hat beim Siebenbürgenlied auch ein paar Tränen vergossen.  Um den Kater von Freitagabend und den kurzen Schlaf zu verjagen, fuhren die Sachsen am Samstag in Pferdewagen über die Berge in der Gegend. „Nun kann ich aber nicht weiterfahren, bis ich hier nicht erkläre warum die Wegwarte so heißt", sagt plötzlich eine Reichesdorferin. Heike Schuster, die junge, verheiratete Frau, die in Tracht in die Kirche ging, hat die Geschichte von ihrer Mutter gehört. Sie versuchte, sich zu erinnern: „Es war einmal ein Mädchen, das so blaue Augen hatte wie diese Blume, und sie war in einen jungen Mann verliebt, der in den Krieg zog. Sie versprach ihm, auf ihn zu warten, bis er wieder kommt. Sie wartete auf ihn, aber er kam nie wieder, weil er im Krieg gefallen war. Da kam eine Fee und verwandelte das Mädchen in diese Blume. So wartet sie immer noch auf ihren Liebsten”, erzählte die junge Frau.

Lange warten mussten auch die Ausgewanderten, um an dem ersten Treffen in der alten Heimat teilzunehmen. Dieses ist der holländischen Familie Timmerman und dem Mediascher Kurator Wilhelm Untch, der selbst Reichesdorfer ist, zu verdanken. Vor zwei Jahren kam die Idee auf, und die Heimatortsgemeinschaft hat zugestimmt. Werner Meyndt, der Vorsitzende der HOG, erinnerte sich, dass das erste Beisammensein 1988 in Geretsried bei München stattfand. Er war auch damals der Antreiber und hat es durchgezogen, jedes zweite Jahr in Deutschland ein Reichesdorfer Treffen zu organisieren. Ob ein weiteres Treffen in Reichesdorf organisiert wird, das hängt nun von der Resonanz dieses Treffens ab. Heike Schuster und ihre Familie waren sehr froh, dass sie eine Gelegenheit hatten, in die alte Heimat zu kommen, und meinten, dass sie gerne bei einem nächsten Treffen dabei sein würden. Eins ist sicher: Familie Timmerman und die letzten verbliebenen Sachsen in Reichesdorf würden gerne noch einmal die ausgewanderten Landsleute in der alten Heimat herzlich willkommen heißen.

Anamaria Alecusan / Hermannstätter Zeitung


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Für unsere Jüngsten
Der Tannenbaum

Draußen im Walde stand ein niedlicher kleiner Tannenbaum; er hatte einen guten Platz, die Sonne beschien ihn mit warmen Strahlen, und ringsherum wuchsen viele größere Kameraden, Tannen und Fichten. Aber dem kleinen Tannenbaum schien nichts so wichtig wie das Wachsen; er achtete nicht der warmen Sonne und der frischen Luft, er kümmerte sich nicht um die Bauernkinder, die herausgekommen waren, um Erdbeeren und Himbeeren zu sammeln. Oft kamen sie mit einem ganzen Topf voll oder hatten Erdbeeren auf einen Strohhalm gezogen, dann setzten sie sich neben den kleinen Tannenbaum und sagten: „Wie niedlich klein der ist!” Das mochte der Baum gar nicht hören. Im folgenden Jahre war er ein langes Glied größer, und das Jahr darauf um noch eins, denn bei den Tannenbäumchen kann man immer an den Gliedern, die sie haben, sehen, wie viele Jahre sie gewachsen sind.

„Oh, wäre ich doch so ein großer Baum wie die anderen!”, seufzte das kleine Bäumchen. „Dann könnte ich meine Zweige so weit umher ausbreiten und mit der Krone in die weite Welt hinausblicken! Die Vögel würden dann Nester zwischen meinen Zweigen bauen, und wenn der Wind weht, könnte ich so vornehm nicken, gerade wie die anderen dort!” Er hatte gar keine Freude am Sonnenschein, an den Vögeln und den Wolken, die über ihn hinsegelten. War es nun Winter und der Schnee lag ringsumher funkelnd weiß, so kam häufig ein Hase angesprungen und setzte gerade über den kleinen Baum weg. Oh, das war ärgerlich! Aber zwei Winter vergingen, und im dritten war das Bäumchen so groß, dass der Hase um dasselbe herumlaufen musste. „Oh, wachsen, wachsen, groß und alt werden, das ist doch das einzig Schöne in dieser Welt!”, dachte der Baum.
Jeden Herbst kamen Holzfäller und fällten einige der größten Bäume, und dem jungen Tannenbaum, der nun ganz gut gewachsen war, schauderte dabei; denn die großen, prächtigen Bäume fielen mit Knacken und Krachen zur Erde. Die Zweige wurden abgehauen, die Bäume sahen ganz nackt, lang und schmal aus; sie waren fast nicht mehr zu erkennen. Aber dann wurden sie auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie davon, aus dem Wald hinaus.

Wohin sollten sie? Was stand ihnen bevor? Im Frühjahr, als die Schwalben und Störche kamen, fragte sie der Baum: „Wisst ihr, wohin sie geführt wurden? Seid ihr ihnen begegnet?“

Die Schwalben wussten nichts, aber der Storch sah nachdenklich aus, nickte mit dem Kopfe und sagte: „Ja, ich glaube wohl; mir begegneten viele neue Schiffe, als ich aus Ägypten über das Mittelmeer flog. Auf den Schiffen waren prächtige Mastbäume, ich darf annehmen, dass sie es waren; sie hatten Tannengeruch. Ich kann vielmals grüßen, sie prangen, sie prangen!” „Oh, wäre ich doch auch groß genug, um über das Meer hinfahren zu können! Was ist das eigentlich dieses Meer, und wie sieht es aus?” „Ja, das ist weitläufig zu erklären!”, sagte der Storch, und damit ging er.

„Freue dich deiner Jugend!”, sagten die Sonnenstrahlen. „Freue dich deines frischen Wachstums, des jungen Lebens, das in dir ist!” Und der Wind küsste den Baum, und der Tau weinte Tränen über ihn, aber das verstand der Tannenbaum nicht.

Wenn es auf Weihnachten zuging, wurden ganz junge Bäume gefällt, Bäume, die oft nicht einmal so groß oder gleichen Alters mit unserem Tannenbaum waren, der weder Rast noch Ruhe hatte, sondern immer davon wollte; diese jungen Bäume, und es waren gerade die allerschönsten, behielten immer alle ihre Zweige; sie wurden auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie von dannen zum Walde hinaus.

„Wohin sollen diese?”, fragte der Tannenbaum. „Sie sind nicht größer als ich, einer ist sogar viel kleiner; weswegen behalten sie alle ihre Zweige? Wohin fahren sie?”

„Das wissen wir! Das wissen wir!”, zwitscherten die Sperlinge. „Unten in der Stadt haben wir in die Fenster geschaut! Wir wissen, wohin sie fahren! Oh, sie gelangen zur größten Pracht und Herrlichkeit, die man sich denken kann. Wir haben in die Fenster gesehen und erblickt, dass sie mitten in der warmen Stube aufgepflanzt und mit den schönsten Sachen, vergoldeten Äpfeln, Honigkuchen, Spielzeug und vielen hundert Lichtern geschmückt werden.”

„Und dann?”, fragte der Tannenbaum und bebte in allen Zweigen. „Und dann? Was geschieht dann?”
„Ja, mehr haben wir nicht gesehen! Das war unvergleichlich schön!” „Ob ich wohl bestimmt bin, diesen strahlenden Weg zu betreten?”, jubelte der Tannenbaum. „Das ist noch besser, als über das Meer zu ziehen! Wäre es doch erst Weihnachten! Nun bin ich hoch und entfaltet wie die anderen, die im vorigen Jahr davon geführt wurden! Oh, wäre ich erst auf dem Wagen, wäre ich doch in der warmen Stube mit all der Pracht und Herrlichkeit! Und dann? Ja, dann kommt noch etwas Besseres, noch Schöneres, warum würden sie mich sonst so schmücken? Es muss noch etwas Größeres, Herrlicheres kommen! Aber was?” „Freue dich unser!”, sagten die Luft und das Sonnenlicht. „Freue dich deines Lebens im Freien!” Aber er freute sich durchaus nicht; er wuchs und wuchs, Winter und Sommer stand er grün. Die Leute, die ihn sahen, sagten:

„Das ist ein schöner Baum!” Und zur Weihnachtszeit wurde er von allen zuerst gefällt. Die Axt hieb tief durch das Mark; der Baum fiel mit einem Seufzer zu Boden, er fühlte einen Schmerz, eine Ohnmacht, er konnte gar kein Glück empfinden, er war betrübt, von der Heimat scheiden zu müssen, von dem Flecke, auf dem er emporgeschossen war. Er wusste ja, dass er die lieben, alten Kameraden, die kleinen Büsche und Blumen ringsumher nie mehr sehen würde, ja vielleicht nicht einmal die Vögel. Die Abreise hatte durchaus nichts Behagliches.

Der Baum kam erst wieder zu sich selbst, als er im Hofe, mit anderen Bäumen abgeladen, einen Mann sagen hörte: „Dieser hier ist prächtig! Wir brauchen nur diesen!”

Nun kamen zwei Diener in vollem Staat und trugen den Tannenbaum in einen großen, schönen Saal. Ringsherum an den Wänden hingen Bilder, und bei dem großen Kachelofen standen große chinesische Vasen mit Löwen auf den Deckeln; da waren seidene Sessel, große Tische voll von Bilderbüchern und Spielzeug für hundert mal hundert Taler, wenigstens sagten das die Kinder. Der Tannenbaum wurde in ein großes, mit Sand gefülltes Fass gestellt, aber niemand konnte sehen, dass es ein Fass war, denn es wurde rundherum mit grünem Zeug behängt und stand auf einem großen, bunten Teppich. Oh, wie der Baum bebte! Was würde da noch vorgehen? Die Diener und die Mädchen schmückten ihn. An einen Zweig hängten sie kleine Netze, aus farbigem Papier ausgeschnitten, jedes Netz war mit Zuckerwerk gefüllt; vergoldete Äpfel und Walnüsse hingen herab, als wären sie festgewachsen, und über hundert rote, blaue und weiße kleine Lichter wurden in den Zweigen festgesteckt. Puppen, die wie Menschen aussahen – der Baum hatte früher nie solche gesehen – schwebten im Grünen, und hoch oben in der Spitze wurde ein Stern befestigt. Das war prächtig, ganz außerordentlich prächtig!

„Heute Abend”, sagten alle, “heute Abend wird er strahlen!”

„Oh“, dachte der Baum, „wäre es doch Abend! Würden nur die Lichter bald angezündet! Und was dann wohl geschieht? Ob da auch Bäume aus dem Walde kommen, mich zu sehen, und die Sperlinge gegen die Fensterscheiben fliegen? Ob ich hier festwachse und Winter und Sommer geschmückt stehen werde?“ Ja, er wusste gut Bescheid, aber er hatte ordentlich Borkenschmerzen vor lauter Sehnsucht, und Borkenschmerzen sind für einen Baum ebenso schlimm wie Kopfschmerzen für uns. Nun wurden die Lichter angezündet. Welcher Glanz! Welche Pracht! Der Baum bebte in allen Zweigen dabei, so dass eins der Lichter das Grüne anbrannte; es sengte ordentlich. Nun durfte der Baum nicht einmal beben. Oh, das war ein Grauen! Ihm war bange, etwas von seinem Staat zu verlieren; er war ganz betäubt von all dem Glanze. Da gingen beide Flügeltüren auf, und eine Menge Kinder stürzte herein, als wollten sie den ganzen Baum umwerfen, die älteren Leute kamen bedächtig nach; die Kleinen standen ganz stumm, aber nur einen Augenblick, dann jubelten sie wieder, dass es laut schallte, sie tanzten um den Baum herum, und ein Geschenk nach dem andern wurde abgepflückt. „Was machen sie?“, dachte der Baum. „Was soll geschehen?“ Die Lichter brannten gerade bis auf die Zweige herunter, und wo sie niederbrannten, wurden sie ausgelöscht, und dann erhielten die Kinder die Erlaubnis, den Baum zu plündern. Oh, sie stürzten auf denselben ein, dass es in allen Zweigen knackte; wäre er nicht mit der Spitze an der Decke festgemacht gewesen, so wäre er umgestürzt.

