titl

Reichesdorfer Bote

    Jahrgang 28, Ausgabe 50                                                                                                   Muttertag 2014  

 
 

 
Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis
Grußwort
Wenn deine Mutter alt geworden

Mutterliebe

Als Gott die Mutter erschuf

Kulturlandschaft Siebenbürgen

Aus den Kreisgruppen

Der Sachsen Wanderweg
Siebenbürgen
Für unsere Kleinsten

Das Leben ist so schön...

Aus unserer HOG: Skiwochenende
Meine Lieben alle daheim!
800 Jahre zu Gast gewesen?
Schwärmen von Siebenbürgen

Licht ins Dunkel gebracht
Anzeigen

Bei uns im Schwobeländle isch's schee!
Zum 70ten Geburtstag  Susanna Schaas
Liebe Gratulanten

Zum 80ten Geburtstag von Gustav Stolz

In 65 Jahren viel gemeinsam erlebt
Erinnerungen aus meiner Kindheit

Auf hohe Qualität bedacht

Mentor und Freund für die Nustädter

Wissenswertes über FriedWald
An den Wald
Es war tatsächlich höchste Zeit
Frühlingsgruß

 
 

a

Liebe Leserinnen, liebe Leser des Reichesdorfer Boten

Die Zeit verstreicht in großen Schritten. Im letzten Boten habe ich Euch noch ein frohes Fest und einen guten Start ins neue Jahr gewünscht – und nun steht bereits der Muttertag 2014 vor der Tür. Deswegen nutze ich diesen Boten, um allen Müttern einen wunderschönen Tag im Kreise ihrer Liebsten zu wünschen. Zeitgleich möchte ich aber auch die Liebsten daran erinnern, dass ein Tag im Jahr nicht ausreicht, um Danke zu sagen. Denn unsere Mütter sind das ganze Jahr Mutter! Ohne Urlaub, ohne Krankheitstage und ohne Ausreden. Ganz besonders gilt mein Gruß den Müttern, die alleine und weit weg von ihren Lieben sind; aber Mutterliebe überwindet – wie jede Mutter weiß –auch die größten Distanzen. Viele von uns haben auch nicht die Chance, persönlich Danke zu sagen, weil die Mutter nicht mehr unter uns weilt. Wir werden sie jedoch nie vergessen und ihrer immer in Dankbarkeit gedenken. In diesem Sinne ein Hoch auf ALLE Mütter.

Mein zweites Hauptanliegen in diesem Boten ist es, Euch alle an das zweite Treffen in Reichesdorf zu erinnern! Auch für Kurzentschlossene gibt es immer noch die Möglichkeit, bei diesem besonderen Zusammentreffen in unserer Heimat teilzunehmen. Ich werde dort sein – und freue mich auf jeden einzelnen von Euch!

Damit verbleibe ich bis zum nächsten Boten,

Euer Meck

                  


b

Zum Muttertag

Wenn deine Mutter alt geworden.

Wenn deine Mutter alt geworden,
Und älter du geworden bist,
Wenn ihr, was früher leicht und müh'los,
Nunmehr zur Last geworden ist.
Wenn ihre lieben treuen Augen
Nicht mehr wie einst ins Leben sehn,
Wenn ihre Füße kraftgebrochen
Sie nicht ertragen mehr beim Geh‘n,
Geleite sie mit froher Lust,
Die Stunde kommt, da du sie weinend
Zum letzten Gang begleiten musst.
Und fragt sie dich, so gib ihr Antwort,
Und fragt sie wieder, sprich auch du,
Und fragt sie nochmals, steh ihr Rede
Nicht ungestüm, ... in sanfter Ruh.
Und kann sie dich nicht recht verstehen,
Erklär ihr alles froh bewegt,
Die Stunde kommt, die bitt‘re Stunde,
Da dich ihr Mund nach nichts mehr frägt.

von F. Beyer

                  


Mutterliebe

Eine Mutter ist der erste Mensch, der dich liebt, bevor dich jemand gesehen hat.
Wir blicken weit, weit zurück in die Vergangenheit. Da lebten wir das Wörtchen „Wir“.
Jeder Tagesablauf über Kinder, Arbeit, Krankheit, Freud und Leid wurde zusammen geteilt, besprochen. Waren das doch schöne glückliche Zeiten, zusammen in Gemeinschaft zu leben. Wie gut es tut, einen Rundgang durch die eigene Welt zu machen und zu sagen: Das war unser Leben.
Voll von Erfahrungen an unterschiedlichen Dingen, die man erlebt, erlitten, erdacht hat. Warum denkt man nicht ans Hier und Heute? Das Vergangene zieht uns magisch an. Wir sind nun alt, die Sehnsucht treibt uns in Gedanken auf die Spielplätze der alten Heimat. Manch alter Mensch zerbricht hier an dem Alleinsein, an der Einsamkeit, die ihn umgibt.
Unsere Mutter sagt oft: Wie schön war‘s, als Wir alle beisammen waren.
In Gedanken umarmt eure Liebe Mutter und haltet diese trauten Stunden fest, denn sie kehren niemals wieder. Denkt zu Ende, verharrt in Geduld und stöbert auch morgen in den vergangenen schönen Erinnerungen.

Katharina Mätz / Körle

 


Als Gott die Mutter erschuf

Als der liebe Gott die Mutter schuf, machte er bereits den sechsten Tag Überstunden. Da erschien der Engel und sagte: „Herr, Ihr bastelt aber lang an dieser Figur.“
Der liebe Gott sagte: „Hast du die Spezifikationen auf der Bestellung gelesen? Sie muss: vollwaschbar sein - aber nicht aus Plastik;180 bewegliche, austauschbare Teile haben; von Essenresten und schwarzem Kaffee leben können; einen Kuss geben können, der alles heilt, vom Beinbruch bis zum Liebeskummer; schließlich sechs Paar Hände haben.“ Da schüttelte der Engel den Kopf und sagte: „Sechs Paar Hände? Das wird kaum gehen.“
„Die Hände machen mir kein Kopfzerbrechen“, sprach der liebe Gott. „Aber die drei paar Augen, die so eine Mutter haben muss.“ „Gehören die denn zum Standardmodell?“, fragte der Engel. Der liebe Gott nickte. „Ein Paar, das durch geschlossene Türen blickt, während sie fragt: ‚Was macht ihr Gören denn da drin?‘, obwohl sie es doch längst weiß. Ein zweites Paar im Hinterkopf, mit dem sie sieht, was sie nicht sehen soll, aber wissen muss. Und natürlich noch dieses Paar hier vorn, aus denen sie ein Kind ansehen kann, das sich unmöglich benimmt, und die sagen: ‚Ich verstehe dich, ich habe dich sehr lieb‘, ohne dass sie ein einziges Wort spricht.“
„O Herr“, sagte der Engel und zupfte ihn sachte am Ärmel. „Geht schlafen. Macht morgen weiter.“ „Ich kann nicht“, sprach der liebe Gott, „denn ich bin nahe dran, etwas zu schaffen, dass mir einigermaßen ähnelt. Ich habe bereits geschafft, dass sie sich selbst heilt, wenn sie krank ist; dass sie dreißig Kinder mit einem winzigen Geburtstagskuchen zufrieden stellt; dass sie einen Sechsährigen dazu bringt, sich vor dem Essen die Hände zu waschen, einen Dreijährigen davon überzeugt, dass Knete nicht essbar ist, und übermitteln kann, dass Füße überwiegend zum Laufen und nicht zum Treten gedacht sind!“ Der Engel ging langsam um das Modell der Mutter herum. „Zu weich“", seufzte er. „Aber zäh“, sagte der liebe Gott energisch. „Du glaubst gar nicht, was diese Mutter alles leisten und aushalten kann.“
„Kann sie denken?“
„Nicht nur denken, sondern sogar urteilen und Kompromisse schließen“, sagte der Schöpfer.
Schließlich beugte sich der Engel vor und fuhr mit einem Finger über die Wange des Modells. „Da ist ein Leck“, sagte er. „Ich habe Euch ja gesagt, Ihr versucht, zu viel in dieses Modell hineinzupacken.“ „Das ist kein Leck“, sagte der liebe Gott, „das ist eine Träne.“
„Wofür ist die?“
"Die fließt bei Freude, Trauer, Enttäuschung, Schmerz, Verlassenheit und Stolz.“
„Ihr seid ein Genie“, sagte der Engel.
Da blickte der liebe Gott traurig. „Die Träne“, sagte er, „ist nicht von mir.“ 


Original: When God Created Mothers by Erma Bombeck Deutsche Übersetzung aus dem Internet

                  


e

Wichtig!

Kulturlandschaft Siebenbürgen – ohne Kirchenburgen undenkbar.
Zur Rettung der einzigartigen siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgenlandschaft.

Was bedeutet diese Aussage für die Reichesdorfer HOG? Zunächst einmal, dass wir wissen, worum es dabei geht. Erste Informationen dazu findet ihr im folgenden Text. Details zum Thema und vor allem, inwiefern wir uns als HOG in dieses Projekt wagen, sind noch zu erarbeiten und werden im nächsten Boten, eventuell in Form von Konzepten, vorgestellt. Entscheidungen sollen dann beim nächsten Treffen in Friedrichroda getroffen werden.

Der Erhalt unseres siebenbürgisch-sächsischen Kulturerbes ist eine außerordentlich wichtige und schwierige Gemeinschaftsaufgabe, der sich alle siebenbürgisch-sächsischen Organisationen verpflichtet fühlen. Die Kirchenburgen Siebenbürgens sind aufgrund ihrer Form, Vielfalt und Dichte in Europa einmalige Bauwerke, fünf gehören gar zum UNESCO-Weltkulturerbe. Vielfältige Anstrengungen werden daher unternommen, damit diese historischen Monumente auch in unserem 21. Jahrhundert noch eine Zukunftsperspektive haben. „Wir wollen eine neue Dynamik in unsere Bemühungen um den Erhalt unserer siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen hereinbringen.“ Mit diesen Worten leitete der Vorsitzende des Verbandes der Siebenbürgisch-Sächsischen Heimatortsgemeinschaften (HOG), Hans Gärtner, am 22. Februar die Fachtagung Erhaltungs-, Nutzungs- und Verwaltungskonzepte leerstehender Kirchenburgen in Siebenbürgen im mittelfränkischen Gunzenhausen ein.
Anmerkung: als Referenten wurden zahlreiche kompetente Fachleute geladen, auf deren Auflistung ich hier verzichte, außerdem gebe ich den Text, der in der Siebenbürger Zeitung erschien, auszugsweise und in unwesentlich veränderterer Form wieder.
Pfarrer Dr. Stefan Cosoroaba von der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien pflichtete Gärtner bei: „Wir wollen etwas Neues beginnen. Am Ende dieser Tagung wollen wir wissen, in welche Richtung wir gehen.“ Die beiden Tagungsleiter bekundeten also hohe Ansprüche an die zweitägige Veranstaltung, die vom HOG-Verband und der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien gemeinsam organisiert wurden.
Zunächst machte Dr. Cosoroaba in seinem Einführungsreferat mit dem „heutigen Stand der Kirchenburgen in Rumänien“ bekannt. Seine erste These, Kirchenburgen seien besonders in Zeiten des Wandels und der Rückbesinnung auf Identität „materielle Zuspitzungen der Identität der Siebenbürger Sachsen“, markierte neben der geistigen Neugierde auf diese Tagung ihre breite seelische Komponente: Allein mit nüchterner Betrachtung und Analyse kommen wir Siebenbürger Sachsen in dieser komplexen Kirchenburgendiskussion nicht weiter. Wir sind emotional dabei, oft deutlich gefordert, Realitätssinn und seelische Befindlichkeit zumindest bei wesentlichen Fragen zu bündeln.

In Siebenbürgen zählt die Evangelische Kirche derzeit 249 Kirchengemeinden (davon zwischen 20 und 30 eigenständige Kirchengemeinden, der Rest Diaspora). Dr. Hermann Fabini spricht von 201 dörflichen mittelalterlichen Kirchen, Burgen, Kirchenburgen (plus einige sehr wertvolle städtische Kirchen). Ihre Organisationsstruktur und -kultur ist nicht gleich, gesetzliche Bestimmungen sind umfassend, streng, komplex, die Akteure (vom Bischof über Bezirkskonsistorium und Leitstelle Kirchenburgen bis hin zum allein in einem Dorf noch lebenden Kirchenglied) sehr unterschiedlich. Das Strategiekonzept der Ev. Kirche setzt auf Kooperation: „Die ehemaligen Gemeindeglieder in den HOGs werden eindeutig als moralische Miterben anerkannt.“ Anschließend stellten Pfarrer Uwe Seidner (Kronstadt), Ioana Veltan (Mediasch), Pfarrer Alfred Dahinten (Mühlbach), Elena Cosma und Andreas Huber (Hermannstadt) und Sebastian Bethge (Schäßburg) die konkrete aktuelle Situation in ihren Bezirken vor und beantworteten kompetent unter dem Motto Kirche hergeben, jedoch nicht aufgeben bezirksbezogene Fragen. Zu den erfassten 221 Gemeinden erläuterte Dr. Cosoroaba anschließend die kirchlichen und weiteren, besonders touristischen Nutzungsmöglichkeiten der Kirchen und Kirchenburgen (Zusammenarbeit mit Universitäten, „Nutzungserweiterung, nicht Umfunktionierung!“).

Großes Interesse wurde auch der geplanten ersten Kirchenburgenfahrradtour (11.-13.07.2014) zuteil. Daran solle – das wird gewünscht - pro HOG mindestens ein Jugendlicher teilnehmen. Martin Müller, visionärer und sehr erfolgreicher Unternehmer sowie Mitglied im Landeskonsistorium, appellierte mit viel Herzblut, alle Kräfte - auch die der HOGs - zu nutzen: „Nur wo tatkräftige Personen gemeinsam aktiv sind, gibt es Chancen!“

Im sehr informativen Vortrag Die Kirchenburgenlandschaft Siebenbürgens – Perspektiven zur Erhaltung wurde aus berufenem Munde von Philipp Harfmann und Annemarie Rothe von der Leitstelle Kirchenburgen aus fachlicher Sicht neben der Präsentation ihrer Institution ein weitreichendes Panorama dieses einzigartigen Komplexes geliefert – vom aktuellen Bauzustand bis hin zu möglichen Erhaltungs- bzw. Nutzungsvarianten: Gottesdienstnutzung, dauerhafte Nutzung durch Bewohner vor Ort (z. B. Übergabe an andere religiöse Gemeinschaften), Versammlungsräume, Schulräume, Tagungszentren, soziale Projekte, touristische und kulturelle Nutzung („Orgelsommer“, „Sommerfestivals“. Aber auch Bedenken kamen zur Sprache: „Nicht alle Kirchenburgen sind dafür geeignet!“; „Die schönste Kirchenburg nutzt nichts, wenn sie niemand kennt!“; „Eine verschlossene Burg ist nicht attraktiv“; „Eine touristische Nutzung kann auch schaden“; „Von Kultur allein wird man nicht satt“; „Ohne Ehrenamtliche geht wenig“; „Ohne Partner vor Ort geht gar nichts“. Umnutzungen wie Aufgabe von Kirchenburgen bleiben diffizil („Bei Aufgabe der Kirche kann es helfen, würdig Abschied zu nehmen.“). Dabei standen die einzelnen entscheidenden Faktoren im Blickfeld: Menschen, Ressourcen (Bewohner der Orte, Gebäude, Landschaft, Traditionen, Geld), Strukturen, Nutzungen (aktuell und künftig, kurzfristig, nachhaltig), Netzwerke, Grundlagen, Leitlinien, neue Ideen („Statt falsche Nutzung darf es auch nutzungsfreie Räume geben; nicht räumlich isoliert, sondern regional denken“; „Gegenseitige Hilfe im Verbund“, „Markenzeichen für Kirchenburgen entwickeln“; „Vernetzung mit regionalen Tourismusunternehmen“; Gruppenreisen deutscher Unternehmen für Siebenbürgen interessieren, Thementage sächsischen Lebens, Thementage für Schulen, Vermietung für private Feiern, etc.)

„Das Erbe aktiv annehmen“ – die einzig sinnvolle Variante mit dem Ziel des dauerhaften Erhalts der Kirchenburgen (alle bisherigen Initiativen nutzen, denn „man fängt nicht bei null an“). Vergleichsmomente lieferten dabei entsprechende Initiativen aus Deutschland und England.

Völlig neu für die große Mehrheit der Teilnehmer waren anschließend die sehr fundierten Input-Ausführungen von Dr. Wolfram G. Theilemann, Stadtarchivar von Nordhausen, Professor an der Europauniversität Viadrina in Frankfurt / Oder und Leiter des Begegnungs- und Kulturzentrums Friedrich Teutsch und des Zentralarchivs der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien in Hermannstadt zum Thema Priorisieren? – Welche Kriterien zur Priorisierung von Kirchenburgen sollten wir haben? Wo steht meine Herkunftsgemeinde? Von den Kriterien zur Begrenzung des realen Erhaltungsumfangs ausgehend, seien zunächst vor der Aufstellung von Priorisierungskriterien zu berücksichtigen: Besitzverhältnisse, Vorgaben für Objekte unter Weltkulturerbeschutz, Denkmalschutzvorgaben, Haltung von HOGs, Nutzungsinteressenten. Es sei eine Stärken-Schwächen-Analyse durchzuführen (etwa Ressourcen vor Ort, Wertmaßstäbe, finanzielle und technische Kompetenzen). Die eigentlichen Priorisierungskernkriterien seien nicht feststehend, könnten jedoch folgende Elemente enthalten und auf einer Skala z. B. von 1 bis 7 bewertet werden: Rechts- und Verwaltungssituation, Humanressourcen jetzt und ihn zehn Jahren, kunst- /architekturhistorische Objektqualität, Bauerhaltungszustand und -aussichten. Dr. Thielemann wies auf die große Rolle von Förderern und Institutionen ausländischer Denkmalpflege in Siebenbürgen und die der HOGs hin, mahnte die eminente Bedeutung der vielfältigen Möglichkeiten der HOGs sowie von interessierten Privatpersonen an, verschwieg auch die zahlreichen Risiken nicht (u. a. oft undurchsichtige Rechtslage, Bürokratiedschungel in Rumänien, Angst vor Verantwortung, Verzettelung im Guten, falsche Einschätzung von Humanressourcen), benannte die Ziele (Transparenz von Entscheidungen, Mechanismen für Entscheidungsprozesse, Festlegung von Erhaltungskategorien und Bewertungsmaßstäben) und die möglichen Konsequenzen von Entscheidungen.

In der folgenden Gruppenarbeit mit den aus Siebenbürgen angereisten Bezirksvertretern versuchte man einen ersten Schritt einer Priorisierung aufgrund der Fragestellung Wo steht meine Herkunftsgemeinde? In den Gruppendiskussionen und später im Plenum wurde die Komplexität der Aufgaben verstärkt bewusst. Zahlreiche Denkanstöße und Ansätze, auch kritische Fragestellungen unterstrichen auch hier die Lebendigkeit dieser neuartigen Tagung. Immer wieder zeigte sich, wie umfassend, wie komplex, wie dringend notwendig die weitrechende und zugleich methodisch untermauerte Mitarbeit der HOGs in Sachen Kirchenburgen bleibt. Am Abend präsentierte der Kunsthistoriker Martin Rill die großartige Initiative Kirchenburgentourismus in Siebenbürgen – ein (sehr erfolgreiches – Anmerkung des Autors) Projekt der Staatsbank für Baden-Württemberg und Cristian Cismaru, Inhaber von Reky Travel aus Hermannstadt, Siebenbürgen als ein touristisch auf hohem Niveau zu erlebendes kulturelles und kulinarisches Mosaik mit zahlreichen alternativen Möglichkeiten, auch Kirchenburgen kennen und schätzen zu lernen.

Was kann man mit bzw. aus Kirchen alles machen? Wie geht man vor? Misch- oder Mehrfachnutzung (liturgisch und anders), Umnutzung (keine liturgische Nutzung mehr, Kirche wird Kultstätte anderer Konfessionen, anderer Religionen, Kirche wird Gotteshaus und Gemeindehaus, Winterkirche, Themenkirche, Kulturkirche, Bibliothek, Konzertkirche, Rathaus, Zeughaus, Kulturzentrum, Wohnhaus, Hotel, Turnhalle, Kletterkirche, Supermarkt, Disco), Verfall und Abriss (schmerzlich, ernüchternd, Grundstücksverwertung). In seinem letzten Statement präsentierte Dr. Albrecht eine Vielzahl von Initiativen zur Erhaltung von Kirchengebäuden in Deutschland und im Ausland (z. B. durch Stiftungen).

Vor dem breitangelegten Diskussionsteil (doch) im Plenum ermöglichte Carmen Schuster unter dem Übertitel Die touristische Nutzung des Potenzials der sächsischen Kirchenburgen in Siebenbürgen tiefe Einblicke in die Unternehmung Kleinschenk – Projekt zur Entwicklung des ländlichen Raumes und der touristischen Infrastruktur, das sie seit Jahren mit Leib und Seele, mit Wissen und Können und beachtlichem Erfolg voranbringt. Restaurierung der Kirchenburg (mit europäischen Mitteln), des Pfarr- und des Schulhauses reichen natürlich nicht. Sinnvolle und insbesondere behutsame, nachhaltige Nutzungskonzepte (die auch finanziert werden (können)) und deren Umsetzung müssen folgen (liturgisch, kulturell, kulinarisch – Siebenbürgische Küche neu entdecken – auch und besonders für mehr und mehr interessierte rumänische Touristen). Carmen Schuster hat Recht, wenn sie sagt, man müsse das Kleine täglich tun und zugleich das Große, das Notwendige nicht aus dem Blick verlieren. Nach der folgenden breiten, auch emotional geführten Diskussionsrunde – Martin Müller betonte u. a. in einem belebenden Aufruf, wir mögen die Kraft des positiven Exempels und des Herzens verwenden – zogen die beiden Vorsitzenden eine insgesamt positive Bilanz der Tagung. Beide äußerten die Hoffnung, dass die Sensibilisierung der Teilnehmer und ihr Wirken als Multiplikatoren Kreise ziehe, sie den hier erfahrenen Schwung mitnehmen, dass die Zusammenarbeit von HOG-Verband und Ev. Heimatkirche auch durch solche Tagungen gestärkt werde, sie sich gegenseitig unterstützten, dass vor dem Reden über Geld eine gemeinsame Strategie „stehen“ müsse.

Dr. Stefan Cosoroaba zog das Fazit: „Es überrascht, wie viele Leute bereit sind, sich zu engagieren, dass immerhin so viele gekommen sind, um sich aktiv einzubringen. Das muss man erst einmal honorieren. Das Zweite ist die Tatsache, dass wir sehr stark gerungen haben, diese große Geschichte nicht im Sand verlaufen zu lassen, sondern konkret zu sehen, wie geht es weiter! Konkret soll mittelfristig eine gemeinsame Strategie zum Erhalt der Kirchenburgenlandschaft Siebenbürgens entwickelt werden. Diesbezüglich haben wir hier sehr gute Impulse bekommen und wollen auch bedenken, wen wir noch ins Boot nehmen, damit eine solche Strategie auch umgesetzt werden kann.“

Möge diese Tagung als gewichtiger Baustein für die Rettung der einzigartigen siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgenlandschaft Anknüpfung finden.


Quelle: Siebenbürgische Zeitung, Beitrag von Horst Göbbel

Susi  


f

Aus den Kreisgruppen

Vorhang auf für Af der Bounk, en Sangdich wä derhim, die Zweite! Am 23.03.2014 war es wieder soweit!

Nachdem diese neue Veranstaltung des Soxentheaters der Kreisgruppe Heilbronn bei seiner Premiere im letzten Jahr ein voller Erfolg war, musste nicht lange überlegt werden, ob man es wieder wagt! Theaterleiter Edgar Gall und seine eifrigen Mitstreiter hatten sich erneut einiges einfallen lassen, dem Publikum der ausverkauften Festhalle in Nordheim einen unvergesslichen Nachmittag zu bescheren.

Schon Sonntagmorgen wurde die Halle „sachsesch“ hergerichtet. Die Tische, in langen Tafeln angeordnet, schmückten sich in den Farben Rot und Blau, und große Transparente gaben Eindrücke aus verschiedenen Ortschaften unserer Heimat wieder. In der Küche tummelten sich eifrige Hände an der Vorbereitung des Kulinarischen: Allerhand Kuchen, allen voran die allseits beliebte traditionelle Cremeschnitte. Für die Gäste aus Augsburg, die in diesem Jahr zur Aufführung ihres Theaterstücks geladen waren, wurde gegrillt und dazu eine bunte Salatvielfalt vorbereitet.

Die Einleitung in das Programm des Nachmittages machte das Kinder- und Jugendblasorchester Baden-Württemberg. Die neu gebildete Bläsergruppe ist ein Zusammenschluss der Youngsters aus Sachsenheim, des Quartenzirkels Heilbronn und weiterer Jungmusiker aus Rutesheim und sogar aus Stockach am Bodensee. Ihr Ziel ist die musikalische Umrahmung der Eröffnungsfeier des Heimattages am 7.06.2014 in Dinkelsbühl. Nach nur einer gemeinsamen Probe gab es also in Nordheim den ersten gemeinsamen Auftritt. Mit Stücken wie Ode an die Freude (Ludwig van Beethoven), Piraten der Karibik (Klaus Badelt), Af deser Ierd (Hermann Kirchner) begeisterten die Jungmusiker ein dankbares Publikum.

Im Anschluss bot die Kindertanzgruppe Heilbronn, unter der Leitung von Astrid Kelp, einige flotte Tänze auf der Bühne, die mit kräftigem Applaus belohnt wurden, sind die Jüngsten in Tracht doch wirklich eine Augenweide!

Hans Seiwerth aus Nürnberg erfreute mit seinen selbst geschriebenen sächsischen Liedern, die er mit Gitarrenklängen eindrucksvoll unterstrich. Nicht nur Kennern seiner Musik bereitete er damit eine Gänsehaut!

Während im Saal beim gemütlichen Beisammensein noch Kuchenteller und Kaffeetassen klirrten, bereitete sich die Theatergruppe Augsburg auf der Bühne auf den von allen ersehnten Auftritt vor. Unter der Regie von Frau Schenker brachten sie in siebenbürgisch-sächsischer Mundart die Tücken einer Urlaubsreise von früher in Erinnerung. Was dem ein oder anderen blühen konnte, wenn er sich entschloss, sein Dorf für ein paar Tage zu verlassen, und es die Schwiegermutter mitbekommen hatte, wurde in dem Stück Urlef um Schwarzen Meer auf äußerst sympathische Weise dargestellt: Schnell verbreitete sich die Neuigkeit, und genauso schnell waren die Nachbarn da, um „Kleinigkeiten“ wie „Schwutzger“ für Marmelade oder Reifen für das Motorrad an Verwandte und Bekannte mitzuschicken, die unterwegs bestimmt noch schnell aufgesucht werden konnten. Die Bemühungen der Reisewilligen und deren „Komplizen“, dieser Aufgabe zu entgehen, ernteten viele Lacher im Saal! Letztendlich konnte das junge Ehepaar, dank glücklicher Fügungen, doch noch die geplante Urlaubsreise ans Schwarze Meer antreten, ohne unnötigen Ballast mitnehmen zu müssen!

Der heiteren Stimmung im Saal konnte man wieder entnehmen, dass mit diesem bunt zusammengestellten Nachmittag eine Veranstaltung ins Leben gerufen wurde, die uns, wie früher, unter ein gemeinsames Dach bringt und uns durch unsere Sprache, Musik und Bräuche zusammenhalten kann! Der Vorhang fiel aber leider auch nach diesem schönen Tag.

Die Theatergruppen aus Augsburg und Heilbronn saßen noch gemeinsam beim Abendbrot, um das Erlebte Revue passieren zu lassen. Zufriedenheit über das Gelingen des Tages, doch auch Gedanken über das, was kommen mag, bestimmten die Gespräche. Sich austauschen, voneinander lernen und füreinander einstehen sind wichtige Bausteine im gemeinsamen Bestreben, etwas von unserer sächsischen Kultur zu erhalten und an die nächste Generation weiterzureichen.

Liebe Reichesdorfer, seid ihr auch in euren jeweiligen Kreisgruppen engagiert? Beteiligt ihr euch aktiv am Erhalt der siebenbürgischen Kultur, zum Beispiel in einer Tanzgruppe, im Chor, Orchester oder sonstiges? Lasst uns von euren Aktivitäten wissen, berichtet uns hier im Reichesdorfer Boten darüber! Traut euch! Setzt euch einfach mit mir in Verbindung, wenn ihr euch beim Verfassen eines Berichtes unsicher seid, gemeinsam finden wir eine Lösung!

Susi


g

Der Sachsen Wanderweg

Es zog ein Völklein wohlgemut
aus Deutschlands reichen Gauen;
„Wohin, ihr deutschen Männer all,
wohin, ihr deutschen Frauen?“

Wir wollen in ein freies Land,
ins reiche Dacien ziehen,
wo an der Berge schönem Kranz
die üpp‘gen Reben glühen.

Wo reich an Silber und an Gold
der Erde Adern schwellen,
und frei von Gottes freien Höhn
die Wasser niederquellen

Das Land ist reich! Es fehlt nur die Kunst,
es fehlt an fleiss‘gen Händen;
Die hoffen wir, so Gott es will,
dort tüchtig zu verwenden.

Gott segn‘ euch bied‘re Männer all,
Gott segn‘ euch edle Frauen!
Ziehet fröhlich hin, doch einen Spruch
nehmt mit in jene Gauen.

Bewahrt die deutsche Frömmigkeit
auch in dem neuen Lande!
Erhebet es durch Kunst und Fleiß
und denkt der alten Bande.

Mehr als achthundert Jahre sind
Seit jener Zeit verstrichen,
Und immer hat das Völklein hier
Dem deutschen Volk geglichen.

Unbekannt


h

Siebenbürgen

Siebenbürgen, Land des Segens,
850 Jahr vergebens
gearbeitet, gekämpft, gelebt,
wie sowohl in der Geschichte steht.
Es kamen Türken und Tataren,
die Zeiten schwer und furchtbar waren.
Die Sachsen wehrten ihrer Haut,
haben auch Kirchenburgen gebaut,
sie waren auch als tolerant
bei allen Völkern bekannt.
So mancher Sturm wurde überstanden,
haben immer von Neuem angefangen.
Ein Hohelied soll heut erklingen,
man konnt‘ die Sachsen nicht bezwingen.
Doch dann kam jener Augenblick:
Man brach den Sachsen das Genick.
Der Kommunismus – wie die Pest,
gab dann den Sachsen wohl den Rest.
Gar mancher Sachsenjunge fiel,
Für‘n kurzen Traum, fürs falsche Ziel.
Die Sowjets sie aussortierten,
Männer und Frauen deportierten
Zur Zwangsarbeit – zum bitteren Fron
Ins „Paradies“ Sowjetunion.
Vor Hunger, Elend, Sorgen, Not
Ereilte hier gar viele der Tod.
So bahnte sich das Ende an,
Als dann der große Treck begann.
Die Heimat blutet langsam aus,
verloren Habe, Glück und Haus.
Die Sachsen kehren wieder „heim“
Nach Deutschland, wo ihre Wiege soll sein.
Amerika war auch gesonnen,
hat viele Sachsen aufgenommen.
Für Arbeit jeder war bereit
mit Fleiß und Ehrlichkeit.
Und viele haben das geschafft,
viel mehr als das Schicksal fortgerafft.
Und wär‘n wir heute noch zu Haus,
wir wären arm wie 'ne Kirchenmaus.
Mit Traurigkeit denkt man zurück,
vorbei der Traum vom Heimatglück.
Es wäre von uns jedoch vermessen,
unsere Heimat jemals zu vergessen:
Der Wind wird wehen durch die Hallen,
die Kirchenburgen, sie verfallen,
das Gras wird über den Gräbern wachsen
– lebt wohl ihr alten, treuen Sachsen.

Artur Fritsch


i

Für unsere Kleinsten
Sieben schwarze Federn

Die Sonne warf pfirsichfarbene Lichtbahnen durch die zum Teil belaubten, zum anderen Teil noch relativ kahlen Baumkronen. In der Nähe zwitscherte ein Vogel als letzter am heutigen Tag sein Liedchen. Delia lauschte darauf, wie es sich veränderte, wenn sie dicht an Baumstämmen vorbeiflog, oder es sich in tiefem Unterholz brach. Die Waldfee war zwar erschöpft, aber insgesamt zufrieden mit dem, was sie heute geschafft hatte.

Wie jede Waldfee hatte sie die ehrenvolle Aufgabe, den Wald durch die vier verschiedenen Jahreszeiten hindurchzuführen. Das konnte so aussehen, dass sie den Früchten im Sommer zum Reifen verhalf; im Herbst die Blätter bunt werden ließ oder überwinternden Tieren bei der Nahrungssuche beistand; und im Winter Tümpel und Teiche auf der Oberfläche einfror, damit die Fische und Frösche darin die kalte Zeit gut überstanden. Pflanzensamen verteilen und ihre Wurzeln hervorlocken, Schmetterlingen den Kokon öffnen, Gräser und Blätter mit frischem Raureif einhüllen, und vieles mehr. Es gab immer etwas zu tun! Dabei nutzten die Feen den magischen Sternenstaub, der alles tun konnte, wenn sie nur fest genug daran dachten. Für eine Waldfee gab es nichts Wertvolleres als die Kristallflasche, in der sie ihren Sternenstaub aufbewahrten.

Am liebsten von allen Jahreszeiten hatte Delia den Frühling, wenn alles im Wald aus dem tiefen Schlaf des Winters erwachte. Eine der Aufgaben zu dieser Zeit war es, die Blattknospen der Bäume zum Öffnen zu bringen. Zwar hatten sie sich schon unter Eis und Schnee von selbst gebildet, aber alleine konnten sie nicht aufbrechen, um sich als grüne Blätter in der Sonne auszubreiten. Delia hatte heute an einer Hainbuche zu tun gehabt; es war ihr tatsächlich gelungen, alle Knospen des Baumes zu öffnen. Oft war es nämlich so, dass der Sternenstaub in der Kristallflasche für einen ganzen Baum nicht ausreichte. Doch diese Buche war noch recht jung und deswegen eher klein. Dennoch hatte es Delias ganzen Vorrats an Sternenstaub bedurft, ihre Arbeit zu erfüllen.