Die Kinder tanzten mit ihren prächtigen Spielzeug herum, niemand sah nach dem Baume, ausgenommen das alte Kindermädchen, welches kam und zwischen die Zweige blickte, aber es geschah nur, um zu sehen, ob nicht noch eine Feige oder ein Apfel vergessen sei. „Eine Geschichte, eine Geschichte!”, riefen die Kinder und zogen einen kleinen, dicken Mann gegen den Baum hin, und er setzte sich gerade unter denselben. „Denn so sind wir im Grünen”, sagte er, „und der Baum kann besonders Nutzen davon haben, zuzuhören! Aber ich erzähle nur eine Geschichte. Wollt ihr die von Ivede-Avede oder die vom Klumpe-Dumpe hören, der die Treppen hinunterfiel und dann doch noch die Prinzessin erhielt?” „Ivede-Avede!”, schrien einige, „Klumpe-Dumpe!” schrien andere. Das war ein Rufen und Schreien! Nur der Tannenbaum schwieg ganz still und dachte: „Komme ich gar nicht mit, werde ich nichts dabei zu tun haben?“ Er war ja mit gewesen, hatte ja geleistet, was er sollte.
Der Mann erzählte von Klumpe-Dumpe, welcher die Treppen hinunterfiel und doch die Prinzessin erhielt. Die Kinder klatschten in die Hände und riefen: „Erzähle, erzähle!” Sie wollten auch die Geschichte von Ivede-Avede hören, aber sie bekamen nur die von Klumpe-Dumpe. Der Tannenbaum stand ganz stumm und gedankenvoll, nie hatten die Vögel im Walde dergleichen erzählt. Klumpe-Dumpe fiel die Treppe hinunter und bekam doch die Prinzessin! „Ja, ja, so geht es in der Welt zu!“, dachte der Tannenbaum und glaubte, dass es wahr sei, weil es ein so netter Mann war, der es erzählte. „Ja, ja! Vielleicht falle ich auch die Treppe hinunter und bekomme eine Prinzessin!“

Und er freute sich, den nächsten Tag wieder mit Lichtern und Spielzeug, Gold und Früchten aufgeputzt zu werden. „Morgen werde ich nicht zittern!“, dachte er. „Ich will mich recht aller meiner Herrlichkeit freuen. Morgen werde ich wieder die Geschichte von Klumpe-Dumpe und vielleicht auch die von Ivede-Avede hören.“ Und der Baum stand die ganze Nacht still und gedankenvoll.

Am Morgen kamen die Diener und das Mädchen herein. „Nun beginnt der Staat aufs Neue!“, dachte der Baum; aber sie schleppten ihn zum Zimmer hinaus, die Treppe hinauf auf den Boden und stellten ihn in einen dunklen Winkel, wohin kein Tageslicht schien. „Was soll das bedeuten?“, dachte der Baum. „Was soll ich hier wohl machen? Was mag ich hier wohl hören sollen?“ Er lehnte sich gegen die Mauer und dachte. Er hatte Zeit genug, denn es vergingen Tage und Nächte; niemand kam herauf, und als endlich jemand kam, so geschah es, um einige große Kasten in den Winkel zu stellen; der Baum stand ganz versteckt, man musste glauben, dass er ganz vergessen war.


„Es ist Winter draußen!“, dachte der Baum. „Die Erde ist hart und mit Schnee bedeckt, die Menschen können mich nicht pflanzen; deshalb soll ich wohl bis zum Frühjahr hier zum Schutz stehen! Wäre es hier nur nicht so dunkel und schrecklich einsam! Nicht einmal ein kleiner Hase! Das war doch schön da draußen im Walde, wenn Schnee lag und der Hase vorbeisprang. Ja, selbst als er über mich hinwegsprang; aber damals mochte ich es nicht leiden. Hier oben ist es doch schrecklich einsam!“

„Piep!, piep!”, sagte da eine kleine Maus und huschte hervor; und dann kam noch eine kleine. Sie beschnüffelten den Tannenbaum und dann schlüpften sie zwischen dessen Zweige. „Es ist eine gräuliche Kälte”, sagten die kleinen Mäuse. „Sonst ist‘s hier gut; nicht wahr, du alter Tannenbaum?”

„Ich bin gar nicht alt!”, sagte der Tannenbaum. „Es gibt viele, die weit älter sind denn ich!” „Woher kommst du”, fragten die Mäuse, „und was weißt du?” Sie waren gewaltig neugierig. „Erzähl uns doch von den schönsten Orten der Erde! Bist du dort gewesen? Bist du in der Speisekammer gewesen, wo Käse auf den Brettern liegen und Schinken unter der Decke hängen, wo man auf Talglicht tanzt, mager hineingeht und fett herauskommt?”

„Das kenne ich nicht”, sagte der Baum, „aber den Wald kenne ich, wo die Sonne scheint und die Vögel singen!” Und dann erzählte er alles aus seiner Jugend. Die kleinen Mäuse hatten früher nie dergleichen gehört, und sie horchten auf und sagten: „Wieviel du gesehen hast! Wie glücklich du gewesen bist!” „Ich?”, sagte der Tannenbaum und dachte über das, was er selbst erzählte, nach. „Ja, es waren im Grunde ganz fröhliche Zeiten!” Aber dann erzählte er vom Weihnachtsabend, wo er mit Kuchen und Lichtern geschmückt war. „Oh“, sagten die kleinen Mäuse, „wie glücklich du gewesen bist, du alter Tannenbaum!” „Ich bin gar nicht alt!”, sagte der Baum. „Erst in diesem Winter bin ich vom Walde gekommen! Ich bin in meinem allerbesten Alter, ich bin nur so aufgeschossen!”

„Wie schön du erzählst!”, sagten die kleinen Mäuse, und in der nächsten Nacht kamen sie mit vier anderen kleinen Mäusen, die den Baum erzählen hören sollten, und je mehr er erzählte, desto deutlicher erinnerte er sich selbst an alles und dachte: „Es waren doch ganz fröhliche Zeiten! Aber sie können wiederkommen! Klumpe-Dumpe fiel die Treppe hinunter und erhielt doch die Prinzessin, vielleicht kann ich auch eine Prinzessin bekommen.“ Und dann dachte der Tannenbaum an eine kleine niedliche Birke, die draußen im Walde wuchs, das war für den Tannenbaum eine wirklich schöne Prinzessin.

„Wer ist Klumpe-Dumpe?”, fragten die kleinen Mäuse. Da erzählte der Tannenbaum das ganze Märchen, er konnte sich jedes einzelnen Wortes entsinnen. Die kleinen Mäuse waren aus lauter Freude bereit, bis an die Spitze des Baumes zu springen. In der folgenden Nacht kamen weit mehr Mäuse, und am Sonntag sogar zwei Ratten, aber die meinten, die Geschichte sei nicht hübsch, und das betrübte die kleinen Mäuse, denn nun hielten sie auch weniger davon. „Wissen Sie nur die eine Geschichte?”, fragten die Ratten.

„Nur die eine”, antwortete der Baum, „die hörte ich an meinem glücklichsten Abend, aber damals dachte ich nicht daran, wie glücklich ich war.” „Das ist eine höchst jämmerliche Geschichte! Kennen Sie keine von Speck und Talglicht? Keine Speisekammergeschichte?”
„Nein!”, sagte der Baum.

„Ja, dann danken wir dafür!”, erwiderten die Ratten und gingen zu den Ihrigen zurück. Die kleinen Mäuse blieben zuletzt auch weg, und da seufzte der Baum: „Es war doch ganz hübsch, als sie um mich herum saßen, die beweglichen kleinen Mäuse, und zuhörten, wie ich erzählte! Nun ist auch das vorbei! Aber ich werde daran denken, mich zu freuen, wenn ich wieder hervorgenommen werde.”

Aber wann geschah das? Ja, das war eines Morgens, da kamen Leute und wirtschafteten auf dem Boden; die Kasten wurden weggesetzt, der Baum wurde hervorgezogen, sie warfen ihn freilich ziemlich hart gegen den Fußboden, aber ein Diener schleppte ihn gleich nach der Treppe hin, wo der Tag leuchtete.

„Nun beginnt das Leben wieder!“, dachte der Baum; er fühlte die frische Luft, die ersten Sonnenstrahlen, und nun war er draußen im Hofe. Alles ging geschwind, der Baum vergaß völlig sich selbst zu beachten, da war so vieles ringsumher zu sehen. Der Hof stieß an einen Garten, und alles blühte darin; die Rosen hingen frisch und duftend über das kleine Gitter hinaus, die Lindenbäume blühten, und die Schwalben flogen umher und sagten: „Quirrewirrevit, mein Mann ist gekommen!” Aber es war nicht der Tannenbaum, den sie meinten.

„Nun werde ich leben!”, jubelte dieser und breitete seine Zweige weit aus; aber ach, die waren alle vertrocknet und gelb; und er lag da zwischen Unkraut und Nesseln. Der Stern von Goldpapier saß noch oben an der Spitze und glänzte im hellen Sonnenschein.

Im Hofe selbst spielten ein paar von den Kindern, die zur Weihnachtszeit den Baum umtanzt hatten und so froh über ihn gewesen waren. Eins der kleinsten lief hin und riss den Goldstern ab. „Sieh, was da noch an dem hässlichen, alten Tannenbaum sitzt!”, sagte es, und trat auf die Zweige, so dass sie unter seinen Stiefeln knackten.

Der Baum sah auf all die Blumenpracht und Frische im Garten, er betrachtete sich selbst und wünschte, dass er in seinem dunklen Winkel auf dem Boden geblieben wäre; er gedachte seines freien Lebens im Walde, des lustigen Weihnachtsabends und der kleinen Mäuse, die so munter die Geschichte von Klumpe-Dumpe angehört hatten.

„Vorbei, vorbei!”, sagte der arme Baum. „Hätte ich mich doch gefreut, als ich es noch konnte! Vorbei, vorbei!”

Der Diener kam und hieb den Baum in kleine Stücke, ein ganzes Bund lag da; hell flackerte es auf unter dem großen Braukessel. Der Baum seufzte tief, und jeder Seufzer war einem kleinen Schusse gleich; deshalb liefen die Kinder, die da spielten, herbei und setzten sich vor das Feuer, blickten hinein und riefen: „Piff, paff!”

Aber bei jedem Knalle, der ein tiefer Seufzer war, dachte der Baum an einen Sommerabend im Walde oder an eine Winternacht da draußen, wenn die Sterne funkelten; er dachte an den Weihnachtsabend und an Klumpe-Dumpe, das einzige Märchen, welches er gehört hatte und zu erzählen wusste – und dann war der Baum verbrannt.

Die Jungen spielten im Garten, und der kleinste hatte den Goldstern auf der Brust, den der Baum an seinem glücklichsten Abend getragen hatte; nun war der vorbei, und mit dem Baum war es auch zu Ende und mit der Geschichte auch, und so geht es mit allen Geschichten!

Hans-Christian Andersen


h

Rätsel

Hat ein weißes Röckchen an,
freut sich, dass es fliegen kann.
Fängst du‘s mit den Händen ein,
wird es bald geschmolzen sein.

Ich kenne einen guten Mann,
im Winter liebt ihn jedermann.
Doch, wenn die Sommerblumen blüh‘n,

kümmert sich kein Mensch um ihn.
Der Mann in vielen Stuben steht
und niemals von der Stelle geht.