Und sie war sogar früher fertig geworden als üblich. Sie freute sich auf einen entspannten Abend in ihrer Höhle im Heimbaum, eine uralte Weide am Ufer eines großen Sees, in dem die Waldfeen schon seit ewigen Zeiten wohnten. Sie würde sich eine Tasse Baumsaft machen, die müden Flügel an dem magischen Bernstein ausruhen, der angenehme Wärme spendete, und dabei den See überblicken, in dem sich Mond und Sterne spiegelten.

Delia hielt kurz an, um einen Blick auf ihren Dienstplan zu werfen, auf dem stand, was sie als nächstes zu erledigen hatte. Nach der Buche von heute sollte sie die Blütenknospen eines Pfirsichbaums zum Erblühen bringen. Auf der Karte des Waldes, die zum Dienstplan gehörte, waren ihre Einsatzorte als kleine Kreuze markiert. Überrascht stellte sie fest, dass jener Pfirsichbaum nicht weit von hier war. Sie würde nur einen kleinen Umweg fliegen müssen, um sich für morgen schon mal umzuschauen, und könnte danach gleich weiter nach Hause.

So dauerte es auch gar nicht lange, bis Delia den Pfirsichbaum erreichte. Er hatte eine größere Baumkrone als die Buche, wie sie mit Unmut feststellte. Hieran würde sie bestimmt mehr als einen Tag arbeiten müssen. Die Knospen saßen rund, rosa und reif auf den Zweigen und warteten nur darauf, dass man sie mit Sternenstaub bestreute. Allerdings entdeckte Delia zwischen ihnen auch viele Pfirsiche vom Vorjahr, die einmal die Farbe von Sonnenuntergangsstrahlen gehabt hatten, jetzt aber runzelig und schwarz waren. Die würde Delia erst entfernen müssen, bevor sie sich um die Knospen kümmern konnte. Aber dafür war ja morgen genug Zeit.

Um die vom vielen Fliegen taub gewordenen Flügel etwas zu schonen, setzte Delia sich zu einer kleinen Pause auf einen Ast. Während sie da saß und ihren Tagesablauf für morgen plante, hörte sie über sich ein trockenes Knacken. Verwundert blicke sie auf – eine der alten Pfirsiche fiel aus der Krone genau auf sie zu! Panisch wollte sie wegfliegen, aber sie war zu müde, um schnell reagieren zu können. Schon hatte das Trockenobst sie erreicht, schlug gegen sie und warf sie den Ast hinunter.

Dielia schrie vor Angst, wollte mit den Flügeln flattern, doch sie wurde im Fallen herumgeschleudert und wusste nicht, wo oben und unten waren. Glücklicherweise landete sie schon bald in einem Strauch, der unter dem Pfirsichbaum wuchs und ihren Sturz dämpfte. Noch etwas benommen rappelte die Waldfee sich auf, schüttelte Staub aus ihrer Kleidung. Sie warf einen bitterbösen Blick zu dem vertrockneten Pfirsich, der nicht weit von ihr zu Boden gegangen war. Genau deswegen musste sie als allererstes das Schrumpelobst entfernen, sonst würde es sie morgen bei der Arbeit behindern. Blödes Ding!

Plötzlich kam ihr etwas in den Sinn, und Delia öffnete schnell die Umhängetasche, in der sie die Kristallflasche für den Sternenstaub transportierte. Glücklicherweise war der wertvolle Gegenstand bei ihrem Unfall nicht zerbrochen!

Erleichtert wollte sie sich in die Lüfte erheben, um ihren Heimweg fortzusetzen, doch ihr einer Flügel ließ sich nicht bewegen. Erschrocken musste sie feststellen, dass er eingeknickt war, vermutlich, als der Schrumpfpfirsich sie getroffen hatte. Das war das zweitschlimmste, was einer Fee passieren konnte! Allzu tragisch war es nicht; mit einer Prise Sternenstaub ließ sich der Knick ganz leicht wieder reparieren. Dumm nur eben, dass sie nichts mehr von dem magischen Pulver bei sich hatte, nur die leere Kristallflasche. Um diese wieder auffüllen zu können, musste sie bis zur Nacht warten, und bis dahin dauerte es noch. Die Zeit konnte sie eigentlich genauso gut nutzen, um zu Fuß nach Hause zu laufen.

Ein Wind kam auf, der ihr Haar durcheinanderwirbelte, und plötzlich landete etwas mit schwerem Donnern neben ihr. Es ragte viele Male größer als Delia über ihr auf und schien nur aus Dunkelheit zu bestehen. Der mächtige Körper wurde von Füßen gestützt, die in furchterregenden Klauen endeten. Eine Krähe!

Kreischend wandte Delia sich um, wollte um ihr Leben rennen – doch der unheimliche Rabenvogel beugte sich zu ihr herab und packte sie mit dem Schnabel am Kragen ihrer schönen Holunderwollbluse! Gegen ihren Willen wurde sie vom Boden angehoben. Im nächsten Moment breitete das Ungetüm die Schwingen aus und flog los.

Delia wimmerte vor sich her. Das war das Ende! Jede Waldfee lernte von Kindesflügeln an, dass Krähen alles fraßen, was der Wald ihnen hergab – auch seine Wächter, die das ganze Jahr über für ihn sorgten. Vor allem in der Frühlingszeit fingen sie viele Insekten, um sie an ihre Jungen zu verfüttern. Als Waldfee hatte Delia zarte Flügel, die an die von Libellen und Schmetterlingen erinnerten. An ihr war auch wesentlich mehr dran als an einer kümmerlichen Eintagsfliege. Sie gab eine perfekte Mahlzeit für heranwachsende Krähenkinder ab!

Wie sie befürchtet hatte, verfrachtete die Krähe Delia zu ihrem Nest. In dem Bauwerk aus Ästen und Zweigen kauerten ganze sieben Jungtiere, alle mit drahtigem Gefieder, breiten Schnäbeln, gierigen Augen – und nicht zuletzt leeren Mägen! Der Altvogel setzte am Nestrand auf und beugte sich mit seiner hilflos zappelnden Beute hinab. Voller Angst flehte Delia: „Bitte, bitte! Fresst mich nicht!“

Sanfter als erwartet wurde sie auf dem Nestboden abgelegt. Noch immer vor Furcht zitternd, hörte Delia eine freundliche Stimme belustigt fragen: „Aber warum sollten wir dich denn fressen?“

Erst brauchte sie einen Moment, bis sie erkannte, dass diese Stimme der großen Krähe gehörte. Überrascht blickte sie um sich. Die Vogelkinder beschnupperten sie von allen Seiten, anstatt mit Schnäbeln nach ihr zu picken, und ihre Augen waren gar nicht gierig, allenfalls neugierig. Plötzlich kamen sie Delia gar nicht mehr wie Monster vor, jetzt, da sie genauer hingeschaut hatte. Sie sah zu der Mutter auf. „Weil Krähen doch alles fressen. Auch Feen!“, beteuerte sie.

„Willst du das denn haben? Kein Problem“, meinte der schwarze Vogel und lachte über Delias geschockte Miene. „Nein, keine Sorge. Das war ein Witz. Krähen, die Feen fressen… wer erzählt denn so was! Ich habe gesehen, wie du aus dem Baum gestürzt bist, und wollte dir helfen.“

Delia war zu baff, um darauf etwas zu erwidern. Eines der Krähenkinder stupste sie vorsichtig mit der Schnabelspitze an und fragte: „Warum bist du denn gefallen, wenn du Flügel hast? Kannst du nicht fliegen wie wir?“

„Du Spatzenhirn!“, schimpfte ein anderes und drängte sich durch die anderen Küken vor. „Man kann doch sehen, dass ihr einer Flügel kaputt ist. Du hast echt von nichts eine Ahnung!“

Das andere plusterte gereizt das flaumige Gefieder auf. „Achja? Zumindest zapple ich bei den Flugübungen nicht so rum wie du, Hupfdohle!“

Auch das andere Junge wurde daraufhin stinkig und fiel über sein Geschwisterchen her. Die beiden rangen heftig miteinander und verursachten in dem engen Nest schnell Chaos. Auch Delia wurde von den Bewegungen der beiden Krähenkinder herumgeschubst, die beide so groß waren wie sie.

„Schluss jetzt!“ Die vorher so freundliche Stimme der Rabenmutter donnerte jetzt barsch über das Nest hinweg. Sie schlug den Schnabel zwischen den sich raufenden Jungen hindurch, um sie so voneinander zu trennen. „Wir haben einen Gast hier, also benehmt euch gefälligst. Und vergesst nicht: Solange jeder in seinen Stärken so gut ist wie der andere in den seinen, sind die Schwächen nicht wichtig! Jetzt entschuldigt euch beieinander, sonst gibt es nach dem Abendessen keine süßen Blattläuse zum Nachtisch!“

Sie verharrte, bis ihre beiden Kinder ein stures „‘tschuldigung“ murmelten, und richtete sich dann wieder auf. Kaum, dass sie kurz wegsah, streckten sie sich gegenseitig die Zungen raus.

Dem Schauspiel hatte Delia verwundert zugesehen, als sich die Mutterkrähe wieder an sie wandte und fragte: „Warum schaust du denn so perplex?“

Die Waldfee musste ein paar Mal schlucken, bevor sie antwortete: „Ich habe gedacht, du würdest sie jetzt beide aus dem Nest werfen, wie es alle Krähen mit unartigen Kindern tun …“

Wieder lachte die Rabenfrau. „Hast du denn je eine Krähe dabei gesehen, wie sie das tut?“

Etwas kleinlaut antwortete Delia: „Naja… nein, aber… das weiß man doch …“

„Man sollte nicht alles glauben, was Märchen einem erzählen. Krähenkinder sind oft übermütig und unvorsichtig, wie du siehst, und manchmal mag es passieren, dass sie dabei aus dem Nest fallen. Das ist dann immer sehr traurig für die Eltern und Geschwister. Aber nie würden wir sie mit Absicht aus dem Nest werfen“, erklärte der große schwarze Vogel gutmütig. „Mein Name ist übrigens Cora. Und dies sind meine sieben Kinder.“ Während sie die Namen aufzählte, deutete sie mit dem Schnabel der Reihe nach auf jedes von ihnen. „Melina, Flori, Sina, Marc und meine jüngste Maria.“ Diese war noch deutlich kleiner als ihre Geschwister und die niedlichste von allen. „Und die beiden Streithähne sind Moni und Ben, die ältesten. Seit sie gleichzeitig geschlüpft sind, machen sie aus allem einen Wettbewerb.“

„Das war gar nicht gleichzeitig“, behauptete Ben fest. „Ich war schneller als sie, das weiß ich ganz genau!“

„Wie willst du das wissen?“, fragte Moni sauer. „Wir waren da beide noch blind!“

Bevor erneut ein Streit unter den beiden ausbrechen konnte, schob sich ihre kleinste Schwester Maria zwischen ihnen hindurch. Sie blickte Delia aus großen Augen an. „Mama erzählt uns immer ganz viel von den Waldfeen, die zaubern. Stimmt es, dass ihr Blumen zum Blühen bringt? Ich habe noch nie Blumen gesehen! Sind sie schön?“

Ähm… ja, sehr schön sind sie“, versicherte Delia, der die Aufmerksamkeit der Krähenküken unangenehm war. Bis vor wenigen Minuten hatte sie noch schreckliche Angst vor ihnen gehabt, das konnte sie nicht einfach vergessen!

„Wie kannst du eigentlich wieder fliegen?“, wollte Maria jetzt wissen.

Die Fee schluckte die Furcht vor Rabenvögeln, die ihr ihr ganzes Leben lang beigebracht worden war, hinunter, und erklärte: „Ich muss auf die Nacht warten. Dann kann ich nämlich Sternenstaub aus dem Licht der Sterne ernten, und mit dem meinen Flügel heilen. Vorher kann ich nicht nach Hause.“ Sie schaute in den Himmel. Es dauerte noch etwas, bis die Sonne ganz untergegangen sein würde.

Cora beugte sich wieder zu ihrer Besucherin herab. „Wenn du möchtest, kann ich dich zu dir nach Hause bringen. Wenn du mir sagst, wohin ich dich tragen muss, mache ich es gerne.“

Delia wollte das Angebot dankend annehmen, als unter den sieben Rabenkindern Protest laut wurde: „Nein, geh noch nicht!“, bettelten sie die Waldfee an. „Bleib noch ein bisschen und spiel mit uns!“ Vierzehn schwarze Augen schauten sie erwartungsvoll an in der Hoffnung, dass sie sie noch nicht verließ.

Eigentlich hatte Delia sich doch einen schönen Abend in ihrer Baumhöhle machen wollen. Mit Baumsaft, magischem Bernstein und Ausblick auf den See. Aber irgendwie konnte sie den niedlichen Küken ihren innigen Wunsch nicht ausschlagen … „Na gut“, entschied Delia schließlich. „Ich bleibe noch etwas.“ Die Krähenkinder jubelten, und Cora freute sich, dass sie glücklich waren.

Zusammen mit den Sieben spielte Delia ein Spiel, das sie noch nicht kannte. Es hieß Stöckchenziehen und war ganz ähnlich wie das bekannte Mikado. Als Waldfee mit Händen hatte sie dabei einen klaren Vorteil gegenüber den Jungvogeln, konnte sie schließlich besser zugreifen. Nach ein paar Runden machten die Kinder einige Flugübungen, die zurzeit nur daraus bestanden, mit den Flügeln zu flattern und so die Flugmuskulatur zu trainieren. Dabei erzeugten sie so einigen Wind, ganz wie die Mutter. Erst später würden sie die richtige Schlagtechnik erlernen, um auch abheben zu können.

Als es immer dunkler wurde, flog Cora aus, um Käfer und Insekten zu sammeln. Als sie zurückkam, hatte sie auch süße Blattläuse als Nachtisch dabei, und auch Moni und Ben bekamen von diesen etwas ab. Sogar für Delia hatte die Krähe etwas gefunden: Waldfeen aßen zwar keine Insekten, aber alle Arten von Früchten. So hatte Cora ein paar Beeren gefunden, die den Winter fast frisch überstanden hatten und nicht im Mindesten so verdorrt waren wie der Pfirsich.

Während Delia zwischen den wärmenden, federflauschigen Körpern der Küken saß, mit einer leckeren Beere in der Hand, dabei Geschichten lauschte, die Cora zu erzählen wusste, erkannte sie, dass sie auch ohne Baumsaft und Bernstein einen schönen Abend hatte. Ja, er war sogar der beste, den sie je gehabt hatte!

Doch wie alle Abende musste auch dieser irgendwann zu Ende gehen. Gerne wäre Delia noch geblieben, aber sie musste zurück zum Heimbaum, bevor man sich dort Sorgen um sie machte. Die Sonne war untergegangen, Sterne funkelten am Himmel. Nach ihrer Einschätzung mussten es genug sein, um Sternenstaub herzustellen. Mit beiden Händen hob Delia ihre Kristallflasche, die größer war als ihr Kopf, hoch über sich und konzentrierte sich auf deren Inneres. Zuerst geschah nichts, und die Krähen, sogar die Mutter, beobachteten die Waldfee gespannt.

Endlich zeigte sich etwas: In der Luft um die Kristallflasche herum bildeten sich winzige, silberne Pünktchen. Wie von einem Magneten angezogen bewegten sie sich alle auf die Öffnung der Flasche zu. Immer mehr von ihnen entstanden wie aus dem Nichts und sammelten sich in dem durchsichtigen Gefäß. Alsbald war es vollgefüllt mit dem leuchtenden Pulver. Delia schüttete eine kleine Menge davon auf ihre Hand, bevor sie den Hals mit einem Stopfen verschloss. Was sie aus der Flasche entnommen hatte, streute sie über den Knick in ihrem Flügel und stellte sich dabei vor, wie er vor dem Unfall ausgesehen hatte. Der Sternenstaub haftete sich an die beschädigte Stelle, leuchtete hell auf – und als das Licht verlosch, war Delias Flügel wieder wie neu!

„Wow!“, entfuhr es den sieben Kindern, und auch Cora machte große, faszinierte Augen. Sie alle sahen für Delia nun gar nicht mehr furchteinflößend aus. Sie waren ganz im Gegenteil sogar richtig freundlich!

„Vielen Dank, dass ihr mir geholfen habt“, sagte Delia aufrichtig, als sie die Kristallflasche in der Umhängetasche verstaute.

Cora lächelte freundlich und erwiderte: „Ich glaube, ich sollte eher dir danken! So brav wie heute Abend war meine Kükenschar noch nie. Du solltest öfter zu Besuch kommen.“ Sie zwinkerte, um zu zeigen, dass sie nicht nur häufiger solche Zeiten wollte, in denen ihre Kinder keinen Radau machten. Vor allem war es eine Einladung für Delia, sie wieder zu besuchen und mit ihnen zu plaudern und zu spielen.

Delia nickte dankbar. „Ihr habt eine sehr nette Mutter und solltet ihr nicht so viele Schwierigkeiten machen!“, tadelte sie die sieben Rabenküken. Dann lächelte sie. „Aber es hat mir wirklich viel Spaß gemacht mit euch.“

Die Kinder stimmten ihr freudig zu. Als sie verstummten, verkündete Maria, die Kleinste: „Ich habe eine tolle Idee! Schenken wir Delia doch jeder eine unserer Federn, damit sie immer an uns denkt!“ Die Geschwister befanden dies als guten Einfall, und so zupften sie sich je eine flauschige Feder aus dem weichen Brustgefieder, um sie Delia zu überreichen. Diese nahm sie entgegen und dankte jedem einzelnen Kind persönlich. Sie befestigte die Geschenke am Gurt ihrer Umhängetasche, sodass sie bald wirkte, als trüge sie eine schwarze Federboa.

Beim Anblick der so beschmückten Waldfee stutzte Cora und lachte: „Du siehst fast so aus wie eine Krähe!“ Delia sah überrascht an sich hinab. Entfernt und mit viel Fantasie konnte man das tatsächlich sagen. Wie würden ihre Arbeitskollegen beim Heimbaum darauf reagieren, dass sie mit Krähen Freundschaft geschlossen hatte?

Die sieben schwarzen Federn waren das schönste Geschenk, das Delia je erhalten hatte. Irgendetwas musste sie ihren Gastgebern dafür zurückgeben! Sie sah sich um nach etwas, das sich dafür eignete. Einer der ausgetrockneten Zweige, aus denen Cora das Nest errichtet hatte, stammte von einem Kirschbaum, wie Delia fachkundig erkannte. Ein weiteres Mal stöpselte sie die Kristallflasche auf und nahm etwas Sternenstaub heraus. Eigentlich war es nicht erlaubt, einen trockenen Zweig wieder zum Leben zu erwecken, denn wenn der Baum entschied, ihn nicht mehr zu gebrauchen und ihn deswegen absterben zu lassen, durften Waldfeen sich nicht einmischen. Aber Delia fand, dass es in diesem Fall in Ordnung war.

Sie bestreute den Zweig mit dem silbernen Puder, woraufhin aus dem vertrockneten Holz helle Knospen hervorwuchsen. In nur wenigen Sekunden öffneten sie sich und schmückten den Zweig mit wunderschönen, rosafarbenen Kirschblüten, die herrlich dufteten. Die Rabenkinder, insbesondere die kleine Maria, betrachteten die Naturschönheit voller Freude. Endlich hatten sie in ihrem jungen Leben damit auch Blumen gesehen!

Vorsichtig prüfte Delia den reparierten Flügel, der sich wieder genauso wie früher bewegen ließ. Sie erhob sich vom Nest und winkte den Krähen, die die Geste mit den Schwingen erwiderten. Die Waldfee entfernte sich von ihnen und wandte erst den Blick ab, als sich Bäume in ihr Sichtfeld schoben und das Nest hinter sich verbargen.

Geleitet vom Licht der Sterne kehrte Delia zurück zum Heimbaum.

Elisabeth Riemesch


j

Das Leben ist so schön..

Das von Kurator Johann Schaas Erzählte wurde in einem Buch zusammengefasst
Von: Hannelore Baier
Dienstag, 01. Oktober 2013

Kurator Johann Schaas und Andrea Rost, die Aufzeichnerin des von ihm Erzählten.
Foto: Hannelore Baier

Hermannstadt - Kurator Johann Schaas aus Reichesdorf/Richis ist längst kein Geheimtipp mehr für Besucher des kleinen Dorfes im Kokeltal. Er ist dank seines immensen Wissens und der Gabe, dieses mit Humor zu vermitteln, ein gefragter Begleiter bei Kirchenführungen. Um dieses auch für die kommenden Generationen „aufzubewahren“, ließ Andrea Rost den 80-Jährigen Erfahrungen und Erinnerungen über das Dorf und Leben ins Aufnahmegerät erzählen. Daraus stellte sie ein Buch zusammen, das beim Sachsentreffen in Schäßburg/Sighisoara präsentiert worden ist. „Das Leben ist so schön, wenn man darüber lächeln kann!“ entstand im Rahmen eines Projektes des Mihai-Eminescu-Trusts mit Unterstützung der Horizon Foundation und der Förderung durch das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien.

Das Buch „gibt die subjektiven Erzählungen des Johann Schaas wieder und erhebt nicht den Anspruch, historische oder gar wissenschaftliche Fakten zu nennen“, heißt es im Vorwort. Nur wenig geglättet wurde seine Ausdrucksweise, in die Erzählsprache fließen sächsische und rumänische Begriffe und Wendungen ein, die im Original zitiert und anschließend übersetzt sind. Zusätzliche Worterklärungen gibt es am Buchende. Die 300 Seiten sind mit Fotos illustriert, welche die HOG Reichesdorf zur Verfügung stellte.

Die Erinnerungen und Erzählungen des 1933 in Reichesdorf geborenen Schaasen Hans wurden in acht Kapitel gegliedert, denen jeweils ein Ausspruch des Erzählers vorangestellt sind. In den beiden ersten Abschnitten erfährt der Leser Wissenswertes über Reichesdorf aber auch aus dem Leben des Johann Schaas. Kapitel drei und vier sind den Bräuchen und Festen im Dorf gewidmet. Der Weinbau wird in Teil fünf behandelt, die beiden nächsten bieten die Erklärungen, wie es zu der heutigen Situation kam, da Johann Schaas und seine Frau Hanni, das einzige sächsische Ehepaar im Dorf geblieben ist: die Enteignungen und die Auswanderungswellen. Im letzten Kapitel wurde das über die heutige Lage im Dorf Erzählte zusammengefasst. Das Buch ist beim Schäßburger Deutschen Forum oder dem Sitz des Mihai-Eminescu-Trusts und im deutschsprachigen Buchhandelsnetz erhältlich.

 

OFFENER BRIEF

Lieber Hans,

im November vorigen Jahres erhielt ich das Buch,mit dem Titel „Das Leben ist so schön, wenn man darüber lächeln kann ! Johann Schaas erzählt über Reichesdorf „ von Andrea Rost.
Im Vorwort des Buches heißt es u.a."Dieses Buch ist aus dem Wunsch entstanden, die Erinnerungen des Johann Schaas über sein Dorf und das Leben dort zu berichten. Denn viele Menschen, die die Kirche in Reichesdorf besuchen, sind fasziniert von den vielen Geschichten, die Johann Schaas bereitwillig erzählt, und viele wollen mehr erfahren und seine Erinnerungen nachlesen.Denn es ist wertvoll, was er über das Leben in einem sächsischen Dorf heute und in der Vergangenheit zu berichten weiß".
Weiter heißt es:" Das vorliegende Büchlein gibt die subjektiven Erzählungen des Johann Schaas wieder und erhebt nicht den Anspruch historische oder gar wissenschaftliche Fakten zu nennen". Soviel aus dem Vorwort.
Sowie ich das Buch in den Händen hielt, begann ich es zu lesen, und in kurzer Zeit hatte ich es einmal im Schnelldurchlauf ausgelesen. Dann habe ich es ein Zweites mal nochmals aufmerksam gelesen. Im Buch ist viel biografisches enthalten, sowie vieles aus und über Reichesdorf.
Mit dir, lieber Hans, bin ich gleichaltrig und wir sind zusammen in Reichesdorf gemeinsam zur Schule gegangen (bis einschließlich zur 5. Klasse).
Hans du bist ein heller Kopf, agilem Verstand und mannigfaltigen Wissen, sowie Arbeit und Fleiß. Dieses sind deine Eigenschaften. Dieses ist keine Lobhudelei sondern entspricht der Realität. Deine Verdienste um Reichesdorf, wo wir dich allein zurückgelassen haben sind unbestreitbar. Persönlich habe ich mehrmals wenn ich deine Hilfe benötigte, an dich appelliert und diese problemlos erhalten.Dafür danke ich dir auch heute noch.
Nun zum Buch.
Meiner Ansicht nach, hast du vor der Drucklegung des Buches, das Manuskript nicht durchgelesen, denn nur so kann ich mir erklären, dass es an mehreren Stellen Widersprüchliches und Ungereimtheiten gibt. Wenn ich diese nun aufzähle, so geschieht das keineswegs mit der Absicht deine Erzählung zu schmäleren, sondern nur Einiges, richtig zu stellen.
Ich werde die jeweilige Seite des Buches anführen, wo mir Einiges aufgefallen ist, und was ich nicht so stehen lassen möchte.
Also los. (HS: = Hans Schaas, HB:= Heinrich Bruckner)

Seite 12
HS: Diesen Ortsrichter unterstand der Kirche und dem Pfarrer. Deswegen wählte auch das Presbyterium diesen Ortsrichter.
HB: Ob das in ganz früheren Zeiten so gewesen sein mag, weiß ich nicht.Der Ortsrichter unterstand nicht der Kirche, sondern der politischen Gemeinde (Trennung von Staat und Kirche). Die Vorgesetzten des Dorfrichters waren der Stuhl-öder Oberstuhlrichter und der Präfekt.

Seite 13
HS: Später wurde aus diesem Richter der Ortsgruppenleiter, das war bei uns der Offner.
HB: Der Ortsgruppenleiter war nie Dorfrichter. Der Dorfrichter war der staatliche Vertreter des Dorfes, während der Ortsgruppenleiter der Vertreter der deutschen Volksgruppe des jeweiligen Ortes war.
HS: Im Dorf lebten ungefähr 1300 Sachsen und hundert Andersnationale.
HB: Die Einwohner von Reichesdorf, waren zahlenmäßig ( Lexikon der Siebenbürger Sachsen)
im Jahre 1786 = 957 Einwohner
im Jahre 1850 = 1206 Einwohner
im Jahre 1910 = 1249 Einwohner
im Jahre 1941 = 1356 Einwohner, davon waren 884 Sachsen (65%)
Da in den Jahren 1786,1850 und 1910 die gesamte Einwohnerzahl angegeben wurde, waren noch außer den Sachsen auch Rumänen, Zigeuner und ein paar Ungarn in dieser Zahl erfasst.

Seite 22
HS: Ein großer Teil gehörte ihnen und sie hatten dort ein „Moures".
HB: Der Ausdruck Meierei oder Meierhof wäre passender gewesen.

Seite 24
HS:.....hatte der Vater Mais nach Hause gebracht und diesen an die „Dienwaund" (dünne Wand) angelehnt.
HB: Die „Dennwund" leitet sich nicht von „dünne Wand" ab, sondern von dem Wort'Tenne". Die Dennwund war eine Bretterwand (etwa 1-1,5 m hoch) welche die Seitenteile der Scheune von der Tenne(Denn) trennten.

Seite 36
HS: .. ..aber in Birthälm gab es den Herren Doktor Richter. Es war ein Anverwandter vom Doktor Richter aus Schäßburg. Das war ein ganz intelligenter Mann, aber etwas seltsam. Er hielt sich Ziegen, mit denen er herumspazierte ,und hatte einen großen Bart.
HB: In Birthälm war Dr. Friedrich Richter Kreisarzt. Sein gleichnamiger Sohn war HNO Arzt in Schäßburg.
Da bringst du etwas Durcheinander.
In Elisabethstadt gab es den ehemaligen Dr.Friedrich Richter, welcher in den späten 1930-ger Jahren, nicht mehr als Arzt praktizierte. Wohl auf Grund einer psychischen Erkrankung, trennte er sich von seiner Frau und seinen Kindern. Er führte von da ab ein einfaches (primitives) Leben (zurück zur Natur) in seinem Hause. Er hielt Hühner und Ziegen. Mit den Ziegen ging er täglich zur Weide.
Wenn ich als Kind bei meiner Großtante Johanna Femengel für ein paar Tage in Elisabethstadt weilte (Sie wohnte Haus an Haus mit F:Richter) habe ich ihn oft mit seinen Ziegen gesehen, mit weißem Bart, an den Füßen mit Sandalen, einem verblichenen, ehemals blauen Leinenmantel bekleidet. Man durfte ihn nicht mit Herr Doktor ansprechen, sondern nur mit Ohm. Auf mich machte er immer den Eindruck einer alttestamentarischen Gestalt.

Seite 44
HS: .. ..der Göckler mit der Wollkämmerei hatte auch eine Reichesdorferin zur Frau.
HB: Gemeint ist wohl die Wollkämmerei von Friedrich Dressler in Mediasch.
Friedrich Dressler jun. heiratete Margaethe geb. Stolz aus Reichesdorf.
HS: Einer war Hauptverantwortlicher beim Schiffsbau in Constanta.
HB: Wer ? Da hätte ich gerne den Namen erfahren.

Seite 46
HS: In meiner Klasse waren wir 32 Kinder und davon nur neun Mädchen.
HB: In der l.Schulklasse (1940-1941) waren wir 38 Schüler,26 Jungen und 12 Mädchen.Sieh dir das Foto von unserm Schulausflug am I.Mai 1941 nach Nimesch an, da findest du 11 Mädchen( es fehlt auf dem Bild Enni Ergas) und 23 Jungen (es fehlen auf dem Bild Untch Georg,Roth Michael, Alzner Martin)

Seite 46
HS: Aus meiner Klasse gingen die Ergas Jinni.die Draser Jinni, der Bruckner Hein, der Stolzen Gust,der Löw Oinz (ins Lyzeum)
HB: Richtig Ergas Enni. Ich ging schon ein Jahr früher aufs Gymnasium nach Mediasch (im Schuljahr 1945-1946), erst ein Jahr später folgten dann Gust Stolz, Andreas Löw und Hans Schaas H.Nr.22

Seite 47
HS: Die Ergas Enni war in der siebenten Klasse.
HB: Das stimmt nicht, da sie schon nach der 5. Klasse das Gymnasium in Mediasch besuchte.

Seite 62
HS: In der Zeit, als Meyndt dann Chorleiter war, da waren einige stolz darauf und einige sehr zornig, denn seine Wirtschaft ist nicht gut gegangen.
HB: Georg Meyndt war kein Bauer,sondern Gemeindenotär und was er uns Bleibendes hinterlassen hat,sind seine Lieder. Es stimmt dass seine Landwirtschaft nicht besonders gut lief. Er soll einmal auf seinen Misserfolg hinweisend, gesagt haben: "Wenn ich Hutmacher geworden wäre, kämen die Leute sicher alle ohne Köpfe auf die Welt". Vielleicht hat er mit den Köpfen, oder Kopflosen auch noch etwas anders gemeint.

Seite 65
HS: Mein Vater wollte mich nicht auf die Buchhalterschule schicken.Das war wahrscheinlich auch nur so eine schnelle Schule, denn die Kollegen , die damals gegangen waren, der Chefbuchhalter Herbert zum Beispiel, der war genau so wie ich dazu gekommen.
HB: Was du Hans da meinst verstehe ich nicht.
Chefbuchhalter Otmar Herberth hatte die Höherer Handelsschule in Kronstadt besucht. Um diese Schule zu besuchen, musste man zuerst das Untergymnasium (Gymnasialklassen 1-4) absolvieren und dann folgte die Ausbildung an der 4 jährigen Handelsschule. Ist das für dich eine schnelle Schule?
Ich selber habe nach dem Untergymnasium in Mediasch, diese Schule von 1948-1952 besucht. Da lernte ich auch Otmar Herberth kennen. Er war 5 Jahre älter als ich, musste aber diese Schule ab Januar 1945 unterbrechen, da er direkt von der Schulbank zur Zwangsarbeit in die Sowjet-Union deportiert wurde.
Nach seiner Rückkehr absolvierte er diese Schule.
Nach der Verstaatlichung der Ev. Höheren Handelsschule in Kronstadt (ofizieller Name bis 1948) hieß sie nun : Technische Handelsmittelschule.Mit dem Diplom dieser Schule, erreichte man Hochschulreife. Mein Diplom wurde hier in Deutschland anerkannt (Qualifikationsgruppe 2 ).
Soviel zur schnellen Schule.

Seite 82
HS:.....denn ihre Eltern waren auch im Saal. Der Hügel Oinz wollte sie gleich dort verlangen.
HB: Das stimmt so nicht. Andreas Hügel hat um die Hand von Anna Hienz nicht bei einer Hochzeit im Saal angehalten. Das war 1955. Damals durften keine Hochzeiten im Saal abgehalten werden.
Dieses geschah bei der Hochzeit von Regina Hienz (der jüngeren Schwester von Anna Hienz) mit Johann Greger, in ihrem Elternhaus (Heinrich Hienz HNr.154) in Reichesdorf. Was dabei gesagt wurde ist mir nicht bekannt.

Seite 88
HS: Bei der Hochzeit ging der Bräutigam die Braut zu Hause abholen.Im Brauthaus waren alle jungen Frauen unter einem Leintuch versteckt......
HB: Hans, da verwechselst du meiner Ansicht nach, den ersten mit dem zweiten Hochzeitstag (Junge-Frauen-Tag).

Seite 110
HS: Einmal starb ein alter Bruder, der Nemenz Sam.
HB: Da meinst du wohl den Hügel Samuel HNr. 356

Seite 124
HS:.... gab es bei uns auch einen Tanzplatz...Wann er gemacht wurde weiß ich nicht.
HB: Hier zitiere ich aus dem Buch: „ Wer nicht läuft der wird gefangen.
Erinnerungen aus Siebenbürgen" von Johanna Leonhardt geb.Stolz. Auf Seite 149 heißt es da: „ von meiner Mutter weiß ich, dass der Tanzplatz in Reichesdorf von meinem Urgroßvater Georg Meyndt unter den alten Buchen angelegt worden war. Er,das war bekannt, hatte als Notar des Ortes viel Verständnis auch für das Gesellige einer Dorfgemeinschaft, und was ist Geselligkeit ohne Tanz". Soweit das Zitat.

Seite 144
HS: In dieses „ Moisschaff" (Mostschaff)
HB: Nicht Mostschaff sondern Messschaff (Hohlmaß), weil damit der Wein gemessen wurde.