Was grünt im Sommer und im Winter,
erfreut zur Weihnachtszeit die Kinder?


i

Immer dabei sein

Der Reichesdorfer Bote ist angelangt
der ist uns ja allen wohl bekannt,
um die Neuigkeit zu lesen,
denn neugierig ist man schon immer gewesen.

Im Leben kann so vieles gescheh‘n
und so Gott will es muss weitergehen.
Manchmal fährt man auch Achterbahn, mal rauf, mal runter,
durch das Geschehen, wird man wieder munter.

Wir gehen dahin und wandern
von einem Jahr zum andern.
Die Technik ist ganz groß geschrieben und fast übertrieben.

Wir älteren Leute können es kaum fassen,
ob Fernseher, Computer, Receiver, Handy und desgleichen,
wie alles heißt hat man nicht im Kopf
und drückt schon auf den falschen Knopf.

Mit den Gedanken in der Vergangenheit
hat sich vieles geändert, mit der Zeit.
Auch der Sport ist hier ganz wichtig
dann geht das Fett weg, auch ganz richtig.

Wer mit sechzig Sport kann machen,
der kann noch weiter lachen,
dann mit siebzig, das gibt sich.
Wer mit achtzig noch kein Wehwehchen und kein Leiden,
der kann den Sport auch weiter treiben.

Wenn man auch nur auf dem Sofa sitzt
und streichelt die Katze auf dem Schoß,
denn das Alter ist schon groß.

Ich wünsche Euch einen schön Tag,
an dem die Sonne scheinen mag.
Lasst es Euch gut gehen,
dann werdet Ihr in Ruhe weiter sehen.

Regina Pinnes (geb.Mood):


j

Reiseeindrücke aus Siebenbürgen

Wie schon oft bin ich auch dieses Jahr wegen meiner Krankheit im Bad „Baasen“ zur Kur.
Am 24 April geht es los. Es ist eine angenehme Fahrt und wir sind im Morgengrauen an der rumänischen Grenze. Ohne große Kontrollen geht es über Arad, Lipova, Deva, durch das Miereschtal über Mühlbach, Hermannstadt nach Mediasch. Die Straßen sind neu, sodass wir die Fahrt in nur sechs Stunden zurücklegen.
Freundlich werde ich in Baasen empfangen. In der Hoffnung, dass mehr Ausländer dort Heilung suchen, gibt es zurzeit ein Angebot, dass es vielen ermöglicht, sich dort behandeln zu lassen, was ich auch jedem weiterempfehlen kann.
Am Sonntag, dem 29. April, ist das 30ste Bezirksgemeindefest „Jubilate“ in Mediasch. Der Festgottesdienst beginnt mit einem Kanon, den die Chorleiterin mit der Gemeinde eingeübt hat, „Lobe den Herren, meine Seele, und seinen heiligen Namen – Amen“, der mit dem Kirchenchor gesungen wird. Der gemischte Chor und die oft gewohnte Liturgie machen den Gottesdienst zu einem großen Erlebnis für mich. Die Kirche ist voll, abschließend wird das Abendmahl ausgeteilt.
Alle Anwesenden bekommen eine Essensmarke. Im Festzelt gibt es dann ein Mittagessen, gefülltes Kraut und als Nachtisch Striezel und Kaffee.
Zum Festprogramm ist eine Tanzgruppe aus Schässburg eingeladen.
Wilhelm Untch, Reichesdorf 293, begrüßte mit auserwählten Worten die Anwesenden ganz herzlich. Danach folgt ein Bericht aus Elisabethstadt.
In unserer schönen sächsischen Tracht bietet die Tanzgruppe sächsische Tänze nach deutschen Melodien mit einer freudigen Leichtigkeit, die unserer Nation etwas abhandengekommen ist. Dafür ernteten sie viel Applaus. Eine Kinder-Gitarrengruppe singt bekannte Frühlingslieder, alle Anwesenden singen freudig mit; das gibt allen Anwesenden ein schönes Heimatgefühl.
Es ist nicht alles perfekt, doch gerade das macht alles so sympathisch und schön, weil sie alles so unschuldig tun und nicht gedrillt wirken.
An dieser Stelle möchte ich ein herzliches Dankeschön sagen an Herren und Frau Pfarrer Servatius, sowie an Herren Pfarrer Ziegler. Ihre Kinder werden dort gleich dreisprachig erzogen (sie gehen in den ungarischen Kindergarten). Sie machen sich viel Mühe, um unsere noch dort Lebenden und uns, die wir gelegentlich dort sind, einen so schönen Sonntag zu bereiten. Herzlichen Dank.
Sie versuchen, in der alten Heimat eine deutsche Gemeinschaft zu erhalten. Ab dem Herbst wird eine Berufsfortbildung von der evangelischen Kirche angeboten und finanziert.
Nur wer in den deutschen Konfirmandenunterricht geht und konfirmiert wird, darf dort mitmachen, darüber, dass da viel rumänisch gesprochen wird, darf man sich nicht wundern.
Mich stimmt es immer traurig, dass gerade wir die Generation sind, die alles aufgegeben haben, was unsere Vorfahren in Jahrhunderten Arbeit für uns aufgebaut haben.
Darum sollten wir als kleinen Dank ihre Grabstätten in Ehren halten. Es sind wieder einige Grabsteine auf dem Friedhof umgefallen.
Sollte es unserem HOG Vorstand gelingen, die jungen Männer, die beim Treffen in Reichesdorf mitmachen, einen Tag länger für Reichesdorf einzuplanen und diese Steine aufzuheben, wäre ihnen ein besonderer Dank aller gewiss. Sollten dazu ihre Frauen, wie wir gerne sagen, „eine Schürze vorbinden“ und zwischen den Gräbern den Schmutz zusammenrechen, wäre das wunderbar. Ich wäre gerne dabei. Dies alles ist in den 250€ nicht eingerechnet.
Dieses sind wir unseren Eltern oder Großeltern, Gatten oder Kindern schuldig. Nur noch ganz kurz zu Reichesdorf, wenn man vom Friedhof über unser Dorf schaut, meint man, dass die Zeit vor zwanzig Jahren stehen geblieben ist.
Die Dächer leuchten, frisch vom Regen gewaschen, in der Mittagssonne.
Im Dorf fehlt eben die fleißige Hand, die Hand unserer Sachsen.
Zufällig treffe ich beim Einkauf viele der noch dort lebenden Rumänen (unseres Alters); da kommt oft die erste gestellte Frage, die ich nie richtig entkräften konnte: „Es sind so viele Sachsen in Deutschland gestorben, ob sie wohl an Heimweh starben?“
Darauf meine Gegenfrage: „Es sind auch viele von Euch verstorben, junge Menschen, die noch leben sollten, ob sie wohl aus Leid starben, weil die Sachsen auswanderten?“
Darüber haben wir gut gelacht.
Den Versuch, diesen schönen deutschen Spruch zu übersetzen, gelang mir nur zum Teil:
„Da ihr Leben nun zu Ende
und vergangen ihre Zeit,
nimm sie, Herr, in Deine Hände
schenke Ihnen Ewigkeit.
Anbei soll ich alle grüßen, die sich noch an sie erinnern: Augustin und Ani?a ?alcaian, Ana Comsa, Geni Hegedysch und Anusca Costica.
Sie wünschen allen Gesundheit und Wohlergehen.
Sehen wir mal über die Taten des zweiten Weltkrieges hinweg, so war es doch ein recht gutes Auskommen miteinander.
Die Wünsche aller Deutschen, zu denen wir uns nun auch zählen dürfen, sind, dass die Taten aller Beteiligten des zweiten Weltkrieges auf beiden Seiten, Tätern als auch denen, die mitgemacht haben, vergeben und vergessen werden sollten, und so wollen wir auch uns verhalten. Sie haben uns doch zum Guten verholfen Zu diesem Thema möchte ich gerne noch Gedanken anderer hören, dies ist meine Meinung. Nur wo vergeben und vergessen wird, gibt es eine gute Zukunft, die wir unseren Kindern wünschen.

von Johanna Untch


Meine Meinung: 

Vergeben ist göttlich,
doch Vergessen ist menschlich.

Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Siebenbürger, viele Reichesdorfer Sachsen die Taten der „Rumänen und Zigeuner“ nicht vergessen können, denn vergessen ist ja menschlich.
Überhaut die betroffene Generation, die es damals am eigenen Leib erfahren hat, die um ihr Leben fürchtete, wird sich mit dem Vergessen schwer tun.
Nun, drei Generationen später, wollen auch wir nicht vergessen, was im Namen des Nationalsozialismus geschehen ist. Wir wollen aber auch nicht vergessen, was von der anderen Seite unseren Siebenbürger Sachsen angetan wurde, im Namen der Wiedergutmachung: Flucht, Vertreibung, Enteignung, Folter, Gefängnis. Und das alles nur, weil sie Deutsche sind? Sie wurden bestraft, für das, was im Namen „Nazideutsch-lands“ an Unrecht geschehen ist. Kurios dabei ist, dass Rumänien bei diesem bösen Spiel an der Seite Nazideutschlands munter mitgemischt hat.
Unrecht kann nie mit Unrecht gesühnt werden.
Aber nun, drei Generationen weiter, kann man das Geschehen etwas nüchterner betrachten.
Die Zeit heilt alle Wunden, sagt man.
Knapp siebzig Jahre nach den Gräueltaten des Krieges ist vieles in Vergessenheit geraten, vieles wird verdrängt und vieles kann von den Enkelkindern der geschädigten Generation nicht nachvollzogen werden. Unsere Generation, die von diesen Gräueltaten nur durch Erzählungen der Eltern und Großeltern Kenntnis hat, hat nichts zu vergeben, weil ihnen ja kaum Unrecht in diesem Sinne angetan wurde. Das Unrecht und die Unannehmlichkeiten, die wir erleben mussten, gingen auf Kosten des kommunistischen Regimes. Da waren Rumänen und Zigeuner (Nichtkommunisten) kaum besser gestellt als wir Deutsche.
Dieses Regime, korrupt und verlogen, war kaum besser als das „Nationalsozialistische“.
Wie beten wir in unserem Gebet:
Herr vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigeren.
Mögen wir nie Schuld auf uns laden, sowie wir auch nicht wünschen, andere um Vergebung bitten zu müssen.
In diesem Sinne wollen wir jedem in die Augen schauen können und uns auch in die Augen sehen lassen.

Denn Vergeben ist göttlich,
Vergessen jedoch menschlich.

Heinrich Maiterth


k


Die wundersame Vermehrung der deutschen Minderheit

Für einen Platz in der deutschen Schule verleugnet so mancher seine rumänischen Wurzeln.
Von: Nina May
Schuldirektorin Cristina Popa: „Es müsste mehr Wege geben, Deutsch zu lernen, denn der Bedarf ist größer als die vorhandenen Möglichkeiten.“

Ist es handfester Betrug oder nur eine Kuriosität – süffisant belächelt von so manchem authentischen Mitglied der seit der Wende arg zusammengeschrumpften deutschen Minderheit in Rumänien? Überrascht war jedenfalls nicht nur Cristina Popa, Direktorin des Goethe-Kollegs in Bukarest, als sich in der ersten Etappe der Einschreibungen für die Vorbereitungsklasse und erste Klasse, reserviert für Angehörige der deutschen Minderheit, diese auf einmal fast verzehnfacht hat! Und das, obwohl es weitere Einschreibungstermine gibt, bei denen die ethnische Zugehörigkeit kein Kriterium ist. Überrascht war sicherlich auch das Unterrichtsministerium über die grotesken Auswirkungen der neuen Einschreibungsregelung, der zufolge kein Einstufungstest mehr durchgeführt werden darf, weil unabhängig von der Sprachkenntnis jedem Mitglied der deutschen Minderheit eine Ausbildung in seiner Muttersprache garantiert wird.