Seite 147
HS: Herr Pfarrer Binder machte sich schön langsam Herr über die Nachbarschaften und wollte dirigieren.
HB: Im Reichesdorfer Heimatbuch, ist ab Seite 177 nachzulesen., unter Punkt G.Nachbarschaften:

  1. Alle selbstständig gewordenen Mitglieder der Pfarrgemeinde männlichen und weiblichen Geschlechtes treten aus der Bruder - und Schwesternschaft in eine neue Gemeinschaft- die Nachbarschaft- ein, welche nach altem sächsischen Herkommen unter die Oberaufsicht der Kirche gestellt ist (Satzung aus dem Jahr 1898 ).

Ordnung des kirchlichen Lebens in der evangelischen Kirche A.B. In Rumänien (aus dem Jahre 1932)
S.9 Die Pflichten des Pfarrers sind insbesondere die folgenden.....
Punkt 5 Die Aufsicht über die kirchlichen Nachbarschaften, Bruder-und Schwesternschaften (§ 38) zu führen und für die sittlich-religiöse Erziehung der Jugend zu sorgen
HS: „schuffelten" (tratschten)
HB: hier hätte eigentlich spötteln oder lästern besser gepasst.

Seite 164
HS: Der Bruckner Dolf, auch einer aus dieser Brucknerfamilie, die glaubten, sie wären etwas mehr als die andern.
HB: Das lasse ich nicht kommentarlos so stehen, lieber Freund.
Zugegeben, Bruckner Adolf, mein Onkel, war angeberisch und auch großtuerisch veranlagt. Dieses aber pauschal über die Brucknerfamilie zu sagen, ist nicht richtig und auch nicht wahr.
Deine Angewohnheit, lieber Hans, ist immer wieder (auch auf DVD) insgesamt die Reichesdorfer als eingebildet und hochnäsig zu bezeichnen. Schließlich bist du auch ein Reichesdorfer, also bezöge es sich auch auf dich. Wie wäre es gewesen den Ausdruck stolz und selbstbewusst zu verwenden ?
Die Brucknerfämilie hat im 18. 19. und auch 20. Jahrhundert einen Pfarrer, Ärzte, Professoren, Lehrer, Apotheker und nicht zuletzt tüchtige Landwirte gestellt. Mein Vater war ein besonnener und tüchtiger Mensch,und zählte, wenn du es so akzeptierst, mit zu den besten Landwirten Reichesdorfs. Da könnte ich noch mehr dazu sagen, aber ich lasse das lieber, denn es heißt: „ Wer sich dauernd seiner Vorfahren rühmt ist wie eine Kartoffel. Der bessere Teil liegt unter der Erde":

Seite 182
HS: Mein Vater war in Mediasch gewesen und jedes Kind hatte einen Knicker bekommen.
HB: Aus meiner Kindeheit erinnere ich mich, so wie du lieber Hans, an den Knicker. Er bekam dann noch einen Zunamen „Kneddelwerjer" (Knödelwürger)

Seite 184
HS: Die hatten das Recht, ein Felpes (kleines Schaff).....
HB: Felpes würde ich ins Deutsche mit Korb übersetzen (Felpes = aus Rutengeflecht hergestellter größerer Korb).

Seite 192
HS: Weinkäufer waren die Kronstädter, Bukarester und Leute aus Constanta.
HB: Hier sollten die vielen Szekler Weinkäufer nicht unerwähnt bleiben.welche jede Menge Reichesdorfer Wein kauften. In meiner Erinnerung fehlen Weinkäufer aus Constanta, d.h. nicht dass es diese nicht gab.

Seite 196
HS: Es gab drei Fassbinder im Dorf Zillmen Johann, Untch Samuel und Nemenz Samuel.
HB: Letztgenannter Fassbinder war nicht Nemenz Samuel, sondern Hügel Samuel HNr. 356, auch Bedner Sam genannt.

Seite 207
HS: Etwas später hat man in Birthälm einen großen Keller gebaut. In den Jahren 66-68 haben wir Sondierungen gemacht, da haben wir schon zu Meschen gehört mit der Staatsfarm.
HB: Die Großkellerei (Crama) in Birthälm wurde 1963 fertiggestellt und in Betrieb genommen. Sie gehörte zum Staatsgut Reichesdorf. Da war Samuel Kloos Kellermeister, dein Schwiegervater.

Seite 208
HS: 1968 oder 1969 muss der Keller dann fertig gewesen sein.
HB: Stimmt nicht. Wie oben erwähnt war der Keller schon 1963 fertig und in Betrieb genommen. Damals war Önologe Ing. Bocioanca in dieser Kellerei.
Buchhalterisch habe ich diese Investitionsarbeiten an dem Keller erfasst, da ich zu jenem Zeitpunkt Buchhalter (Abteilungsleiter der Buchhaltung = Sef serviciu contabilitate) bei der Zentrale (centru) des Staatsgutes in Reichesdorf war.

Seite 214
HS: der „vin de Jidvei" ( Seiburger Wein)
HB: Richtig heißt es „ Seidener Wein"

Seite 219
HS: Er (Muresan) wohnte in einem sächsischen Haus in der Nähe der rumänischen Kirche.
HB: War es ein sächsisches Haus ? Es stand unterhalb der rumänischen - orthodoxen Kirche und war die rumänische Lehrerwohnung..

Seite 227
HS: Herr Pfarrer Herberth, der Stolzen Gust, der Langen Gust mussten ins Gefängnis.
HB: Gustav Lang war in diesem Falle nicht der Dritte im Gefängnis, sondern das war Johann Schlosser HNr. 44.

Seite 228
HS: Einen Enteignungsschein für das Haus hat nur der Bruckner Hein bekommen.
HB: Einen Enteignungsschein für mein Elternhaus haben wir nie bekommen.
Aus meinem Elternhaus, wurden wir im September 1952 buchstäblich auf die Straße gesetzt. Damals war der berüchtigte Vorsitzende des Volksrates, Sepeteanu (Er beging später Selbstmord in Reichesdorf) und Milizchef war Basarabeanu. Mein Vater und ich wurden eine ganze Nacht auf dem Milizposten festgehalten, aber ohne dass physischer Druck ausgeübt wurde, wohl aber psychologischer. Gleichzeitig wurden damals die Eltern meiner späteren Frau, Karl und Anna Fernengel,ihre Großmutter Sofia Femengel aus ihrem Haus (H Nr.9.), ebenso wie Familie Eduard und Anna Draser, mit Tochter Anna Salmen und Enkelin Edda Salmen Haus Nr.122. hinausgeworfen.

Seite 228
HS: Er war die Ausnahme, denn ihn sollte man total fertig machen, weil der Bruckner Hein vor der deutschen Zeit Ortsrichter gewesen war.
HB: Vor der deutschen Zeit ? Mein Vater war Ortsrichter von Reichesdorf von 1942- 23.August 1944, übrigens der letzte sächsische Richter, in vorkommunistischer Zeit.
Mit Michael Offner welcher Ortsgruppenleiter der deutschen Volksgruppe in Reichesdorf war, hatte mein Vater manche heftige Auseinandersetzung, da dieser immer wieder versuchte sich in die Ortsgeschäfte einzumischen.Es war damals nicht leicht, irgendwie ein Gleichgewicht im Orte zu sichern.
Damals war Gemeindenotär Herr Avram Crisan, welcher meinen Vater achtete (Beweis sind seine späteren, wiederholten Besuche in meinem Elternhaus) und welcher in Bezug zu den Eigenmächtigkeiten des Ortsgruppenleiters sagte: „ Offner vrea sä faca un stat in stat". (Offner will einen Staat im Staate machen ).

Seite 238
HS: Er (Mattes) ging dann eine Zeit lang nach Meschen arbeiten, zusammen mit dem Bmckner Hein, der dort Buchhalter war.
HB: Bei dem neu gegründeten Staatlichen Landwirschaftsbetrieb (SLB) Meschen (rumänisch: Intreprinderea Agricola de Stat) war ich nicht Buchhalter, sondern meine rumänische Berufsbezeichnung war „ sef birou financiar" (Bürochef der Finanzen).Das war ab l. September 1967. Nach Auflösung dieses Postens, war ich für kurze Zeit Revisor. Ab dem l. Mai 1968 endete, auf eigenen Antrag, mein Angestelltenverhältnis bei diesem Betrieb.

Seite 239
HS: 1991 wurde ich Adjuvantenchef, weil der Musikantenprimus Dr.Hans Hügel weg war.
HB: Dr. Nein. Hans Hügel Ja.

Seite 244
HS:.....hatte man das Haus dem Marzn gegeben.
HB: ? Vielleicht meint man da die Familie Anna Stolz

Seite 245
HS: Es waren noch der Bruckner Sam.
HB: Bruckner Sam gab es in Reichesdorf nicht. Gemeint ist wahrscheinlich Samuel Drotleff.

Seite 265
HS: Sie stammte aus der Dobrudscha und ihr Sohn ist Ingenieur.
HB: Gemeint ist Frau Stoica, deren Schwiegersohn ist Ing. Buzudgan. Frau Stoica stammt aus der Nähe von Braila.

Seite 278
HS: Die Frau G. Hatte das Pfarrhaus gemietet, um dort Jugendliche zu beherbergen.
HB: Warum, nennst du hier Hans nur eine Initiale ? Ansonsten bist du so freimütig auch bei kritischen, um nicht beleidigenden Dingen zu sagen, den vollen Namen zu nennen.

Seite 292
HS: Es hieß zuerst Reihersdorf und dann wurde daraus dann Reichersdorf und zum Schluss Reichesdorf.
HB: Das ist von dir eine persönliche Interpretation. Es stimmt dass der Reiher das Reichesdorfer Wappen seit dem Jahre 1516 prägt (also seit fast 500 Jahren).
Der Name Reichesdorf kommt aber nicht vom Reiher.
Die erste urkundliche Erwähnung Reichesdorf aus dem Jahre:
1283 ist „Villa Richuini"
1359 dann „Villa Richvini"
1510 dann Richesdorff
1532 Rychesdorff.

Seite 293
HS: Ich teile die Leute eigentlich ein wenig anders ein, nicht nach ihrer Wichtigkeit, sondern nach Köpfchen.
HB: Jeder Mensch hat einen Kopf, im Diminutiv Köpfchen. Manche Menschen bezeichnetest du Hans namentlich „ er hatte einen schweren Kopf . Während meiner vielen Lebensjahre, habe ich immer wieder feststellen können, das sich im Leben oftmals solche Menschen gut bewähren, ja manchmal sogar besser, als jene mit "hellen Köpfchen". Es ist weder unsere Schuld noch unser Verdienst für den Kopf welchen wir haben und dessen Beschaffenheit liegt nur bedingt in unseren Händen.
Soviel Hans, über einige Stellen im Buch über welche ich nicht kommentarlos hinweg gehen konnte. Allerdings sind es nicht alle. Ich hoffe dass du mir dieses nicht übel nimmst.
Dieses Buch erfasst deine Erinnerungen, so wie du sie erzählt hast, mit der Bemerkung im Vorwort „subjektiv". Konsultiert man den Duden oder auch das Internet, so findet man unter dem Wort „Subjektivität" oder „subjektiv", eine ganze Menge Worterklärungen, wie z.B. persönliche Auffassung, Unsachlichkeit, persönlich, ichbezogen, befangen, einseitig, von persönlichen Gefühlen.Interessen, von Vorurteilen bestimmt, eigen, individuell, parteiisch, verzerrt, tendenziös. Also Hans du siehst die Auswahl ist groß, suchen wir uns jeder für seine Sichtweise eine aus.
Dieses soll keineswegs ein Verriss des Buches sein, welches uns neben einigen Mängeln, vieles über Reichesdorf erzählt, wie es war. Allerdings habe ich eine etwas andere Sichtweise, aber wie gesagt subjektiv.
Bei dir kommen viele Menschen, Reichesdorfer nicht gut weg. Ausnahme bildet Herrr Pfarrer Herberth,wo ich ganz auf deiner Seite bin. Er war eine Persönlichkeit, mit nachhaltiger positiver Wirkung für die Gemeinde Reichesdorf.
Es mag wohl in persönlichen Ermessen liegen, so wie du es tust, über ehemalige Kameraden, Arbeitskollegen und sogar Freunde zu sprechen, mit Betonung des „Negativen". Es entsteht bei mir der Eindruck dass da unterschwellig eine gewisse Häme, ein kleines Rachegefühl, eine Abrechnung zu finden ist. Sollte ich mich in meiner Annahme getäuscht haben, um so besser.
Nun kommen die Schuldzuweisungen über die Auswanderung, den Exodus.
Auf Seite 240 des Buches, schreibst du:" Die größte Schuld am Auswandern in Reichesdorf trägt der Herr Pfarrer Binder.
Auf Seite 247 heißt es dann. „Es gab keinen Ausweg. Unser Volk hat an den Frauen versagt":
Der Beitrag von Frau Ruxandra Hurezen, mit dem rumänischen Titel" Trista poveste a ultimilor sasi din Transilvania. Fabula lui Hans despre iezenul fugarit de vulpe" zu deutsch „ Die traurige Geschichte der letzten Sachsen in Siebenbürgen. Die Fabel von Hans über den vom Fuchs verjagten Dachs", wurde am 7.November 2008 ins Netz (Internet) gestellt und von Frau Hannelore Baier in der „Allgemeinen Deutschen Zeitung" vom 27.November 2008 kommentiert.
In dieser von dir gestalteten und erzählten ich gestehe von mir bewunderten, Fabel, machst du den Fuchs (Geschichte) für die Auswanderung verantwortlich.
In ein paar Worten, der Inhalt der Fabel: Der Dachs seine kräftigen Beine nutzend, gräbt sich selber einen Bau, in welchem er wohnt. Der schlaue Fuchs bemühte sich nicht, einen eigenen Bau zu errichten. Statt dessen verrichtete er jeden Morgen seine Notdurft vor dem Dachsbau. Dieser um dem Gestank zu entgehen gräbt sich einen neuen Bau.Doch die Sache wiederholt sich,und der Dachs sieht schließlich keinen ändern Ausweg mehr, als das Weite zu suchen.
Die Moral,der von dir erzählten Fabel.ist:" Der Fuchs ist die Geschichte , (Historie ), welche zu wiederholten malen, ihre Notdurft, ihren Ballast, vor den Türen der Sachsen hinterließ, bis diese das Feld geräumt haben und weggezogen sind".Diese Kurzfassung von mir, entspricht nicht ganz der von dir gestalteten und ausführlicher erzählten Fabel. Diese ist besser im Originaltext nachzulesen.
Die Geschichte ist in diesem Fall: Deportation, Enteignung, politischer Druck, Diskriminierung. Man könnte noch mehr darüber sagen.
Der Historiker Gündisch schreibt 1995 : „ Das Ende sächsischer Geschichte, wurde in der NS - Zeit eingeläutet und von den Kommunisten vollstreckt":
Dem ist nichts hinzuzufügen.
Schon Adolf Meschendörfer sagt, scheinbar vorausahnend, in seiner „Siebenbürgische Elegie"

„ Siehst du das Wappen am Tore ? Längst verwelkte die Hand.
Völker kamen und gingen, selbst ihr Name entschwand".

Es ist ein weites, schweres und kontrovers diskutiertes Thema, welche unsere immer kleine siebenbürgische Minderheit ( welche nie ein Viertelmillion überstieg )beschäftigt und auch dann noch beschäftigen wird, wenn wir die Eriebnisgeneration des Exodus, nicht mehr sein werden.
Zum Ende dieses Briefes soll noch einmal deine Standhaftigkeit erwähnt werden. Dein Kämpfen um die Sicherstellung dessen was deine Hände durch Arbeit schaffen, das Ringen bei der Bodenrückgabe um dein Erbe, aber auch um jenes der Reichesdorfer Kirche, wo es immer wieder Mogeleien, ja Betrug gab.
Auf Seite 261 sprichst du für mich erschütternde Worte :" So kämpfen wir um Alles und so leben wir": das sollte man lesen.
Ich stelle mir immer wieder, und bestimmt nicht nur ich, die hypothetische Frage: „Wenn wir alle dageblieben wären und hätten den ehemaligen Besitz unserer Eltern zurückgefordert, was wäre dann gewesen"?
Immer wieder wird in verschiedenen Medien und Kanälen erklärt und bedauert dass die Siebenbürger Sachsen weg sind. Oft frage ich mich wie viel davon ist ehrlich gemeint und wie viel davon sind nur Lippenbekenntnisse ? Dieses Thema möchte ich nicht weiter vertiefen.
Lesen wir dein Buch.und bilden uns jeder seine Meinung.
Lieber Hans, für dich und für Reichesdorf, wünsche ich für heute und für die Zukunft nur das Beste.
Dieser Brief ist nun zu lang geworden, aber ich hatte das Bedürfnis, mit dir über dein Buch zu sprechen und dir meine Ansicht mitzuteilen.
Nachdem es ein offener Brief ist, wird er, auch ändern Menschen (ich hoffe hauptsächlich Reichesdorfern) zugänglich gemacht und zu einer Diskussion anregen. Um den Brief zu verstehen, empfehle ich zuerst das Buch zu lesen.Stellenweise, stimme ich mit dem Titel de Buches „Das Leben ist so schön wenn man darüber lächeln kann"vollkommen überein.
In diesem Sinne, nochmals mit den besten Wünschen

der Bruckner Hein 


k

Aus unserer HOG
Gemeinsames Skiwochenende Reichesdorfer / Meschner

Seit vielen Wochen schon ist der Winter vorbei. Moment mal! Winter? War das ein Winter? Ich persönlich musste kein einziges Mal Schnee schippen in dieser Saison! Umso schöner fand ich es, dass wir auch in diesem Jahr die Möglichkeit hatten, am Gemeinschaftsevent Reichesdorfer-Meschner Skiwochenende dabei zu sein!?

Hari Hügel und Hugo Schneider, mittlerweile alte Hasen in Sachen Organisation, luden erneut auf 2000m in die Wolkensteinhütte am Großvenediger ein.

Im Tal lag auch in diesem beliebten Skigebiet kein Schnee, doch je höher uns der Skilift trug, umso weißer wurde die Landschaft. Zum Glück für unsere Ski- und Snowboardfahrer, die mit Begeisterung die Pisten unsicher machten. Leider war die berühmte Rodelbahn aufgrund des Schneemangels nicht zu gebrauchen, also stiegen die Nichtfahrer kurzerhand auf Spaziergänge um.

Zwischendrin saßen oder standen wir beisammen, wir hatten uns viel zu erzählen! Erinnerungen wurden aufgefrischt, mittlerweile hat man viele davon! Wo sind nur die Jahre dahin?

Zur Tradition wurde inzwischen unser gemeinsames Mahl rund um einen großen Tisch, in dessen Mitte der „Bratwurstbaum“, Grieben, Käse, Schmalz mit Zwiebeln und rustikales Brot aufgestellt wurden und sich jeder, entsprechend seinem Appetit, bedienen durfte. Abgerundet wurde das Ganze mit Glühwein, und einige Geburtstagskinder spendierten Sekt.


Auch die Verpflegung durch die Wirtin der Wolkensteinhütte samt Team ließ keine Wünsche offen! Das sahen Hari und Hugo genauso und entführten sie zu einem Tanz. Am Freitagabend war bei uns nämlich Fasching angesagt. Fast alle Reichesdorfer und Meschner marschierten in tollen Kostümen auf und schwangen bis spät in der Nacht das Tanzbein.

Der Samstagabend verlief etwas ruhiger. Die meisten hatten den schönen Tag auf der Piste verbracht und zogen die Gemütlichkeit vor. Mit Unterstützung einer Jürgen aus Siebenbürgen-CD – unsere Textsicherheit wankte etwas – sangen wir Lieder aus der alten Heimat und fühlten uns dabei ein bisschen in die Jugend versetzt.

Besonders dankbar sind wir, dass viele unserer Kinder, die mittlerweile zu Jugendlichen herangewachsen sind, gerne bei diesem Treffen dabei sind! Unser Wunsch ist, ihnen den Wert unseres Zusammenhaltes zu vermitteln, um als Reichesdorfer Gemeinschaft eine Zukunft zu haben!

Am Sonntag, nach einer kurzen, aber intensiv genutzten gemeinsamen Zeit, mussten wir wieder Abschied nehmen voneinander, in der Hoffnung auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr!

Allen, die an der Planung und Durchführung des Skiwochenendes beteiligt waren, sei hiermit herzlich gedankt!

Susi 


l

Geschichtliches

Meine Lieben alle daheim!
Konstantinofka, den 24.02.1946

Es heißt da, es sollten wieder Kranke nach Hause fahren. Nun hoffen wir, dass mal auch Reichesdorfer mitfahren. So nutze ich die Gelegenheit, euch zu schreiben, wie es uns noch geht.

Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, denn was mag sich in dieser langen Zeit alles verändert haben. Es sind nun schon mehr als dreizehn Monate, seit wir von euch weg sind, und in dieser Zeit haben wir von euch Liebsten noch gar keine Lebenszeichen erhalten. Ob ihr was erfahren habt weiß ich nicht. Wir haben mit den Kranken Schreiben mitgeschickt. Hoffentlich habt ihr etwas bekommen.

Wir sind Gott sei Dank gesund und arbeiten noch immer in der Zinkfabrik. Nin war wieder ein Monat auf dem Bahnhof Getreide verladen und hat von dort Weizen und Roggen mitgebracht, so dass wir uns neben dem, was wir in der Küche bekommen, manches kochen können. Ich war im Januar immer draußen Erde schaufeln für eine neue Bahnlinie. Nun haben wir mal Glück gehabt und sind beide in eine Schlosserwerkstatt gekommen, wo wir den ganzen Tag nichts anderes machen als Draht gerade klopfen. Es ist warm in der Werkstatt und die Arbeit ist auch leicht. So vergeht der Tag sehr schnell.

Dann freuen wir uns auf unser Zimmer. In unserem Zimmer hausen wir ihrer dreizehn: Stolz Hanni, Fernengel Anna, Schneider Anna, Untch Kathi, Alzner Kathi (Tschaki), Stolz Grete, Nemenz Regina, Schaas Regina, Löw Kathi, Frieda, Nin und ich. Wir sind sehr gedrängt, aber trotzdem möchte niemand in ein anderes Zimmer. In unserem Zimmer ist es immer am besten. Wir teilen es uns immer so ein, dass eine immer zu Hause bleibt. Entweder ist sie krank oder sie hat keine Schuhe oder es ist etwas anderes los. Die kocht bis abends für jeden irgendetwas: Bohnensuppe mit Kartoffeln drin ist die Nationalspeise. Ist am billigsten und schmeckt auch am besten. Nun, was stellt ihr euch bei solch einer Bohnensuppe vor: ein paar Bohnen, zwei bis vier Kartoffeln, Wasser und Salz. Das ist alles. Über so ein Essen freuen wir uns riesig. Also da könnt ihr euch vorstellen, was für eine Kost wir da bekommen. Am Morgen Krautsuppe: Wasser, Sauerkraut und Rüben; am Mittag wieder Krautsuppe und zwei Löffel Gersten- oder Hirsebrei; abends Rohkost: Sauerkraut, Gurken, grüne Tomaten und Rüben. Dies ist täglich unser Speisezettel, doch wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir haben von den Kleidern verkauft und kaufen uns für die Rubel Esswaren. Dann haben wir von dieser Bevölkerung manches, gelernt – und zwar das Stehlen (besser gesagt fissern), ohne das hier kein Mensch leben kann. Wir arbeiteten eine Zeit im Keller. Da brachten wir uns immer so viele Kartoffeln, Zwiebel und Möhren, wie wir brauchten.

Also ihr seht, wie wir uns zu helfen wissen, nur um gesund zu bleiben und noch einmal nach Hause zu kommen. Wir sehen im Durchschnitt ziemlich gut aus. Die Frauen viel besser als die Männer. Frieda hatte vor ungefähr einer Woche die Grippe; doch ist sie schon vorbei. Ich hätte nie gedacht, wir sollten diese Zeit so durchhalten. Jeden Tag 8 Stunden in der Arbeit und wenn es wie kalt wäre. Danach wird nicht gefragt. Doch scheint der liebe Gott es gut mit uns zu meinen, denn es war in diesem Winter lange nicht so kalt wie im vorigen.

Es wird heut hier ein Theater vorgeführt. Hans Mergler (Morgondeu) und andere haben so kleine Stückchen geschrieben und zusammengestellt, und die werden nun heute vorgeführt. Frieda spielt auch mit.

Heute, Mittwoch den 27, schreibe ich weiter. Also am Sonntag war Theater. Es war sehr gut. Wir haben noch einmal gut gelacht. Sie hatten sich alle Mühe gegeben, das Volk aufzuheitern und auf andere Gedanken zu bringen. Es ist ihnen auch gelungen, wenn auch nur für kurze Zeit. Es wurden zwei Theaterstückchen gespielt, eine Gruppe tanzte Volkstänze und sang verschiedene Lieder. Frieda sang allein ein paar Lieder, und damit war der Abend gut ausgefüllt. Ich schreibe euch hier ein Gedicht, das Hans Mergler über unser Leben da geschrieben hat. Es heißt:

Nur Lachen

Mensch sein heißt bei allen Sachen,
hier die schönste Miene machen.
Wenn die Arbeit dich auch drückt,
auf der Pritsche stets nur gebückt,
wenn der Karzer und Sibirien droht.
Und du zaghaft wirst in deiner Herzens Not,
so musst du doch schön weiter machen
und durch die Zähne lachen.
Früh wirst du geweckt von deinem Lager
und verspeist ‚ne Suppe mager,
mag der Magen richtig knurren,
und dein Schädel richtig surren.
Plagt dich Ischias, Rheuma oder Gicht
und du bekommst den Zettel nicht,
so musst du doch schön weiter machen
und durch die Zähne lachen.
Siehst du vertraute liebend schöne Szenen
oder alt geworden Männertränen,
verschwindet dir ein liebes Stück von deinem,
und du siehst Seife nur noch in den Träumen
wenn deine Sachen Form und Farb‘ verloren,
und dir die Glieder fast erfroren,
so musst du doch schön weiter machen
und durch die Zähne lachen.
Kommt dann der Tag, an dem du heimwärts ziehst,
man dir die Freude aus den Augen liest.
Wenn wieder Heimaterde unter deinen Füßen ist,
und du bei deinen Lieben bist,
wenn dich die Freude fast erdrückt,
die dieses Daseins Liebe dich beglückt,
dann sollst du richtig weiter machen
und recht tief von Herzen lachen.

Ihr, meine Liebsten, wenn ihr dieses Gedicht lest, so denkt über jede Zeile nach, denn in jeder Zeile ist eine Wahrheit und ein Stück unseres Lebens damit beschrieben. Nur alles ins Lächerliche gezogen.
Ja, ich hätte selbst nicht gedacht, dass man so leben könnte – einfach ein Loch in die Welt. Man gewöhnt sich an alles: Schmutz und Elend, Hunger und Not. Ich glaub, liebe Eltern, wenn wir da Glück haben, noch einmal nach Hause zu kommen, so war dies eine Schule für uns. Ich denk, nie würde ich unzufrieden mehr sein. Nur zu Hause bei Kind, Mann, Eltern und Geschwister. Doch grade dies ist es, was uns immer durch den Kopf geht – sollten wir die auch wieder finden. Ich denke so oft an meinen lieben Mann. Wenn nur der liebe Gott ihn gesund erhalten hätte. Dann mein kleines liebes Gretelein; das weiß ich bei euch, ihr lieben Eltern. Ich kann mir meinen Liebling gar nicht mehr vorstellen. Wie wird sie gewachsen sein. Und sprechen kann sie bestimmt schon gut.
Gestern hat Kloos Grete einen Brief von zu Hause von ihrem Schwiegervater bekommen. Der erste Brief aus Reichesdorf. Von anderen Dörfern war schon Post gekommen. Nur von Reichesdorf war noch nichts. Aus diesem Brief haben wir erfahren, dass Kloos Pitz und Hügel Johann in Italien seien. Ist mein Mann nicht auch dort? Der war ja mit Kloos Pitz fast zusammen. Weiter erfuhren wir erst von dort, dass Draser Fritz auch nach Hause gekommen wäre. Ob die alle oder nur Draser Fritz mit den Kranken nach Hause ist, wissen wir nicht.
Die größte Freude für mich wäre, wenn ich in den nächsten Tagen auch einen Brief erhielte. Fernengel Anna, Kloos Kathi, Alzner Anna (112) und Pinnes Anna haben jede ein Telegramm von zu Hause erhalten. Also hoffentlich bekommen auch wir bald etwas. Eben haben wir erfahren, dass auch in das andere Lager Briefe gekommen seien. Herbert Adolf und Untch Kathi sollen Briefe bekommen haben. Doch was drinnen steht, wissen wir noch nicht. Sind sehr neugierig darauf.
Es heißt, Untch Kathi, Waffenschmied Anna und Hügel Anna sollen mit diesem Krankentransport mitfahren. Es wäre gut, denn Untch Kathi ist die ganze Zeit, seit wir in Russland sind, immer nur krank. Jetzt ist es ihr besser und auch transportfähig soll sie sein. Also vielleicht hat sie Glück und langt nach Hause. Dann wird Waffenschmied Anna ist auch krank. Sie ist sehr schwach.
Nun es ist wieder Sonntag, der dritte März, und die Kranken sind noch immer hier. So will ich euch nun weiter schreiben. Wir arbeiten noch immer in der Werkstatt.
Ich habe nun gelernt, die Lösung zu machen, und streiche die sechzig Zentimeter langen Drähte an. So ähnlich wie Wunderkerzen. Mit denen wird Eisen zusammengeschweißt oder zerschnitten. Es ist eine leichte Arbeit. Nur dass man grade etwas tut und die Stunden vergehen. Wir haben in dieser langen Zeit bei verschiedenen Stellen gearbeitet. Die längste Zeit in der Zinkfabrik.
Wie wir hergekommen waren – wohin man sah war Schutt und altes Eisen und Gerümpel. Das haben wir alles verschafft. Nun hat man sehr viele Maschinen gebracht. Die sollen nun wieder aufgebaut werden. Dann waren wir zwei Monate auf dem Kolchos. Dort haben wir bei der Ernte geholfen. Dies kann ich euch nur mündlich sagen wie da alles gemacht wird, denn ihr müsst euch vorstellen, hier kümmert man sich um nichts. Jeder arbeitet grade was er muss und wie lange er muss. Dann ob Regen oder was auch immer für ein Wetter ist. Das interessiert niemanden. Zum Beispiel eine Arbeit, die gar nicht vorher bedacht war. Also auf dem Kolchos machten wir Nachtschichte. Den 21. November in der Nacht trugen wir Weizen von kleinen Häufchen, wie es die Mähmaschine gelassen hatte, auf große Schieber. Es war kalt, alles gefroren und dunkel, sodass man kaum von einem Schieber zum anderen sehen konnte. Also könnt ihr euch so eine Arbeit vorstellen? Nein, so etwas kann sich nur der vorstellen, der es auch mitgemacht hat.
Also wenn wir heimkommen, so werden wir euch viel zu erzählen haben. Weihnachten waren wir alle im Lager. Wir hatten aber gar keinen Tag frei. Wir arbeiteten so wie alle anderen Tage und wussten kaum, dass Weihnachten war. Ich schreibe euch ein Gedicht welches hier von Mädeln gedichtet wurde:

Mutter, wenn im Schein der Kerzen unser Auge sinnend ruht,
sehen wir tief in unserem Herzen,
Mutter, dich so lieb und gut.
Mutter, heute fühlst du wieder, wie dein Kind sich nach dir sehnt,
hörst du leise unsere Lieder, wie es durch die weiterzieht.
Mutter, sei nicht traurig heute, da wir lieb an dich gedacht.
Morgen schon zieht eitel Freude durch die kalte Winternacht.

Ich schließe nun. Vielleicht schreibe ich bald wieder. Viele Grüße an alle meine Lieben,

Gret
Aus dem Nachlass von Margarethe Reichesdorfer geb. Mantsch, gest. am 10.01.2014 


m

800 Jahre zu Gast gewesen?
Ausgabe Nr. vom 20. September 2013

Film über den Freikauf der Rumäniendeutschen im Spiegelsaal gezeigt

„Für mich liegt das ganze Geheimnis in dem Wort ‚Hospites‘. Ihr seid nicht Eigentümer dieses Landes, sondern ihr seid Gäste. Und ein Gast bleibt zwei Stunden oder drei oder er bleibt ein Jahr oder er bleibt wie wir 800 Jahre. Und dann geht er. Und so sind unsere Leute und wir auch in dem Bewusstsein gegangen, wir waren hier Gäste, wir haben da viel geleistet. Es ist unübersehbar, was wir da geleistet haben in 800 Jahren, aber jetzt gehen wir wieder nach Hause.“Diese Aussage von Pfarrer Horst Radler, der seit 1980 Siebenbürgen verlassen hat und nun mit seiner Familie in Schwanenstadt in Österreich lebt, hat die meisten Gäste der „Hermannstädter Gespräche“ am Dienstagabend schockiert. Er und seine Frau wurden für den Film Teurer Freikauf – Das Geschäft mit den Rumäniendeutschen von Susanne Glass interviewt, der am Dienstag im Spiegelsaal des Forums vorgestellt wurde.


liks: Szenenfoto mit auf Koffern sitzenden Aussiedlern.

Der Dokumentarfilm zeigt Archivaufnahmen aus dem Rumänien der 1980-er Jahre, die die Lage der Siebenbürger Sachsen und der Banater Schwaben verbildlichen sollten, sowie Interviews mit Angehörigen der deutschen Minderheit, denen die Übersiedlung nach Deutschland gelungen war.

Hauptthematik des Filmes war allerdings der Freikauf der Rumäniendeutschen und die Verhandlungen, die zwischen dem Rechtsanwalt und CDU-Politiker Dr. Heinz-Günther Hüsch, der von 1968 bis 1989 der Verhandlungsführer der deutschen Seite war, und dem ehemaligen Offizier des Außennachrichtendienstes Stelian Octavian Andronic, dem Verhandlungsführer der rumänischen Seite, stattgefunden haben.

Das Interview mit Dr. Hüsch, sowie die Gespräche mit Prof. Dr. Paul Philippi, Ernst Meinhardt, Dr. Anton Sterbling und Hans Klein wurden im April des Jahres in Hermannstadt während der Tagung zum spannenden und jahrelang umstrittenen Thema der Familienzusammenführung versus Freikauf der Deutschen aus Rumänien in der Zeit des Kommunismus, die von der Journalistin und Historikerin Hannelore Baier (Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien) und dem deutschen Journalisten Ernst Meinhardt (Deutsche Welle) organisiert worden war, aufgenommen.