Hier schlug eine offensichtliche Gesetzeslücke zu, nämlich die Frage, wie man die Zugehörigkeit zu dieser Minderheit überhaupt offiziell definiert. Denn derzeit kann jeder rumänische Staatsbürger vor dem Notar auf eigene Verantwortung seine Zugehörigkeit zu einer beliebigen Minderheit erklären. Wer sich als Deutscher, Ungar, Jude oder Roma fühlt, darf dies unbürokratisch und beweislos zu Protokoll geben. Eine sicher sinnvolle Regelung für gemischte Ehen – Missbrauch war bisher kaum vorstellbar. Praktizierte Muttersprache, gepflegtes Brauchtum oder nachweisliche deutschstämmige Einwanderer im Familienstammbaum werden nicht hinterfragt, zu sehr würde dies wohl an den unglückseligen Teil der deutschen Geschichte erinnern. Nun aber stellt sich die Frage: Was macht im ethnischen Mischmasch in Rumänien einen „richtigen Deutschen“ aus? Daran werden sich wohl in Zukunft die Juristen die Zähne ausbeißen dürfen.

Tausche Patriotismus gegen gute Ausbildung

Denn entsprechende Klagen gibt es schon – und es ist sonnenklar, was da geschehen ist: Um ihrem Kind einen Platz an der prestigereichen deutschen Schule zu sichern, verleugneten viele Rumänen ihre ansonsten so geliebten dakischen Wurzeln und bekannten sich kurzerhand zur deutschen Minderheit. Tausche Patriotismus gegen gute Ausbildung! Verständlich einerseits, denn die Chance einer zweisprachigen Erziehung von klein auf bietet bessere Perspektiven als nur zwei Wochenstunden Deutsch als Fremdsprache. Krimineller Betrug andererseits, empören sich jene, die ihrem Kind die gleiche Chance einräumen möchten, ohne ihre rumänische Herkunft verleugnen zu müssen. Auch wenn die Plätze beschränkt sind, erwarten sie zumindest einen fairen Wettbewerb, motiviert der Schauspieler Mihai Calin seine Klage beim Polizeiinspektorat im ersten Bezirk, um eine Untersuchung der umstrittenen Dossiers der „neuen deutschen Minderheit“ zu veranlassen. „Die meisten Plätze wurden auf der Basis von Falschdeklaration vergeben“, empört sich der verzweifelte Vater, dessen Sprössling vier Jahre lang den Deutschen Evangelischen Kindergarten besuchte – immerhin ein hoher finanzieller Aufwand als Vorbereitung auf den erwarteten Einstiegstest am Goethe-Kolleg. „Einen eventuellen Misserfolg beim Test hatte ich einkalkuliert“, meint der Vater. „Es wäre kein Drama gewesen, wenn der Wettbewerb wenigstens korrekt abgelaufen wäre.“ Doch die fadenscheinigen Begründungen einiger Bewerber für ihre Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit – zum Beispiel „Verwandte in Deutschland“ – will er so nicht hinnehmen.

Der Andrang auf staatliche deutsche Bildungseinrichtungen war durchaus abzusehen, wenn auch nicht mit diesen Methoden. Deutsche Kindergärten produzieren viel mehr Bewerber, als es Plätze an deutschen Schulen gibt, bestätigt auch Frau Popa. Insgesamt elf sind es allein in Bukarest, denen eine einzige staatliche Schule gegenübersteht.

Die Abschaffung des Einstiegstests hatte nicht nur unlauteren Wettbewerb zur Folge, sie wirft auch weitere Probleme auf. Denn ob die „neue deutsche Minderheit“ ihrer Wahlmuttersprache überhaupt mächtig ist, sodass alle Kinder dem Unterricht folgen können, steht noch in den Sternen. „Wir hoffen, dass wir wenigstens schulintern einen Test durchführen können, um die Klassen zu homogenisieren“, meint Frau Popa, die wegen dem unerwarteten Andrang in diesem Schuljahr elf Klassen (sieben erste und vier Vorbereitungsklassen) mit ABC-Schützen zu bewältigen hat. Hohe Herausforderungen an Raum, Logistik und vor allem Lehrkräften. „Wie durch ein Wunder konnten wir alle Probleme lösen, weil ein benachbarter Kindergarten Räume zur Verfügung stellt und mehrere Lehrerinnen aus dem Mutterschaftsurlaub zurückkehrten“, meint die Direktorin.

Auch das Budget der Schule wird der Schülerzahl entsprechend vom rumänischen Staat aufgestockt, weshalb man sich normalerweise über regen Andrang freut. „Die ungarische Schule beneidet uns glühend“, schmunzelt sie. Rumänen, die sich im Kampf um einen Schulplatz zur ungarischen Minderheit bekennen, sind wohl eher selten. Wie man mit Kindern mit vielleicht unzureichenden Sprachkenntnissen umgehen soll und wie hoch der Anteil überhaupt sein wird, ist noch nicht klar. „Letztes Jahr meldeten sich 200 Kinder zum Test an, 40 fielen durch“, meint Frau Popa und fügt hinzu, ausgeschlossen sei es nicht, dass überehrgeizige Eltern schlecht vorbereitete Sprösslinge diesem Stress tatsächlich aussetzen. Die Leidtragenden sind die Kinder, denn nichts ist so wichtig wie ein guter Start. Starkes Sieben, um das Niveau zu halten, sei daher auch keine gute Lösung. Außerdem gibt es in der ersten Klasse noch kein Sitzenbleiben, um die Kinder nicht frühzeitig zu frustrieren.

Auch wenn der Einstiegstest bisher ein wirkungsvolles Mittel zur Garantie des Niveaus und vorherkalkulierbarer Schülerzahlen war, hat die Direktorin diesbezüglich auch kritische Anmerkungen. Ihrer Erfahrung nach machten rumänische Eltern in der Vergangenheit großen Druck auf die Kinder, die das Gefühl vermittelt bekamen, ihr Wohl und Wehe hinge allein vom Testergebnis ab. „Eine zu große Verantwortung für dieses zarte Alter.“ Zur Illustration berichtet sie von einem Sprachfeststellungsverfahren in spielerischer Form, um auch schüchterne Kinder aus der Reserve zu locken, wo ein Mädchen protestierte: „Ich bin doch nicht hergekommen, um zu spielen, sondern um eine Prüfung abzulegen!“ Auch gab es viele rumänische Eltern, die sich mit dem Ergebnis partout nicht abfinden wollten, Skandal verursachten oder die Schule verklagten. Keiner der Eltern hatte je gefragt, ob denn überhaupt ausreichend Lehrer vorhanden seien.

Das Kriterium, das es rein rechtlich nicht gibt

Wer ist nun schuld an dem heillosen Chaos? Empörte Eltern machen die Schulleitung zum Sündenbock, doch Cristina Popa stellt klar: Da es sich um eine staatliche Schule handelt, bestimmt allein der Staat die Regeln zur Aufnahme. Auch dort schiebt man den schwarzen Peter ratlos vom einen zum anderen. Zum Beispiel vom Schulamt zum Direktor in der Direktion für den Unterricht in den Sprachen der Minderheiten im Unterrichtsministerium, Alexandru Szepesi. „Wenn die Eltern in eigener Verantwortung deklarieren, dass sie ethnische Deutsche sind, dann ist das eben so“, zitiert Mihai Calin diesen. Der Unterrichtsminister Catalin Baba äußert sich öffentlich, es sei nicht seine Aufgabe, die Zugehörigkeit zu einer Minderheit zu definieren. „Ich frage mich, ob wohl der deutsche Staat diesen ‚ethnischen Deutschen‘ in Zukunft sogar die Staatsbürgerschaft erteilt“, spottet Mihai Calin.

Auch im Internet ist das Thema in aller Munde. Eine in Rumänien lebende Österreicherin war auf die Barrikaden gegangen, nachdem ihr Sohn in der ersten Runde vom Goethe-Kolleg abgewiesen wurde. Ein Leser kommentiert unter dem auf Hotnews erschienenen Artikel, Staatsbürgerschaft und Ethnie seien zwei verschiedene Dinge: Ein ethnisch Deutscher sei ein rumänischer Staatsbürger mit deutschen oder österreichischen Auswanderern als Vorfahren, kein aktuell ausgewanderter Deutscher oder Österreicher. Ein anderer Leser beklagt in diesem Sinne, ein Rumäne in Österreich hätte schließlich auch keinen Anspruch auf rumänischen Unterricht. Ob es eine glückliche Entscheidung war, die Aufnahme an den deutschen Schulen an der formellen Zugehörigkeit zur Minderheit festzumachen – die wiederum nicht definiert ist – anstatt am offensichtlichen Bedarf, nämlich dem Unterricht in Deutsch für tatsächlich Deutsch sprechende Kinder, zu beweisen durch einen Aufnahmetest, egal welcher Ethnie?

Interessant ist aber auch die Frage, warum deutsche Schulen hier überhaupt einen so hohen Stellenwert haben. Ist es die Hoffnung auf spätere Jobchancen in Ländern mit besserem Lohnniveau? Lockt die Gratisausbildung des staatlichen Goethe-Kollegs, im Vergleich zu teuren Privatschulen in anderen Sprachen? Oder hat Deutsch tatsächlich, wie PDL-Abgeordneter William Brânza in der „Evenimentul Zilei“ äußert, einen hohen Stellenwert im Lebenslauf, weil „Englisch bei der Einstellung kein Atout mehr darstellt“? Vielleicht ist es aber auch die Sehnsucht nach den gesellschaftlichen Werten, die man in Rumänien dem deutschen Kulturkreis so gerne zuschreibt – Ehrlichkeit, Fleiß, Zivilisiertheit. Ein verzweifelter Versuch also, wenigstens die nächste Generation aus dem rumänischen Chaos zu befreien? Dann allerdings ist „Ethnienbetrug“ der völlig falsche Ansatz!

 

Allgemeine Deutsche Zeitung


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Rund 1300 Schüler lernen im neuen Schuljahr am Honteruslyzeum

Im neuen Schuljahr gibt es am Honteruslyzeum eine zusätzliche erste Klasse. Damit komme man dem steigenden Interesse der Eltern für einen deutschsprachigen Unterricht ihrer Kinder entgegen, sagte der Direktor des Honteruslyzeums Helmut Wagner auf einer Pressekonferenz beim Sitz des Kronstädter Forums. Fünf erste Klassen entsprechen auch der steigenden Zahl von Kindern, die in Kronstädter deutschen Kindergärten eingeschrieben sind. Zurzeit liegt der Prozentsatz der Schüler am Honteruslyzeum, die zumindest einen deutschstämmigen Elternteil haben (zusammen mit jenen Schülern, die in Deutschland ihren Schulunterricht begonnen haben und ihn nun in Kronstadt fortsetzen) bei sieben bis acht Prozent.

Am Honteruslyzeum gibt es im laufenden Schuljahr siebzehn Grundschulklassen, sechzehn Klassen im Gymnasium (Klassen V-VIII) und sechzehn Lyzeumsklassen. Insgesamt lernen da rund 1300 Schüler die von circa 60 Lehrkräften unterrichtet werden. Mit wenigen Ausnahmen handelt es sich dabei um Fachlehrer, die auf Deutsch unterrichten. Das neue Schuljahr werde, was die Räumlichkeiten und die Ausstattung betrifft, vor allem aus eigenen Mitteln entsprechend vorbereitet, sagte Direktor Wagner. Die praktisch hundertprozentige Bestehungsquote der Abitur-Prüfung belege den guten Ruf, dessen sich diese Schulanstalt in Kronstadt erfreut.

Unterstützung für den deutschsprachigen Unterricht im Kreis Kronstadt und seinen eventuellen Ausbau sowie die Sicherung einer entsprechenden Qualität durch Fortbildungsmaßnahmen der Lehrkräfte sind die Hauptaufgaben die auf die neue Fachinspektorin, Deutschlehrerin Gabriela Adam, zukommen. Sie ersetzt in diesem Amt Georgeta Totea, die in Rente ging, wird aber weiterhin mit halber Lehrnorm am Honteruslyzeum Deutsch als Muttersprache unterrichten.