Zu der Tagung war auch der Verhandlungsführer von der rumänischen Seite Stelian Andronic eingeladen, er sagte allerdings in letzter Minute ab. Für den Film schaffte es Susanne Glass auch letzteren zu interviewen, der aber nicht bereit war, über die Schmiergelder zu reden, die die Deutschen in Rumänien zahlten, um aussiedeln zu können. Auch über die Sonderwünsche, die außer den Geldbeträgen von rumänischer Seite geäußert wurden, sprach man in dem Interview. Was Dr. Hüsch als „Forderungen“ bezeichnete, nannte Andronic „Geschenke“. Laut Andronic hätten sich die deutschen Verhandlungspartner erkundigt, womit sie Nicolae Ceau?escu eine Freude machen könnten. So hätte man ihm zum Geburtstag ein Jagdgewehr geschenkt. Als Dr. Hüsch darüber ausgefragt wurde, gab dieser bekannt, dass Andronic die Bitte nach dem Jagdgewehr vorgetragen haben soll und dass er keine Kenntnis vom Geburtstag Ceau?escus gehabt habe.

Über das Schicksal der Hiergebliebenen und über die Aussiedlung seiner Nachbarn berichtete Johann Schaas aus Reichesdorf. Alte Aufnahmen von der Ankunft Herta Müllers zusammen mit ihrer Mutter und ihrem damaligen Ehemann Richard Wagner im Jahr 1987 auf dem Berliner Westbahnhof wurden ebenfalls in den Film eingebaut. „Zwei Tage, bevor wir gekommen sind, wurde in unsere Wohnung eingebrochen. Ich glaube, man hat nichts gesucht, man wollte uns nur zeigen, dass es einen langen Arm gibt und dass es den wahrscheinlich auch hier geben wird“, sagt die spätere Nobelpreisträgerin, als sie von einem Kamerateam am Bahnhof begrüßt wird.

Der Filmvorführung folgten Gespräche. Viele Gäste meldeten sich zu Wort, die schon lange ausgewandert sind und teilten ihre Erinnerungen von der Ausreise mit den anderen. Zum Thema Freikauf sagte Prof. Dr. Paul Philippi, Dr. Hüsch habe, ohne es zu wissen, Strukturen zerstört und einen Sogeffekt entstehen lassen. Wenn A und B gegangen sind, war die Ausreise von C und D nur noch eine Frage der Zeit.

Der Dokumentarfilm Teurer Freikauf – Das Geschäft mit den Rumäniendeutschen von Susanne Glass kann auch frei im Internet auf www.youtube.com gesehen werden.

Cynthia Pinter

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Gesellschaft von Hermannstaedter Zeitung. Permanenter Link des Eintrags.


n

Reichesdorf in der rumänien-deutschen Presse

Schwärmen von Siebenbürgen
Ausgabe Nr. vom 20. September 2013

Ein Tag beim ersten Transylvanian Book Festival

„Und die Engländer! Sie waren voller Liebe für ihr Land und fuhren doch gern so weit wie möglich davon weg", sinniert der Polarforscher John Franklin, die Hauptfigur in Sten Nadolnys Roman Die Entdeckung der Langsamkeit.

Wer beim ersten Transylvanian Book Festival am ersten Wochenende im September in Reichesdorf /Richis dabei war, konnte z. B. am ersten Tag, dem 6. September, einige britische Autoren beiderlei Geschlechts erleben, die regelrecht um die Wette schwärmten von Rumänien im Allgemeinen und von Siebenbürgen im Besonderen.
Banffy Enkelin Elisabeth Salnikoff mit Lucy Abel Smith

Nachdem die Wahl-Reichesdorferin Lucy Abel-Smith die rund 80 Anwesenden in dem renovierten Gemeindesaal begrüßt hatte, kam Michael Douglas zu Wort, der zu Beginn der 1980er Jahre auf den Spuren der Malschule von Nagybánya/Baia Mare unterwegs war und auch rein zufällig bei der Kundgebung in Hermannstadt dabei war, als der Diktator für den Frieden plädierte.

Im Anschluss sprach die Gründerin und Präsidentin des Mihai Eminescu Trust, Jessica Douglas-Home, von der vor 1990 drohenden Zerstörung der siebenbürgischen Dörfer, die auch im Mittelpunkt ihres Buches Once Upon Another Time (Es war einmal in einer anderen Zeit) steht.

Seine unveröffentlichte Geschichte über eine Reise durch Osteuropa vor Weihnachten 1989 las Tony Richards vor, und Nick Hunt schilderte anschaulich seine Wanderung auf den Spuren von Patrick Leigh Fermor, der 1934 zu Fuß durch Rumänien unterwegs war und darüber das Buch Between the Woods and the Water (Zwischen Wäldern und Wasser) geschrieben hatte.

Zum Programm gehörten auch Führungen durch die Umgebung sowie Konzerte. Am schönsten fanden alle Teilnehmenden die Begegnung mit Kurator Johann Schaas und die ausgezeichneten Gastgeber in Reichesdorf, allen voran das niederländische Ehepaar Timmerman.

rechts:Tony Richards auf dem Podium im frisch renovierten Gemeindesaal.

Beatrice UNGAR

Nick Hunt zeigte auf der Landkarte Rumäniens, wo er auf den Spuren von Patrick Leigh Fermor zu Fuß unterwegs war.
Fotos: die Verfasserin und aus dem Internet

Blogs zum Thema:
Das erste Siebenbürger Buch Festival

Das Festival war ein großer Erfolg, ein Erfolg mit dem Ziel, die Geschichte und die Schönheit Siebenbürgens einem neuen Publikum, zwecks Medium der Literatur näherzubringen.

Ein Besucher sagte: „Das Siebenbürger Buch-Festival war nicht wie andere Festivals, es versuchte die Spannung der Besucher auf die lokale Kultur zu lenken, um einen Eindruck zu erhalten vom Weg des siebenbürgischen Lebens, ordentlich verpackt in Veranstaltungen, die eine Zeit beleuchten, die der Rest der Welt nicht kennt.“

Das Siebenbürger Buch-Festival war eines der aufregendsten und angenehmsten Literatur-Veranstaltungen, die ich je besucht habe.

Vielen Dank für das schöne, faszinierende, informative und bewegende Festival. Wir verlassen es mit einem Gefühl von Respekt und Bewunderung für das Land, für die, die in Rumänien leben und gelebt haben. Wie sie gelitten haben und ich fürchte noch weiter leiden werden, wie sie für die nahe Zukunft kämpfen werden.

„Ich wollte nur sagen, was für ein wunderbares, magisches und sehr besonderes Erlebnis es war.“

„Das Festival selbst war sehr bewegend, es gab viele Geschichten, die mich zum Weinen gebracht haben, andere zum Lachen.“

Ein großer Triumph war es, privilegiert zu sein, ein Teil dieses Festivals gewesen zu sein, ich habe jede Minute genossen und dabei viel gelernt.

Rückblickend waren diese vier Tage wie ein Traum. Wir haben viel gelernt, nicht nur über Siebenbürgen, sondern auch über die vielen Freunde, die wir da kennengelernt haben, sowie die herrlich schöne Zeit.

Niemand wird dieses Buch-Festival je vergessen, und ich schätze mich glücklich, dabei gewesen zu sein.

Ich bin noch immer dabei, meine Gedanken zu sammeln, zu Verarbeiten, was auf dem Festival geschah. Ich habe noch nichts Vergleichbares erlebt. Die vielen Gäste, die Nähe zwischen Referent und Publikum, die bewegenden Erzählungen der sächsischen Überlebenden, der Zeugen und Opfern des Kommunismus, die gute Musik und das Picknick, die neuen Freundschaften, die Gespräche und all die Dinge, die ich kennengelernt habe. Die langen Nächte in der Gypsy-Bar werden in meiner Erinnerung bleiben.

Ich denke, dass dieses Ereignis in Erinnerung bleiben und seinen Platz in der Geschichte haben wird.

War es Wirklichkeit oder Phantasie. Zurück zu Hause, die fünf Tage waren wie ein goldener Traum, jeder Moment strahlt und schimmert die letzten Tage des Sommers wider. Eine erlesene Gruppe von Menschen jeder Art, Freunde, die glücklich sind, fasziniert nicht nur von Reichesdorf / Richis, sondern auch von dem emotionalen und intellektuellen Inhalt der Gespräche.

Wir haben es geliebt. Es war eine Lehre in Literatur, Geschichte und Kultur, ein Augenöffner, eine Provozierung der Gedanken und ein großes gesellschaftliches Ereignis.

Es war ganz einfach das beste und inspirierendste Literaturfestival, das ich je besucht habe. Aber mehr noch als die Lesungen gaben einem die besondere Schönheit der Landschaft, die Herzlichkeit der Einheimischen.

Und der unglaubliche niedrige Preis der rumänischen Biere.

Die Sonne scheint auf dem Festival

Die Bloggs (Kommentare) sind in englisch. Die Google-Übersetzung war so katastrophal, dass ich versucht habe, sie einigermaßen verständlich zu gestalten.

Heinich Maiterth.


o

Licht ins Dunkel gebracht
Ausgabe vom 26. April 2013

Aufschlussreiche Tagung zum Freikauf der Deutschen in Rumänien

Erstmalig wurde in Hermannstadt eine Tagung zum spannenden und jahrelang umstrittenen Thema der Familienzusammenführung versus Freikauf der Deutschen aus Rumänien in der Zeit des Kommunismus am Wochenende (19. und 20. April), im Spiegelsaal des Deutschen Forums, organisiert. Veranstalter der Tagung waren die Journalistin und Historikerin Hannelore Baier und der DW-Journalist Ernst Meinhardt. Finanziell unterstützt wurde die Konferenz von der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Eröffnet wurde die Tagung durch den Vortrag von Dr. Liviu ?aranu, der den Titel trug Die politische und wirtschaftliche Lage im Rumänien Ceau?escus. Die Missachtung der Menschenrechte. Über den Beginn des Freikaufs der Rumäniendeutschen referierte Ernst Meinhardt. Dazu kam ein Vortrag zum „Verkauf“ von Angehörigen der jüdischen Gemeinschaften aus Rumänien nach Israel von Dr. Andrei Muraru. Die ersten beiden Vorträge sollten einen Rückblick auf die politische und wirtschaftliche Situation Rumäniens zur Zeit des Freikaufs der Deutschen bieten.


Der Höhepunkt der Tagung sollte ein Dialog zwischen und mit zwei ehemaligen Verhandlungsführern von rumänischer und deutscher Seite sein: Stelian Octavian Andronic, in den 1980er Jahren der Leiter der Spezialabteilung Devisen, und Dr. Heinz-Günther Hüsch. Der deutsche Rechtsanwalt und CDU-Politiker Dr. Hüsch war von 1968 bis 1989 der Verhandlungsführer der deutschen Seite, der ehemalige Offizier des Außennachrichtendienstes, Stelian Andronic, war der Verhandlungspartner von rumänischer Seite. Andronic hatte ursprünglich zugesagt, sich dann aber in letzter Sekunde entschieden nicht dabei zu sein, so dass ein Gespräch nur mit Dr. Hüsch stattfinden konnte.

Im Folgenden einige hochinteressante Details, die während des Gesprächs mit Dr. Hüsch ans Tageslicht gelangten.

In der Zeit zwischen 1968 und 1989 führte Dr. Hüsch mit der rumänischen Seite 313 offizielle Verhandlungen über die Ausreise der Rumäniendeutschen. In den Verhandlungen ging es laut Hüsch um zwei Dinge: Erstens sollte sich die rumänische Seite verpflichten, dass sie in einem bestimmten Zeitraum eine bestimmte Anzahl von Deutschen in die Bundesrepublik ausreisen lässt. Zweitens sollte sich die deutsche Seite verpflichten, dass sie für jeden ausgereisten Deutschen einen bestimmten Betrag an Rumänien zahlt.

Ergebnis seiner mehr als zwanzigjährigen Tätigkeit als deutscher Verhandlungsführer waren sechs Vereinbarungen, in deren Folge 210.000 Rumäniendeutsche – nach anderen Quellen 236.000 – die Ausreisegenehmigung in die BRD erhielten. Während des Gesprächs mit Dr. Heinz-Günther Hüsch im Spiegelsaal des Forums konnten die Anwesenden die vereinbarten Ablösebeträge, die der ersten schriftlichen Vereinbarung aus dem Jahr 1969 entstammen, bestaunen: Kategorie A: 1.700 DM (alle, die nicht unter die nächsten Kategorien fielen); Kategorie B: 5.000 DM (Studierende, die eine für die Mindeststudienzeit hinausgehende schulische Ausbildung hatten); Kategorie C: 10.000 DM (abgeschlossenes Studium oder eine dem Studium gleichgestellte abgeschlossene Ausbildung). Vereinbart wurden die Ausreisen von 3.000 Personen zwischen dem 15. März 1969 bis 14. März 1970. In den nächsten Jahren stiegen die Ablösebeträge, aber auch die Zahl der Ausreisenden.

Außer Geldbeträgen gab es von rumänischer Seite manchmal skurrile Sonderwünsche. Neben PKWs, Jagdgewehren, Ferngläser und Atlantikfischen wurde von rumänischer Seite nach dem Erdbeben 1977 ein besonderer Feuerwehrwagen gewünscht. In Rumänien gab es laut Hüsch zu der Zeit keinen Feuerwehrwagen, dessen Leiter höher als acht Etagen reichte, also brachte man ein Auto, das damals 700.000 DM kostete.

Lustige Anekdoten diesbezüglich hätte Hüsch mehrere zu erzählen, doch nur eine teilte er mit dem Hermannstädter Publikum: Bei einem Fußballspiel zwischen einer nordeuropäischen Mannschaft und Dinamo Bukarest mit deutschem Schiedsrichter, habe einer der Verhandlungsführer der rumänischen Seite von Dr. Hüsch verlangt, den Ausgang des Spieles zu beeinflussen, indem er mit dem Schiedsrichter spricht. Natürlich habe Hüsch nicht mit dem Schiedsrichter gesprochen.

Einen Monat später meldete sich der Verhandlungsführer bei Hüsch und sagte, der Schiedsrichter hätte hervorragend gepfiffen, er sei sehr zufrieden, die rumänische Mannschaft hätte allerdings verloren.

Es gab viele Kommentare und Fragen aus dem Publikum, u.a., ob sich die Bundesrepublik Deutschland bewusst war, welchen Kollateralschaden sie in der Gemeinschaft der Deutschen in Rumänien anrichte.
Gemeint war, dass immer mehr auswanderten, dadurch die Stabilität zerbrach und die Lebensqualität, die sowieso schlecht war, sich noch mehr verschlimmerte. Darauf antwortete Dr. Hüsch, dass die Würde des Menschen unantastbar sei, und die Entscheidung auszuwandern jedem frei gestanden habe.

Auf die spannendste Frage, wie viel Geld insgesamt infolge der Verhandlungen geflossen sei, konnte Hüsch keine präzise Antwort geben. Und auch wenn er sie kannte, werde er sie nicht preisgeben.

Dr. Hüsch gewährte die ersten Interviews zum Thema Ernst Meinhardt und Hannelore Baier. Beide Gespräche und weitere Informationen sind in dem Buch Kauf von Freiheit im Honterus Verlag Hermannstadt erschienen. Das Buch wurde im Rahmen der Tagung ebenfalls vorgestellt.

Nach dem spannenden und lehrreichen Gespräch mit Dr. Heinz-Günther Hüsch, das Licht ins Dunkel brachte, folgte eine Power Point Präsentation des Bukarester Historikers Dr. Florian Banu zum Thema „ie Ausreise der Rumäniendeutschen aus Sicht der Dokumente im Archiv des CNSAS. Mehrere Interviews in den Dörfern der Kreise Hermannstadt, Karlsburg und Hunedoara führte Dr. Cosmin Budeanca über den Freikauf aus der Sicht der rumänischen Bevölkerung.

Aus der Sicht der schwäbischen Gemeinschaft gab es tiefe Einblicke über die Auswirkung des Freikaufs von Dr. Anton Sterbling, ehem. Mitglied der Aktionsgruppe Banat. Dr. Sterbling sprach auch das Thema des Schmiergeldes an, das von den Schwaben an Mittelsmänner gezahlt wurde, um die Abwicklung der Ausreise aus Rumänien zu beschleunigen.

Die Tagung endete mit einem Referat von Altbischof Wolfgang Rehner über Die evangelische Kirche in Rumänien und die Ausreise der Siebenbürger Sachsen und der anschließenden Buchpräsentation.

Ein Lob gebührt den beiden Organisatoren für die spannende und aufschlussreiche Tagung, die mit lehrreichen und intensiven Gesprächen zu einem immer noch heiklen Thema beitrug.

Cynthia Pinter 

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Kultur, Politik von Hermannstaedter Zeitung. Permanenter Link des Eintrags.

:


p

Anzeigen

:


q

Unsere Jubilare

Bei uns im Schwobeländle isch’s schee!

Im Westerwald aber auch! Es muss also noch andere Gründe geben, dass Hansi Greger und seine Frau Karin beschlossen, Hansis 50. Geburtstag in Nordheim im Naturfreundehaus zu feiern.