Frau Adam wurde den Journalisten vom Vorsitzenden des Kronstädter Kreisforums Wolfgang Wittstock vorgestellt. Vorläufig sei ein guter Schulstart wichtig, sagte Adam für die „Karpatenrundschau“. Eventuelle auftretende Probleme müssten deshalb schnell gelöst werden. Ansonsten werde sie sich für eine gute Mitarbeit mit allen Kollegen und Kolleginnen, die Deutsch als Muttersprache oder als Fremdsprache unterrichten, bemühen, sagte Fachinspektorin Adam.

Sie setzt bei ihren Kollegen auch auf jenen „Kern an Idealismus“, den sie, nach 22-jähriger Unterrichtstätigkeit, beibehalten hat. „Lehrer sein ist ein Beruf, den man sich wählt, nicht unbedingt, um steinreich zu werden, sondern weil man es gerne macht. Und wenn man es gerne macht und mit Leib und Seele dabei ist, müsste es ja funktionieren“, sagt die neue Kronstädter Deutsch-Fachinspektorin.

Mathelehrer Hans Wilk, der beim Kreisforum für Unterrichtsfragen zuständig ist, wies darauf hin, dass die Sicherung von gut ausgebildeten deutschsprachigen Fachlehrern die Grundvoraussetzung bleibt, um von einer Zukunft der deutschen Schulen zu sprechen. Seiner Meinung nach müsse man in den letzten Jahren eine verminderte deutsche Sprachkompetenz bei den Schülern und sogar unter den Lehrkräften feststellen.

Bei der Pressekonferenz stellte Wolfgang Wittstock ausführlich das Programm des 21. Sachsentreffens von Samstag und andere damit verbundenen Veranstaltungen vor; der Historiker und Sekretär der Rumänien-Filiale des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde (ASLK), Thomas [indilariu, sprach über die für den 15. und 16. September im Kulturzentrum „Redoute“ angesetzte ASLK-Arbeitstagung.

Politik:
Warum machen wir soviel Aufhebens?
Die britische und amerikanische Haftung in der Frage der Deportation zur Aufbauarbeit in der Sowjetunion von Januar 1945
von Hannelore Baier

In einem Dokument, das 1995 Stefan Karner in seinem Buch „Im Archipel GUPVI. Kriegsgefangenschaft und Internierung in der Sowjetunion 1941-1956“ (im R. Oldenbourg Verlag Wien München) veröffentlichte, wurde erstmals im deutschsprachigen Raum auf den „streng geheimen Befehl 7161 ss“ vom 16. Dezember 1944 Bezug genommen, der anordnete:

„Zwecks Zuführung zu Arbeiten in der UdSSR, sind alle arbeitsfähigen deutschen Männer zwischen 17 und 45 Jahren und Frauen zwischen 18 und 30 Jahren aus den von der Roten Armee befreiten Gebieten Rumäniens, Jugoslawiens, Ungarns, Bulgariens und der Tschechoslowakei zu mobilisieren und zu internieren.“

Die zynische Bemerkung Winston Churchills an den britischen Außenminister ist im Archiv in London (FO 371/48536) erhalten.


 Zu den Geschichtsmythen in den Gemeinschaften der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben gehört auch jener, dass die Deportation von arbeitsfähigen Frauen und Männern in die Sowjetunion im Januar 1945 von „den Rumänen“ angeordnet worden sei.

Die gängige Variante lautet, die Sowjets hätten Arbeitskräfte verlangt und die rumänische Regierung habe die Deutschen ausgeliefert. Diese Version des Hergangs wurde seinerzeit von den führenden Mitgliedern der Deutschen Volksgruppe in Rumänien, d. h. der NS-Organisation der Rumäniendeutschen, kolportiert. Angeführt wird desgleichen (auf Grund einer falschen Information von Andreas Hillgruber), die Deportation zur Aufbauarbeit sei auf Grund eines geheimen Zusatzprotokolls oder einer geheimen Klausel des am 12. September 1944 von Rumänien und den Alliierten in Moskau unterzeichneten Waffenstillstandes erfolgt. Weist man ehemalige Deportierte darauf hin, dass die Aushebungen zumeist von gemischten Trupps, bestehend aus sowjetischen und rumänischen Soldaten bzw. rumänischen Gendarmen durchgeführt wurden, sagen die Betroffenen, „die Russen“ hätten sie verschleppt. Im kollektiven Bewusstsein herrscht jedoch weiterhin die Ansicht vor, die rumänische Regierung habe den Deportationsbefehl erteilt.

  Nach der Öffnung der rumänischen Archive sind mittlerweile zahlreiche Urkunden gefunden worden, die belegen, dass die Sowjets gezielt die Aushebung von „rumänischen Staatsbürgern deutscher Herkunft“, die Frauen im Alter von 18 bis 30 und die Männer zwischen 17 und 45 Jahren, angeordnet haben. Bekannt ist mittlerweile auch der Protest des damaligen Premierministers Nicolae Radescu und anderer rumänischer Politiker. Forscher aus Österreich, Deutschland und der Sowjetunion veröffentlichten den am 16. Dezember 1944 von Stalin unterzeichneten Geheimbefehl zur „Mobilisierung zur Arbeit“ der Deutschen aus der Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien und Rumänien, auf den in Beiträgen in der ADZ in vergangenen Jahren Bezug genommen wurde. Von der Verschleppung zur Aufbauarbeit waren alle „Deutschstäm-migen“ aus Mittel- und Südosteuropa betroffen, d. h. Menschen aus allen Gebieten, die unter sowjetischen Einfluss geraten waren. Die Registrierung dieser Deutschen fand meist zeitgleich mit dem Vorrücken der Roten Armee statt, die Aushebungen erfolgten vor Kriegsende – um als Grund auch angeben zu können, dass es sich um eine vom Kriegsgeschehen motivierte Sicherheitsmaßnahme handelt.

  Weniger geschrieben wurde über die Haltung der USA und Großbritanniens in dieser Angelegenheit. Sie waren die beiden „Partner“ der Sowjetunion in der Alliierten Kontrollkommission, die das Geschehen in Rumänien (und den anderen mittel-südosteuropäischen Staaten) bis zur Unterzeichnung des Friedensvertrages überwachten. Wiederholt zitiert werden die zynischen Bemerkungen des britischen Premiers Winston Churchill (aus der am 18. Januar verfassten Mitteilung an seinen Außenminister Eden): „Warum machen wir so viel Aufhebens um die russische Deportation von Sachsen und anderen aus Rumänien? Es galt als vereinbart, dass die Russen in dieser Sphäre ihren Willen durchsetzen sollen.“ Oder: „In Anbetracht all dessen, was Russland erlitten hat (...) und angesichts des Elends der Menschen in vielen Teilen Europas kann ich nicht erkennen, dass die Russen etwas Falsches tun, wenn sie 100.000 oder 150.000 dieser Menschen ihre Vergehen abarbeiten lassen.“ (Churchill an Eden am 19. Januar 1945)  Die beiden Urkunden aus dem Public Record Office in London sind in deutscher Sprache in dem dreibändigen Standardwerk „Die Deportation von Siebenbürger Sachsen in die Sowjetunion 1945-1949“ des von Prof. Dr. Georg Weber (Münster) geleiteten  Forscherteams (Böhlau-Verlag, 1995) abgedruckt. Dessen Band 3 beinhaltet eine Reihe weiterer Dokumente aus den Archiven in Washington und London. Anhand ihrer sowie Urkunden aus dem Archiv in London, die die Historikerin Dr. Hildrun Glass (München) zur Verfügung stellte, wird im Folgenden auf einige Aspekte der britischen und amerikanischen Haltungen in der Frage der Deportation zur Aufbauarbeit in die Sowjetunion eingegangen.

Die Briten und Amerikaner

Informiert wurden die Briten und Amerikaner von den Absichten der Sowjets von rumänischer Seite: Außenminister Constantin Visoianu berichtete dem amerikanischen politischen Vertreter in Bukarest, Burton Y. Berry, am 3. Januar 1945, dass die Sowjets vorhaben, die Bürger deutscher Herkunft aus Rumänien auszuheben und nach Russland zu bringen. Die rumänische Regierung habe gegen diese Forderung energisch protestiert, da sie völlig außerhalb der Waffenstillstandsbedingungen liegen, heißt es in dem Telegramm, das Berrys am 4. Januar an das amerikanische Außenministerium schickte. Der britische politische Repräsentant in Bukarest, Le Rougetel, kabelt die Nachricht über die sowjetischen Forderungen ebenfalls am 4. Januar 1945 an sein Außenministerium – und ebenfalls nach einem Gespräch mit dem rumänischen Außenminister am Tag zuvor. Den von ihm erhaltenen Informationen zufolge, würden bis zum 15. Januar 500 Eisenbahnwaggons benötigt, um mit dem Abtransport zu beginnen.

  General Vinogradov, der stellvertretende sowjetische Vorsitzende der Alliierten Kontrollkommission, informierte die militärischen Repräsentanten der USA und Großbritanniens erst am Abend des 4. Januar über das Vorbereiten von Listen mit Deutschen. In den Gesprächen deutete Vinogradov die Absicht an, diese Personen zur Aufbauarbeit nach Stalingrad und andere beschädigte Produktionszentren zu bringen, noch habe er jedoch keine Handlungsanweisungen aus Moskau erhalten, sagt er. Die Sowjets verwendeten die Hinhaltetaktik: Die von ihnen angeordnete „Deutschenzählung“ war in Rumänien am 15. Dezember 1944 abgeschlossen worden. Den allgemeinen Deportationsbefehl hatte Stalin am 16. Dezember 1944 unterzeichnet. Den Aushebungs-, Sammel- und Transportbefehl für die Deutschen aus Rumänien sandte Vinogradov der rumänischen Regierung am 6. Januar 1945 zu.

Die Partner in der Alliierten Kontrollkommission hielt Vinogradov hin, die rumänischen Politiker log er an: Dem Außenminister hatte er gesagt, der Beschluss zur „Mobilisierung zur Arbeit für die Dauer des Krieges“ der Deutschen sei „im Einvernehmen“ mit den Alliierten getroffen worden. Der Befehl an den Ministerpräsidenten, das Ausheben der arbeitsfähigen deutschen Einwohner, gleich welcher Staatsangehörigkeit, zwischen dem 10. und 20. Januar 1945 anzuordnen, wurde im Namen der alliierten Kontrollkommission unterzeichnet. Den Depeschen zwischen Bukarest, London und Washington und den Aktenvermerken der Diplomaten ist zu entnehmen, dass Briten und Amerikaner überrumpelt worden waren und ihr Einverständnis für die Maßnahme keineswegs gegeben hatten. Am 10. Januar 1945 schickt der britische Botschafter in Moskau, John Balfour, dem sowjetischen Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten, V.  M. Molotov, eine Note, in der er ihn im Namen der britischen Regierung aufmerksam macht, dass diese der geplanten Aktion niemals zugestimmt hat. Burton Y. Berry hatte aber bereits am 4. Dezember 1944 festgestellt: Das sowjetische Kommando scheint die Kontrollkommission als ein Instrument zur Durchsetzung des Willens der sowjetischen Organe in Rumänien zu betrachten, und als solchem wird der amerikanischen und der britischen Vertretung in der Kommission wenig Beachtung geschenkt.

Den zynischen Bemerkungen von Churchill war ein reger Meinungsaustausch zwischen den britischen und amerikanischen Diplomaten und Militärs in Bukarest und London bzw. Washington vorausgegangen. Der Hauptgrund der Besorgnis war das eigenmächtige Vorgehen der Sowjets und dass sie das Waffenstillstandsabkommen übertreten. Den etwas entschiedener gegen die Deportation auftretenden Amerikanern erklärt Vinogradov am 12. Januar, die Maßnahme habe doppelten positiven Effekt: Es werde die Möglichkeit deutscher Sabotage gegen die alliierten Verbindungslinien ausgeschaltet und die dringend benötigten Arbeitskräfte für den Wiederaufbau und zu Kriegszwecken beschafft. Das Waffenstrecken der Briten ist auf die im Oktober 1944 von Stalin, Churchill und Roosevelt getroffene Vereinbarung zurückzuführen, in der die Einflussnahme in den Staaten Südosteuropas in Prozenten festgelegt worden war. Der Einfluss der Sowjetunion in Rumänien sollte 90 Prozent betragen, jener von Briten und Amerikanern 10 Prozent.

Wer rumänischen Archivdokumenten wenig oder keinen Glauben schenkt, erhält anhand der amerikanischen und britischen Urkunden den Beweis, dass es sich bei der Deportation von Deutschen aus Mittel- und Osteuropa, und darunter auch rund 75.000 Personen aus den Gebieten des heutigen Rumänien, um eine Willkürmaßnahme der Sowjets gehandelt hat. Die rumänischen Behörden wurden als Werkzeug eingesetzt. Angesichts der internationalen Lage und der Machtverhältnisse in Europa konnten sie die Aushebungen nicht verhindern.

Hermannstädter Zeitung


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Teil 2
Der Beginn bundesdeutscher Zahlungen an Bukarest für den Freikauf der Rumäniendeutschen

Dr. Ewald Garlepp und die Zentrale Rechtsschutzstelle des Auswärtigen Amtes (II)
von Ernst Meinhardt

Teil eines Dokumentes aus dem CNSAS-Archiv: Innenminister Alexandru Draghici genehmigt den „Kanal“ und die „Kombination“ mit Dr. Garlepp.

Großartige Devisen-Einnahmequelle

Die Verbindung zu Rechtsanwalt Ewald Garlepp erhielt von rumänischer Seite frühzeitig die Bezeichnung „Kanal“. Frühzeitig erkannte die rumänische Seite, dass dieser „Kanal“ zu einer großartigen Devisen-Einnahmequelle werden könnte. In einem Bericht an den rumänischen Innenminister Alexandru Draghici schreibt Securitate-Major Vlad Frangulea am 9. August 1962:

„Durch die Maßnahmen, die unser Organ ergriffen hat, wurde ein Kanal geschaffen, über den Leute mit Angehörigen in der Bundesrepublik Deutschland verdeckt aus Rumänien herausgebracht werden können. Diese Möglichkeit könnten wir in Zukunft mit Erfolg nutzen, um unsere Agentur aus dem Rampenlicht zu nehmen, aber auch, um erhebliche Mengen an Devisen ins Land zu holen.“

Major Frangulea erwähnt an dieser Stelle die ersten beiden Ausreisefälle, die über die Verbindung  Porastau – Dr. Garlepp gelaufen sind und die Rumänien Einnahmen von insgesamt 65.000 DM eingebracht haben, und fährt dann fort:

„Aus Informationen, die uns vorliegen, geht hervor, dass leider eine große Zahl von Ausreiseanträgen in die Bundesrepublik Deutschland – und hier spreche ich von Hunderten von Familien – von der Kommission für Pässe und Visa auf dem üblichen Weg gelöst wird.“

Mit „dem üblichen Weg“ meint Frangulea: Ausreisewillige stellen ihren Antrag, die zuständigen Stellen entscheiden darüber, und im Falle eines positiven Bescheids geht Rumänien finanziell leer aus. Frangulea schreibt weiter:

„All das hat zur Folge, dass wir mit Garlepp nur wenige Abschlüsse tätigen, sodass sich die Zahl der Fälle in Grenzen hält.“ Der Securitate-Offizier nennt, wie schon seine Kollegen vor ihm, diese Abschlüsse mit Garlepp „Kombinatio-nen“ und schreibt weiter: „Dadurch entgeht unserem Staat eine große Chance, Devisen einzunehmen, während gleichzeitig einige Leute in der Bundesrepublik Deutschland sowie allerlei Betrüger infolge der Genehmigung von Ausreiseanträgen auf dem üblichen Weg beträchtliche Gewinne erzielen.“ Sein Fazit: „Angesichts des neu geschaffenen Kanals zu Rechtsanwalt Garlepp schlagen wir vor, dass alle Fälle von rumänischen Staatsangehörigen deutscher Volkszugehörigkeit, die in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen wollen, in Richtung dieses Kanals gelenkt werden sollen. Gleichzeitig soll die ziemlich hohe Zahl von Familien, die die Ausreisegenehmigung auf dem üblichen Weg erhalten, reduziert werden.“

Der Vorschlag der Securitate wird noch am gleichen Tag, 9. August 1962, vom rumänischen Innenminister Alexandru Draghici genehmigt.

Ausreisen über Dr. Garlepp

Wie viele Rumäniendeutsche ihre Ausreisegenehmigung in den 1960-er Jahren „auf dem üblichen Weg“ erhielten und wie viele über Dr. Garlepp ausreisten, ist schwer zu sagen. In einem Dokument des Auswärtigen Amtes vom 3. Mai 1963 heißt es: „Dr. Garlepp hält es durchaus für möglich, dass die rumänischen Stellen die ihm gegebene Zusage auch förmlich aufrecht erhalten, dass zu 5 Personen, für die gezahlt wird, weitere 95 Personen ohne Auslösebeträge übersiedeln können.“

Am 15. Januar 1964 schreibt Dr. Garlepp an die Zentrale Rechtsschutzstelle im Auswärtigen Amt: „Die Rumänen haben laufend an Volksdeutsche Ausreisegenehmigungen auf humanitärer Basis erteilt, ohne hierfür Gebühren für die Erteilung der Ausreisegenehmigungen zu verlangen.  Die Bearbeitung von Aussiedlungsangelegenheiten gegen Zahlung von Gebühren hatte ich davon abhängig gemacht, dass durch diese Sonderaktion die Familienzusammenführung und Aussiedlung auf humanitärer Basis unter keinen Umständen beeinträchtigt werden darf. Dies war mir ausdrücklich bei Besprechungen in Bukarest zugesagt worden. (…) In meinem streng vertraulichen Bericht an Sie vom 16.12.1963 (…) habe ich festgestellt, dass, solange ich diese Sonderaktion betrieben habe, nicht einmal für 10 Prozent von der Gesamtzahl der Aussiedler vereinbarte Gebühren bezahlt werden mussten.“

In einem Papier vom 7. März 1968, das das damalige Bundesministerium für Vertriebene als „streng geheim“ einstuft, wird über die Zusammenarbeit zwischen Dr. Garlepp auf deutscher Seite und den rumänischen Anwälten Roman Porastau und Craciun Serbanescu in der Zeit zwischen 1962 und 1964 berichtet. Wörtlich heißt es darin.

„Nach seinen Angaben hat Dr. Garlepp in diesem Zeitraum etwa 500 Deutsche für eine Auslöse von rund 2,25 Millionen DM herausgeholt. Ein kleinerer Teil davon waren politische Gefangene – auch einige Priester. Die Loskaufsummen zahlten die Zentrale Rechtsschutzstelle beim Auswärtigen Amt aus Bundesmitteln und teilweise kirchliche Verbände. Die Loskaufsummen für nicht in Haft befindliche und auch nicht aus der Haft entlassene Volksdeutsche – Familien und Einzelpersonen –, wurden von den hier befindlichen Angehörigen aufgebracht. Die höchste Summe war etwa 40.000 DM.“

Nachdem die Ausgereisten in Deutschland eingetroffen waren, haben ihre Angehörigen versucht, das Geld, das sie an Garlepp gezahlt hatten, von Bundesministerien zurückzubekommen. Das hätten die angegangenen Bundesministerien abgelehnt, heißt es in dem oben zitierten Papier. Über die Folgen, die die Zahlung von Ablösebeträgen nach sich zieht, war sich die Bundesregierung von Anfang an im Klaren. Nach einer Besprechung mit Garlepp am 3. Mai 1963 in Bonn kommen die für Familienzusammenführung und Aussiedlung zuständigen Fachleute des Auswärtigen Amtes zu dem Schluss:
„Wir stimmen überein, dass es, nachdem einmal Geld für die Übersiedlungsgenehmigung einer Anzahl Personen gezahlt worden ist, nicht möglich sein wird, über Familienzusammenführung hinaus Personen ohne finanzielle oder wirtschaftliche Gegenleistung herauszubekommen.“

Dr. Garlepps Auftraggeber

Ob Dr. Garlepp im Auftrag des Auswärtigen Amtes (AA) handelte oder nicht, war lange Zeit umstritten. Dr. Hüsch gegenüber wurde bestritten, dass es einen solchen Auftrag gab. Unterlagen, die ich in Archiven fand, belegen deutlich, dass Dr. Garlepp sehr wohl im Auftrag des AA tätig war. Ein Beleg dafür ist seine umfangreiche Korrespondenz mit der „Zentralen Rechtsschutzstelle“, die im AA angesiedelt war. Ein weiterer Beleg sind die direkten Hinweise auf seine Beauftragung in verschiedenen Archivunterlagen.

Am 3. Dezember 1962 fand im AA in Bonn eine Ressortbesprechung über die „Rückführung von Deutschen aus Rumänien“ statt, an der auch Dr. Garlepp teilnahm. In einem „Vermerk“ darüber vom 19. Dezember 1962 heißt es:„Dann berichtete Herr Dr. Garlepp über Angebote eines regulären Menschenauskaufes, die ihm im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit für die Rechtsschutzstelle gemacht wurden. Ihm wurde in einem konkreten Falle, der 76 Personen umfasste, von rumänischer Seite ein Vorschlag von 5000 DM pro Person gemacht. Bei Inhaftierten beträgt die Summe 7000 DM pro Person. Für eine größere Gruppe wurde ein Betrag von rund 600.000 DM verlangt. Herr Dr. Garlepp versicherte, dass auf diesem Wege heute jeder Deutsche aus Rumänien heraus gekauft werden kann, gleichgültig, ob er inhaftiert ist oder nicht.“

Ein weiterer Beleg dafür, dass Dr. Garlepp einen Auftrag des AA hatte, findet sich in einem Dokument vom 12. April 1966. In einer Besprechung im AA klagen die für die Familienzusammenführung zuständigen Ressortleiter darüber, dass Dr. Garlepp in Briefen an Aussiedlungswillige andeutet, er nehme wieder Aufträge zum Loskauf von Deutschen aus Rumänien entgegen. Wörtlich heißt es in dem „Vermerk“ über diese Besprechung: „Die Bundesregierung müsse sich aber von diesem Loskauf distanzieren. Aus diesem Grunde müsse sich das Auswärtige Amt von Dr. Garlepp trennen. Man könne die Aussiedlungswilligen bzw. deren Angehörige nicht daran hindern, alles zu versuchen, um aus Rumänien herauszukommen. Diese Arbeiten soll auch Dr. Garlepp weiterführen. Daran könne man ihn nicht hindern. Die Folge würde aber sein, dass Dr. Garlepp nicht mehr für das Auswärtige Amt tätig sein dürfe.“

Den deutlichsten Hinweis darauf, dass Dr. Garlepp im Auftrag des AA tätig war, enthält ein Schreiben vom 22. April 1963. Darin teilt der damalige Bundesaußenminister Gerhard Schröder (CDU) einem Bonner Bundestagsabgeordneten mit: „Rechtsanwalt Dr. Garlepp erfüllt die ihm vom Auswärtigen Amt, Zentrale Rechtsschutzstelle, übertragenen Aufgaben in Fortsetzung seiner Tätigkeit als Leiter der früheren Rechtsschutzstelle des Evangelischen Hilfswerks. Seine Tätigkeit umfasst in erster Linie den Rechtsschutz für die gegenwärtig in Rumänien inhaftierten etwa 160 Deutschen, zum großen Teil katholische und evangelische Geistliche, frühere Angehörige der Kirchenverwaltungen und ehemalige Mitglieder kirchlicher Organisationen, die im Rahmen der Verfolgungsmaßnahmen gegen das deutsche Volkstum und beide Kirchen – nach westlichen Grundsätzen unschuldig – sehr hohe Freiheitsstrafen verbüßen. (…) Im vergangenen Jahr (1962) haben die zuständigen rumänischen Stellen Herrn Dr. Garlepp durch die rumänische Staatsbank wissen lassen, die rumäniendeutschen Gefangenen könnten gegen Zahlung einer Buße und Erstattung der Gerichts- und Haftkosten im Gesamtbetrag von etwa DM 7000 für jeden Gefangenen begnadigt werden und die Genehmigung zur Ausreise aus Rumänien erhalten.“

Von wann bis wann Dr. Garlepp für die Zentrale Rechtsschutzstelle des AA tätig war, geht aus den Archivunterlagen, die mir vorliegen, leider nicht eindeutig hervor. Vieles spricht dafür, dass er seine Beauftragung im Jahre 1957 erhalten hat. Seine Tätigkeit für diese Stelle endete Anfang 1968, als der Rechtsanwalt und CDU-Politiker Dr. Heinz-Günther Hüsch von Gerd Lemmer, dem damaligen Staatssekretär im Bundesvertriebenenministerium, den Auftrag erhielt, sich fortan um die „Familienzusammenführung Rumänien“ zu kümmern.

Die Zentrale Rechtsschutzstelle

Die Zentrale Rechtsschutzstelle wurde nach dem Zweiten Weltkrieg eingerichtet. Sie arbeitete zunächst beim Bundesjustizministerium und wurde später dem AA unterstellt. Hier bestand sie von 1952 bis 1970. Zu ihrem Aufgabenbereich gehörten Grundsatzfragen des Rechtsschutzes vor ausländischen Gerichten oder Behörden für Deutsche, die infolge des Krieges oder aufgrund der besonderen Verhältnisse in einzelnen Ländern in Schwierigkeiten geraten waren. Mit der Wahrnehmung des Rechtsschutzes waren verschiedene Anwälte beauftragt, für Rumänien, Polen und die damalige Tschechoslowakei war es Dr. Ewald Garlepp.

Auf dem Gebiet des Rechtsschutzes im Ostblock hatte Dr. Garlepp viel Erfahrung. 1949 wurde er Mitarbeiter der Rechtsschutzstelle des Evangelischen Hilfswerks in Stuttgart. Diese Rechtsschutzstelle war im Frühjahr 1947 gegründet worden und 1950 wurde Dr. Garlepp ihr Leiter. In dieser Funktion ist es ihm gelungen, den Rechtsschutz für die deutschen Gefangenen im Ostblock wesentlich auszubauen. Durch seine Tätigkeit erhielten über 5000 deutsche Gefangene im Ostblock Rechtsschutz. Er kümmerte sich aber nicht nur um die Inhaftierten, sondern auch um ihre Familienangehörigen in Westdeutschland. Nach der Auflösung der Rechtsschutzstelle des Evangelischen Hilfswerks im Jahre 1957 vereinbarten Bundesregierung und Evangelische Kirche, dass sich Dr. Garlepp weiterhin um den Rechtsschutz für deutsche Gefangene in Polen, der Tschechoslowakei und Rumänien kümmern sollte, von nun an als freier Rechtsanwalt. Als Vergütung wurden ein Pauschalhonorar und die Honorierung der einzelnen Fälle, die von ihm bearbeitet wurden, vereinbart.

Das Ende der Ära Garlepp

In deutschen Archiven habe ich keine Informationen gefunden, weshalb die Bundesregierung nicht mehr mit Dr. Garlepp zusammenarbeiten wollte. Ein Grund für den Verzicht auf die Kooperation dürften die hohen Ablösebeträge gewesen sein, die er mit seinen rumänischen Gesprächspartnern ausgehandelt hatte. Ein anderer Grund mag das nicht mehr uneingeschränkte Vertrauen der Bundesregierung gewesen sein. Sie hat ihm nicht abgenommen, dass er wirklich so uneigennützig tätig war, wie er in seinen Schreiben an die „Zentrale Rechtsschutzstelle im Auswärtigen Amt“ immer betonte.

Dass es Dr. Garlepp am Schluss mit der Loyalität nicht so genau nahm, ist in dem Buch „Actiunea ‚Recuperarea‘ – Securitatea si emigrarea germanilor din România (1962–1989)“ nachzulesen. Am 19. März 1968 hielt sich Dr. Garlepp zusammen mit Dr. Hüsch in Bukarest zu Verhandlungen mit der rumänischen Seite auf. Dort schlug er Rechtsanwalt Alexandru Martinescu, einem der rumänischen Verhandlungspartner, in drei „vertraulichen“ Schreiben vor, mit ihm geheime Vereinbarungen zu treffen, die über das mit Dr. Hüsch Vereinbarte hinausgehen.

Von diesen Briefen Dr. Garlepps hat Dr. Hüsch erst im Mai 2011 erfahren. Seine Reaktion überrascht nicht: „Ich bin sehr enttäuscht“, hat er mir geschrieben.

Schlussüberlegung

Im Dezember 2010 hatte ich bei einem Vortrag in Bad Kissingen gesagt, dass Rumäniens Präsident Traian Basescu bereits im Jahre 2006 den Verkauf der Juden und der Deutschen durch das frühere kommunistische Regime verurteilte, dass aber Archivunterlagen zu diesem Thema in Rumänien noch nicht zugänglich seien. Umso erstaunter war ich, als im Sommer dieses Jahres in Bukarest ein Buch vorgestellt wurde, das auf gut 900 Seiten fast 480 Dokumente aus den Archiven des früheren Geheimdienstes Securitate just zu diesem Thema veröffentlicht. Das Buch trägt den Titel „Actiunea ‚Recuperarea‘ – Securitatea si emigrarea germanilor din România (1962-1989)“. Wenn das Einführungskapitel auch einige Fehler und Fehldeutungen enthält, so ist das Buch insgesamt doch eine Quellenedition von unschätzbarem Wert. Bei nüchterner Betrachtung muss man zugeben: Wir haben zwar in Deutschland mit der Aufarbeitung des Kapitels „Freikauf der Rumäniendeutschen in den Jahren des Kommunismus“ begonnen, mittlerweile sind die Rumänen aber weiter als wir. Sie haben eine riesige Zahl von Dokumenten zu diesem Thema aus den Securitate-Archiven offengelegt. In Deutschland werden wir durch das Archivgesetz ausgebremst. Es besagt, dass nur Unterlagen eingesehen werden dürfen, die 30 Jahre und älter sind. Aus heutiger Sicht heißt das: Alles, was nach 1981 geschehen ist, bleibt vorerst unter Verschluss.

von Ernst Meinhardt / Allgemeine Deutsche Zeitung 


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Reichesdorfer Legenden

Vor einigen Jahren erschien hier im RB
die Geschichte des Reichesdorfer Noah
von Ernst Thullner – allerdings im Original
in siebenbürgisch sächsischer Mundart.
Nun habe ich diese „Legende“ ins
Deutsche übersetzt, um sie auch des
Sächsischen Nichtkundigen lesbar zu machen.



Der Reichesdorfer Noah

Noah, der fromme Patriarche,
schwamm umher mit seiner Arche,
als Gott die Menschheit für ihre Sünden
straft mit der Sintflut – wird den Kindern
in der Schule schon erzählt,
das ist Geschichte. Doch dass einst
ein Sachse auch so herumgereist,
das ist in unserm Sachsenland
vielleicht noch nicht so sehr bekannt.
Drum will ich hier davon erzählen.
Wenn sich die Bauern am meisten quälen,
in der Erntezeit, grad ist Margreti*
zu Mediasch. Krethi, Plethi*
kommt dann in die Stadt zuhauf,
um dort einen guten, wohlfeil Kauf
zu tun. Wer nichts zu handeln hat,
der kommt, zu sehn, ob er noch grad,
der weltberühmte Tramiterturm*.
„Treng, he!“, spricht unser Marz, „sieh, morg‘n
ist Margereti – ich muss ziehen,
um mir den Jahrmarkt zu besehen,
will mir auch einen Beutel kaufen.
Du darfst mich aber dann nicht raufen,
wenn ich den bring, dann gib bloß Ruhe!“
„Nein, keine Angst! Doch eine Truhe
musst du vom Jahrmarkt mir kaufen ein!“
„Ach was! Du weißt schon, wie ich`s mein –
Frauengeschäfte ich gern meid,
ihr fangt doch immer an mit Streit!
Als Mann ist man die dumm’ Gestalt!“
„Dann komm ich mit“, spricht da die Alt,
„und kaufe selber mir die Truh‘,
die muss ich haben, dann geb ich Ruh!“
„Wo denkst du hin? Das kann nicht sein,
dass wir zwei alte Bauern fein,
die Wirtschaft mit dem Rücken besehn,
und nach Mediasch zum Jahrmarkt gehen!
Damit richten wir uns fast zugrund!
Nein, allzu viel ist ungesund!
Bleib du daheim! Ich kaufe ein,
die geblümte Truhe auch allein.“
„Na, ist ja gut! Doch nun ins Bett,
ich bin müd, ‘s ist nicht mehr nett.
Du bist s, der raus muss am frühen Morgen,
um deinen Beutel und meine Truh‘ zu besorgen!“
Bald schlafen sie in süßer Ruh,
der Marz und seine Treng dazu.
Im Traum am Bart sie ihn noch zupft,
im Leib ihr Herz vor Freude hupft.
Am nächsten Morgen um halb drei
springt Marz, als ob er gestochen sei,
aus den Federn. Fängt gleich an zu schreien:
„Treng, he! Lass mich hier nicht allein!
Mach das Frühstück mir ganz eilig,
denk dran, ich hätt freilich
in Mediasch schon fast sollen sein.
Auf, auf Treng, he! Ich mach dir Bein!“
Endlich, endlich! Satt ist sein Magen
und zufrieden. Er steigt auf den Ochsenwagen,
fährt Mediasch zu. Sie sieht ihm nach.
Hoide- tscha! Hoide- tscha*!
Beim Jahrmarkt hat der Marz ganz schnell
den Beutel und die Truh bestellt.
Sagt zu mir: „Hier ist`s für mich aus,
ich fahr zu meiner Frau nach Haus.
Für die blumige Truhe sie noch muss
mir geben den wohlverdienten Kuss!“
Ich sagt ihm noch: „He, Mierten, warte,
sonst wirst du nass bis auf die Schwarte!
Sieh nur, es naht ein Donnerwetter,
das wird dich aufweichen bis aufs Leder!“
Er aber spricht: „Vielleicht wird’s mich
heut verschonen! Gott erhalt dich!“
Kaum ist er aber auf der Straß,
da geht das Donnerwetter los!
Als sei die Sintflut wieder hier,
um zu ersäufen Mensch und Tier.
Es blitzt und donnert, dass es kracht!
Der Martin aber, sitzt und lacht.
„Er lacht?“ fragt ihr? „Ist der noch dicht?
Bei dem Gewitter lacht man nicht!“
Nun glaube, wer will, das könnt bei ihm sein.
Unsereinem ist dabei eher nach Schreien!
Ich sag euch aber, dass er lacht,
denn, als der Donner das erste Mal kracht,
kam ihm Noah in den Sinn,
der bei der Sintflut sicher drin
in seiner Arche im Trocknen war.
Martin dacht: „Hat der ein Jahr
in seinem Kasten ausgehalten,
wozu soll ich denn hier erkalten
im Regen? Ich denk, ich nehm hierzu
von meinem Wagen die blumige Truh‘.
Dann bin ich wie der Patriarch,
geborgen war in seiner Arch.
Gedacht, getan! Als wieder es kracht
saß er schon in der Truh‘ und lacht.
Doch ein Unglück, das kommt selten allein!
Einmal da, wird’s dir erhalten sein.
Auch Martin sollt ihm nicht entgehn,
denn auf einmal war es geschehn!
An einen Stein stieß das vordere Rad,
einen kräftigen Ruck der Wagen tat,
das Schloss fiel zu an der Arche-Truh!
Na Martin, was sagst du nun dazu?
Wie willst du jetzt noch finden heim,
wo nichts du siehst und ganz allein?
Bei solchem Unglück ist es gut,
wenn sich der Mensch mit kaltem Blut
ins Schicksal fügt. Denn es ist Mist,
wenn du jetzt noch so wütend bist.
Der Marz dacht auch: „Mit Seelenruhe
komm ich am besten hier heraus.
Ich werde halt aus meiner Truhe
die Ochsen treiben bis nach Haus.
Den Weg werden die alleine finden,
inzwischen büß ich meine Sünden.
Die Zeit verging, der Abend kam,
den Martin überkam kein Gram –
er schlief gemütlich in seiner Truh‘,
rief manchmal: „Tscha, Rinder!“ seinen
Ochsen zu.
So kamen sie bis an die Schalden*.
Da sprach ein Ochs: „Solln wir den Alten
und obendrein noch Dummen“,
(es spricht nur Deutsch der sächsisch Ochs,
gar peinlich ist‘s ihm, zu sein ein Sachs),
„noch über diesen hohen, krummen
und steilen Berg hinüberziehen?
Es ist gescheiter, wir entfliehen,
statt links zu gehen, hier rechts hinein,
da ist sicher auch eine Gemeind!“

So kam der Marz in Nimesch an.
Ein Ruck ging durch die Truh‘ und dann
erwacht er jäh aus seinen Träum‘:
„Na, bin ich endlich doch daheim
und es ist gut,
dass ich mich hier mal ausgeruht,
in Reichesdorf gut angekommen
in meiner Arche – ihr habt’s vernommen!“
„Treng, he! Treng, he! Komm schnell hervor
und mach mir auf das Gassentor!
Ich bring den Beutel und dazu
hab ich für dich die bemalte Truh‘!“
Alles bleibt still. Keiner kommt raus.
Na, denkt der Marz, keiner zuhaus?
„Treng, he! Treng, he! So hör doch, hör!
Komm, öffne endlich mir die Tür!“
Da! Endlich kommt grad aus dem Haus,
vor dem er stand, eine Frau heraus.
Schaut zaghaft, ängstlich zum Wagen hin,
wer da wohl rief mit lauter Stimm.
Doch konnte niemanden sie sehen:
„Zum Teufel, was ist hier geschehen?
Die Geisterstunde fängt grad an,
drum ruf ich nun, so laut ich kann:
Ihr Nachbarn, kommet schnell zu mir,
der Drudenwagen, der ist hier!“
Die Nachbarn eilten alle hin:
„Seid Ihr verrückt, Frau Nachbarin?
Ihr kreischt, als wäret Ihr am Brenn‘,
ist denn ein Malheur geschehn?“
„So kommet all, ihr Nachbarn mein,
eine Drude muss hier grade sein!
Und verstecket noch dazu
vielleicht in dieser bunten Truh‘,
die kam mir gleich verdächtig vor –
eine Stimme rief: Mach auf das Tor!“
„Dann müssen wir die halt aufbrechen,
um nachzusehen, wer drin wird stecken.“
Sie gehen ans Werk. Kaum ist`s geschehen,
erhebt sich Marz! Und alle sehen
und schreien: „Die guten Geister,
die loben Gott und ihren Meister!“
Der Martin aber sagt: „Ihr Leut,
seid nicht albern! Seid gescheit!
Der Marz aus Reichesdorf, der bin ich!
Nur vorm Gewitter versteckte ich mich.
Könnt ihr diese Geschichte für euch behalten,
dann sollt ihr meinen guten, alten
ja, meinen besten Wein probieren!
Doch sagt ihr was, werd ich verlieren!
Dann werde ich noch zum Gelächt‘
bei Jung und Alt, bei Magd und Knecht!“
Die Nimescher, sie sagten zu,
vor ihnen hätt er sicher Ruh!
Im Vertrauen könnt er heim nun fahren,
von ihnen würde keiner was erfahren!
Also trat Martin den Heimweg an:
Hoide, tscha! Hoide, tscha!
Doch blieb die Sach nicht lang verborgen,
die Nimescher hatten es Marz doch noch
verdorben!
Sie plauderten alles aus! Und ab da
hatte Reichesdorf auch einen Noah!

Susanna Riemesch


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Fachtagung im "Heiligenhof in Bad Kissingen

Vom 2. bis 4. November 2012 fand in der Bildungs- und Begegnungsstätte „Heiligenhof“ in Bad Kissingen die Tagung

„Hüben und Drüben. Wege der Zusammenarbeit zwischen den Heimatortsgemeinschaften und Heimatverbliebenen“

statt. Zur Tagung hatten die Akademie Mitteleuropa und der Verband der Siebenbürgisch-Sächsischen Heimatortsgemeinschaften geladen. Ziel der Veranstaltung ist es, die Zusammenarbeit zwischen den Heimatortsgemeinschaften in Deutschland und den Organisationen in Siebenbürgen, vor allem der Kirchengemeinden und der Landeskirche, zu verbessern.

Am Freitagabend eröffnete der Studienleiter Gustav Binder die Tagung. Die Vorsitzenden des HOG-Verbandes Karl-Heinz Brenndörfer und Werner Henning begrüßten die Teilnehmer.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde referierte Friedrich Gunesch, Hauptanwalt der ev. Kirche in Rumänien, über den heutigen Stand der Landeskirche und beantwortete im Anschluss viele Fragen. Bei einem guten Glase Wein in der fränkischen Weinstube wurde der Abend beschlossen.

Am Samstag referierten dann Pfarrer Dr. Stefan Cosoroaba, Architekt Dr. Hermann Fabini, Archivar Dr. Wolfram Theilemann. In einer Videopräsentation zeigte Peter Jakobi viele verfallene und reparaturbedürftige Kirchen und Kirchenburgen. Einen sehr interessanten Beitrag brachte der Musiker und Leiter des Bach-Chores aus Kronstadt Steffen Schlandt über die Kulturvermittlung und Zusammenarbeit der sächsischen und rumänischen Bevölkerung.

Für viel Gesprächsstoff sorgte die Möglichkeit der Doppelmitgliedschaft im Sonderstatus wobei man Mitglied der ev. Kirche sowohl in Deutschland als auch in der Heimatgemeinde in Siebenbürgen sein kann.

Es stellte sich heraus, dass es viele Probleme bei der Kommunikation zwischen den HOGs und den Heimatgemeinden sowie der Landeskirche gibt, und in Regionalgruppen wurde dann über Vorschläge und Lösungen diskutiert.

Der Sonntagmorgen begann mit einem Gottesdienst, nach siebenbürgischer Ordnung, gehalten von Dechant Dr. Wolfgang Wünsch. Anschließend wurden bei einer Podiumsdiskussion Wege und Möglichkeiten zur Verbesserung der Zusammenarbeit und Kommunikation besprochen.

Mit einem kurzen Fazit und einem guten Mittagessen wurde die Tagung beschlossen.

Für nähere Auskünfte sowie Einzelheiten aus den Gesprächsrunden stehen wir allen Reichesdorfern gerne zur Verfügung.


Hanni und Hans Schuster


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Zum Schmunzeln

Weihnachtsgeld / Jahresleistung 2012

Laut Verfügung der Geschäftsleitung wird das Weihnachtsgeld für das Jahr 2012 nicht in Form von Bargeld, sondern in Form von Büchern vergütet.
Diese Maßnahme ist mit dem Betriebsrat abgesprochen und soll zur Erhöhung der Allgemeinbildung beitragen. Für die einzelnen Berufsgruppen sind folgende Bücher vorgesehen:
Direktoren/Hauptabteilungsleiter: „Gauner im Frack“
Abteilungsleiter: „Wenn das Gewissen schweigt“
Buchhalter: „Der Millionendieb“
Rechtsabteilung: „Der Gewissenswurm“ oder „Der Meineidbauer“
Lager/Warenabteilung: „Gewissen in Aufruhr“
Sekretärinnen: „Nackt unter Wölfen“
Konstrukteure: „Und bauten am Abgrund“
Betriebsrat: „Denn sie wissen nicht, was sie tun“
Sachbearbeiter: „Der Gejagte“
Telefonistinnen: „Zwischen zwei Fronten“
Botengänger: „So weit die Füße tragen“
Werkschutz/Pförtner: „Der Spion, der aus der Kälte kam“
Sonstige Angestellte: „Betrogen bis zum jüngsten Tag“ oder „Verdammt in alle Ewigkeit“
Auch die ehemaligen Betriebsangehörigen, die im Rentenalter stehen, sollen berücksichtigt werden. Sie erhalten das Buch:
"Hunde, wollt ihr ewig leben“
Die Verteilung der Bücher wird in der ersten Dezemberwoche erfolgen.


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Bescherung

Derhim, wä än jedem Johr mir hun
en wangderhieschen Chrästochsbum.
Mät Apel, klenen Chrästochsoingeln,
guldnen Maschen, farwig Boindeln,

Oingelhoor, Figurn aus Hulz
sen der Motter gunzer Stulz.
Mät glänzend Kugeln, salwern Stären,
esi sän mir asen Chrästbum gären.
Rond eräm, un Donnenspätzten
Segt em lastig Lächter blätzen.
Nor hot der Voter gunz vergessen
Den Chrästbumholder ze vermessen!
Irscht ducht ich, ich häw en lichten Drum,
denn hemlich fäll hi am, der Bum!

Af inmol segt der
Chrästdochsschmaus
No Sodom uch Gomorra aus!

De Spätzt vum Bum stächt än dem Broden,
schod, detmol wor hi sigor geroden!
De Knedel af den Ästen sätzen,
äm Pudding segt em Stärncher blätzen.

Kugeln schwämmen än den Soßen,
det Oingelhoor äs mät der Supp begoßen.
Der sauer Kompest het än den Ästen,
den Oingeln äm Bär giet et uch net zem Besten!

Der Voter, hi äs gunz gekneackt:
„Men Gott, wat bän ech eangescheackt!
Der Bum äs hin uch näst zem Essen!
Desen Chrästdoch war
den mir näckest vergessen!


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"Jung-Frauentag" vor 50 Jahren

In der Mitte die zum ersten Mal gebockelte junge Frau Margarethe Bodendorfer, geb. Kloos.
Links: Grete Lang, geb. Schuster.
Rechts ihre Schwester: Hanni Both, geb. Kloos.

Margarete Mattes


Anzeigeschluss 30. April und 31. Oktober

 


1. Vorsitzender: Werner Meyndt   82515 Wolfratshausen  Tel 08171/368983 
 Kassier: Ernst Kloos 51674 Wiehl Tel 02262/717708
Schriftführer:  Susanna Riemesch  74226 Nordheim   Tel 07133/964816
Herausgeber des Boten:  Heinrich Maiterth 33332 Gütersloh Tel 05241/40407   
Internet Hans-Christian Hienz  91550 Dinkelsbühl webmaster@reichesdorf.de
a

Vorstandsmitglieder der Reichesdorfer HOG
Ernst Kloos, Gustav Hügel, Hans-Christian Hienz, Harald Hügel, Heinrich Hienz, Heinrich Maiterth (Neuenstein), Heinrich Maiterth (Gütersloh), Heinrich Waffenschmidt, Hermann Hügel, Martin Alzner, Susi Riemesch, Werner Meyndt


         























         
 

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