Man kann schon sagen, dass unsere Verwandtschaft und besagtes Haus eine bewegte gemeinsame Vergangenheit haben. Schon oft luden wir hierher ein, bietet das Naturfreundehaus gerade unserer im ganzen Land verstreuten Verwandtschaft eine optimale Herberge. Neben einer gut ausgestatteten Küche, in der wir uns kulinarisch austoben können, und einem gemütlichen Raum, der zum Verweilen einlädt, verfügt es über einige praktisch eingerichtete Zimmer zum Übernachten. Hansi war auch oft Gast, vermutlich fühlt er sich hier schon etwas heimisch. Ein weiterer Grund, hierher einzuladen, könnte sein, den meisten, die die Ehre hatten, diesem wichtigen Tag in Hansis Leben beizuwohnen, lange Autofahrten zu ersparen. Doch auch aus entfernteren Gefilden machten sich einige auf den Weg, um dieses Ereignis nicht zu verpassen.

Die Geburtstagsfeier ging eigentlich schon am Freitag los. Erst kauften Hansi und Karin die Nordheimer Läden leer, schließlich sollten bei den Gästen keine Wünsche offen bleiben! Emsige Hände zauberten leckere Speisen, die Tische wurden liebevoll eingedeckt und in den Zimmern wurde noch mal nach dem Rechten geschaut. Es ist für uns alle immer wieder ein schönes Gefühl, etwas miteinander und füreinander zu schaffen!

Am Samstag wurde das Haus dann richtig voll! Bei Kaffee und Kuchen ging die Schlemmerei los, die sich beim Abendessen fortsetzte und schließlich in einem Nachtmahl gipfelte!

Natürlich wurde auch das Tanzbein geschwungen! Hans Roth, ein Freund aus Hansis Jugend, wurde als musikalische Überraschung engagiert und der heizte uns bis in die frühen Morgenstunden ordentlich ein!

Das Highlight des Festes boten uns Sabrina und Stefanie, Hansis und Karins Töchter. Mit einer Bilderreihe aus dem Leben des Besten Papas der Welt wurde Hansi ein Denkmal geschaffen, das Sabrina liebevoll mit Anekdoten und auch Nachdenklichem kommentierte. Es gab viel Applaus dafür und auch die ein oder andere Träne der Rührung!

Nach einer kurzen Nacht ging es im Naturfreundehaus weiter. Eigentlich war Aufräumen angesagt, doch auch das gestalteten wir erst mal feierlich! Das Resteessen wurde mit herrlich duftenden Eintöpfen geadelt: ciorba de burta und ciorba de perisoare. Auch die Kuchen schmeckten irgendwie noch besser, und die Jugend war schon wieder am Tanzen!

Letztendlich schafften wir es doch, wenn auch etwas wehmütig, Hansis Feier zum 50. ausklingen zu lassen und in den Alltag zurückzukehren.

Im Namen aller bedanke ich mich bei allen, die an Hansis großem Tag dabei waren!

Susi 

                  


r

Zum 70ten Geburtstag
Suasanna Schaas

Am 07.01.2014 wurde unsere Mutter und Oma Susi Schaas 70 Jahre alt. Der Geburtstag fiel auf einen Dienstag, und sie entschied, auch diesen Geburtstag ganz normal, wie immer, im Kreise der Familie zu feiern, da für eine größere Party der Platz fehlt.

Da ein 70er etwas Besonderes ist und auch gebührend gefeiert werden muss, entschieden wir, eine Überraschungsparty zu organisieren, die wir auf Samstag, den 11.01., festlegten. So gegen 12.30 Uhr wurde unsere Jubilarin dann unter dem Vorwand abgeholt, einen Mittagstisch in irgendeinem Lokal gebucht zu haben. Die Fahrt war jedoch sehr kurz und unsere Oma sehr überrascht, als es vor dem Gemeindehaus hieß: „Bitte aussteigen!“ Immer noch nichts ahnend trat sie zögernd ein, wo wir und ein Teil der Gäste, die schon vor Ort waren, sie mit einem Geburtstagsständchen empfingen. Oma war sprachlos und sichtlich überrascht, da sie mit so etwas nicht gerechnet hatte. Nach und nach trafen alle Gäste von nah und fern ein, und nachdem man sich ausgiebig begrüßt hatte, konnte die Feier losgehen! Die Gäste durften Platz nehmen und Steffen las ein Gedicht vor, das eigens für das Geburtstagskind geschrieben wurde:

Liebe Oma!

Am Dienstag hattest Du Geburtstag,
‘drum haben wir lang nachgedacht,
was sollen wir nur basteln, kaufen,
was Dir so richtig Freude macht.
Wir überlegten hin und her,
uns festzulegen fiel uns schwer.
Dann endlich, ja, das könnt es sein,
organisierten wir geheim
für Dich ein Überraschungsfest
und luden ein ganz viele Gäst‘.
Sei uns nicht bös‘, du sollt‘s genießen,
es gibt nur selten Tage wie diesen.
Ich möchte‘ Dich nicht zu lange plagen,
ich fass mich kurz und möchte‘ Dir sagen,
Du hattest Höhen und auch Tiefen,
warst immer da, wenn wir Dich riefen.
Sind wir mal wieder in der Ferne,
kümmerst Du Dich immer gerne,
ohne zu meckern, mit viel Geduld,
um uns‘re Hühner, Katzen, Hund.
Und eines solltest Du noch wissen:
Bleib uns recht treu,
sonst sind wir manchmal aufgeschmissen!
Wir sagen DANKE, bleib stets gesund,
zum Feiern gibt es einen Grund.
Geworden bist Du 70 Jahr‘,
‘drum sind die ganzen Gäste da.
Ich möchte Dir noch einmal sagen:
Brauchst Du Hilfe, hast Du Fragen,
kannst Du immer zu uns kommen,
von uns wirst Du gerne aufgenommen.
Du hast Geburtstag, keine Frage,
‘drum möcht‘ ich Dir letztendlich sagen:
Lass dich feiern und nimm‘s wie es ist,
Happy Birthday, liebe Oma, bleib‘ so, wie Du bist!

Nach einem reichlichen Mittagsessen und anschließendem Kaffee und Kuchen, durfte auch das Tanzbein geschwungen werden. So wurde bis spät in die Nacht erzählt, getanzt und gefeiert. Aber auch der schönste Tag geht mal zu Ende und so hieß es, sich zu verabschieden.

Es war ein schönes Fest und wir hoffen, dass unsere Mutter und Oma lange davon zehren und träumen kann!

Vielen Dank auch an alle Freunde und Bekannte, die uns unterstützt haben, diesen Tag so geheimnisvoll und so toll zu gestalten!



Ernst, Yazmin, Alexander und Anna Lena
Dietmar, Brigitte, Steffen und Sabine
Gustav und Lidia

                   


s

Liebe Gratulanten

Achtzig Jahre alt zu werden,
Wünschen viele sich auf Erden.
Ich hatte dieses Glück
Und blicke dankend heut zurück.

Ja, die 80 hab ich erreicht,
Es war zwahr nicht immer leicht.
Doch es hat in meinem Leben
sehr viel Schönes auch gegeben.

Drum bin ich froh und glücklich, weil
mir soviel Ehre wurde zuteil.
Ihr habt so zahlreich an mich gedacht
Und viel Freude mir gemacht.

Auch schriftlich haben viele gratuliert,
noch mehrere aber telefoniert.
Die schönsten Karten und Geschenke,
Ein neuer Fernseher – wenn ich bedenke.

Kinder und Enkelkinder,
Freunde haben an mich gedacht
Und mir diese Überraschung gemacht.

Drum:
Wenn man weiß und nie vergisst,
dass das Leben Liebe ist,
darf ich in des Glückes Schein
Euch allen heute dankbar sein.

Herzlichen Dank!
Mit lieben Grüßen Karl



Karl Drotleff, Nordheim (Reichesdorf / Mediasch) Unsere Kleinen mit Opa:
Mara (11), Karl (80), Hagen (3), Sören (14), Luca (13), Philipp (12), Felix (9).
Mara und Luca sind die Kinder von Heidemarie.

Die vier Jungen sind von Tochter Doris
(die zwei Töchter von Karl-Heinz sind verheiratet) 

                  


t

Zum 80-ten Geburtstag von Gustav Stolz

Lieber Papa

Wo soll ich mit dieser kleinen Geburtstagsrede anfangen?

Am Besten dort, wo alles begann, im kleinen Reichersdorf.?

Wenn man durch den Hof deiner Eltern, hinten durch das kleine Scheunentor, hinausging und dann den steilen Anstieg über den Garten und die Weinberge nahm, war man bald am Bergrücken, der das Dorf vom Schammertal trennte.

Wer den Blick von da oben kennt, weiß, dass es sich spätestens jetzt lohnt, innezuhalten und zurückzuschauen.

Hinter uns liegt das Dorf mit seinem markanten Kirchturm und der alten weißen Zisterzienserkirche. Am Berghang, hinter dem Dorf, unter den alten Kiefern mit ihren rotbraunen Stämmen und dunklen Kronen, der Friedhof. Dahinter weites Land, hügelig, bewaldet und mit Weideland durchsetzt.

Durchschnaufen, einatmen, den Rückblick noch einmal genießen, dann wenden sich die Augen zu der anderen Seite, und durch ein paar Hecken wird der riesige Kessel des Schammertals sichtbar. Karges Weideland, durchzogen von schmalen Trampelpfaden, die Kühe und Schafe hier im Lauf der Zeiten angelegt haben.

Der Blick geht weit und verliert sich, wie auf den Landschaftsbildern der alten Meister, in einem schimmerigen Blau am Horizont.

Nach einer Weile fängt mein Blick hier immer an, „deinen“ Birnbaum zu suchen. Es dauert, bis man ihn zwischen dem anderen Bewuchs ausmacht, aber er ist ja nicht zu übersehen, steht da, alleine und für sich, schon seit deiner Kindheit. Der Birnbaum, den mal ein italienischer Arbeiter für dich dort gepflanzt hat.

Zuletzt habe ich ihn mit Christopher gesucht und besucht. Es war früher Sommer, der Baum hing voller Früchte, grün und hart. Die Sonne schimmerte durch das frische Grün der ledrigen Blätter.

Ja, es ist so, dass deine Geschichte für mich immer wieder mit diesem Baum verbunden ist, und ich bin dankbar und glücklich, dass ihr beide, der Birnbaum und du, auch nach achtzig Jahren da seid, dass es euch gibt, dass man euch suchen, aufsuchen kann und findet.

So viel hat sich ja verändert, seit der Zeit als Du zur Welt kamst und der Baum gepflanzt wurde, aber ihr beide seid beständig und gut verwurzelt im Leben.

Ich bin mir sicher, dass wir in einigen Wochen, wenn wir zu zweit wieder nach Reichesdorf zurückkehren, auch zum Birnbaum gehen werden. Du wirst vielleicht, dort angekommen, außer Puste sein, dich fragen, warum du dir diesen Weg noch einmal antun musstest, vielleicht auch einen Grund zum Klagen haben, weil dir dies oder jenes weh tun wird, aber es wird gut sein, dass wir da oben stehen und in diese belebte Stille lauschen, in der man die Insekten summen hört und die nur ab und zu durch den Ruf eines fernen Hirten oder den Schrei eines Falken durchbrochen wird.

Du wirst, nicht wie ich, die Stille durch langes und geduldiges Betrachten würdigen wollen, sondern wieder bald zum Aufbruch drängen („Hai de, wir wollen ja noch …!“), aber es wird gut sein, dass wir da oben stehen und uns eine Weile dieser Weite aussetzen und unseren Wurzeln nachspüren, von denen wir immer noch nicht wissen, ob sie sich denn von dort gelöst haben - oder ob sie immer noch ganz kräftig dort oben verwachsen sind.

Vielleicht werden wir ja noch ein wenig weiterwandern. Den Gipfel des Schairbrich werden wir wohl nicht mehr erklimmen, eher werden wir den Weg zum Berggrat zurücknehmen und dort noch ein wenig nach dem Dorf Ausschau halten, und du wirst mir vielleicht noch etwas von deinen Erinnerungen an das eine oder andere Haus, an die Menschen, die da gelebt haben, an die eine oder andere Begebenheit erzählen.

So weit diese Vorwegnahme der Ereignisse, auf die ich mich Anfang Mai dieses Jahres schon sehr freue.

Jetzt will ich dir noch ein wenig von den Erinnerungen aus meinem Leben an dich erzählen und dir dafür Danke sagen.

Die Voraussetzungen waren ja denkbar schlecht, als Du mit Mama in diesem winzigen Zimmer in der Schässburger Burg eine Familie gegründet hast. Und doch, du hast da ein Stück Lebensqualität geschaffen. Eine ordentliche Wohnung war nicht zu bekommen, aber wir konnten die Freiheit mobil genießen. Ich erinnere mich, wie mir der Wind um die Ohren flog, als ich die Welt durch die zugige Kabine eines Beiwagens an mir vorbeisausen sah. Geschwindigkeitsrausch in den frühesten Kindheitserinnerungen. Du hast später immer nur davon erzählt, dass ich bei einer dieser Fahrten eine furchtbare Erkältung erwischt habe und du daraufhin anfingst, das erste Auto für uns zu erstehen. Daran erinnere ich mich nicht. Wir fuhren ja selber, als alle Anderen noch zu Fuß gehen mussten oder in stickigen Autobussen aufeinandersaßen.

Dann diese schönen Urlaube am Schwarzen Meer. Ein selbst gebauter Gaskocher samt selbstgebauter Gasflasche (der deutsche TÜV hätte seine Freude daran gehabt) spendete gekochte Kartoffeln, und ich balgte mich mit Christian in dem von dir gebauten Zelt für unseren weißen Opel Caravan, das schönste Auto weit und breit. Wie sehr hast du für dies bisschen Lebensqualität arbeiten müssen, unzählige Überstunden und Ciubucuri machen müssen.

Dann etwas, worüber ich erst sehr viel später nachgedacht habe…

Während meine anderen Vetter es teilweise unter Lebensgefahr versucht hatten, das kommunistische Gefängnis Rumänien zu verlassen, hast du das für uns arrangiert.

Wir konnten, mit deiner Hilfe, legal ausreisen. Die Risiken und die Mühen hattest du auf dich genommen.

Du hattest uns bei Max Lederer im Haus eine Wohnung eingerichtet, so groß, dass man sich darin fast verlor, und jeder hatte ein Zimmer. Welch ein Luxus!

Dann die unzähligen Male, wo ich dich um Hilfe bat, entweder weil mein roter Roller nicht schnell genug fuhr, weil der Mini wieder mal mit seinen unzähligen Fehlern kokettierte oder der TÜV mir die neue Plakette verweigerte. „Komm, mein Junge, das machen wir“, hast du gesagt, und es ist nie, wirklich auch nie passiert, dass du keinen Weg gefunden hättest, den Schaden wieder zu beheben.

Besonders gerne erinnere ich mich, als ich mit meinem verunglückten Saxophon bei dir ankam. Es war aus zwei Metern Höhe zu Boden gefallen, eigentlich Totalschaden, verbeult, die Mechanik abgerissen. „Komm, mein Junge, das machen wir.“ Es war für dich ein nur ein Blechschaden wie zahllose andere. Ich habe dein Geschick, dein Improvisationstalent bei der Reparatur sehr bewundert. Man sah ihm, als du fertig warst, vom Unfall nichts mehr an. Ich werde es nie verkaufen, höchstens weitervererben, und dann unbedingt diese Geschichte dazu erzählen. Sie muss in Erinnerung bleiben.

Danke für alles, Vater, und danke auch dir, Rosi, dass du mit ihm so gut auskommst und dass er so gerne mit dir zusammen ist. Ihr unterstützt euch gegenseitig, wenn es dem Einen mal nicht so gut geht. Ihr habt einen schönen Freundes- und Familienkreis aufgebaut, in dem ihr aufgehoben seid.

Ich wünsche euch viele gute und gesunde gemeinsame Jahre, in Hexenagger und bei gelegentlichen Ausflügen nach Dachau.

Vielleicht kannst du, Rosi, ihm ja noch einige schöne Urlaubsreisen abringen, es muss ja nicht gleich der anstrengende Fernflug nach Mexico sein, Italien liegt ja gleich um die Ecke.

Den Weg zu dem Birnbaum habe ich Christopher vor ein paar Jahren zeigen können. Es wäre schön, wenn ihn auch deine anderen Enkel und Urenkel einmal gehen könnten. Bäume können ja sehr alt werden und lange Früchte tragen.

So wünsche ich auch dir, dass deine Freunde und Verwandten ihren Weg zu dir finden. Du bist ja kein festgewachsener Baum und kannst ihnen manchmal, vielleicht, auch ein Stück entgegen gehen.

Alles Liebe und Gute fürs neue Lebensjahrzehnt!

Robert, am 8.4.2014

                  


u

In 65 Jahren viel gemeinsam erlebt

Katharina und Johann Kloos feierten eiserne Hochzeit -in Siebenbürgen geheiratet - 1991 eingewandert.

Traunreut- Das Ehepaar Johann und Katharina Kloos feierte am Dienstag das seltene Fest der Eisernen Hochzeit. Am 7. Januar 1949 gaben sich die beiden in ihrem Heimatort Reichersdorf in Siebenbürgen das Jawort. In den 65 Jahren ihrer Ehe haben die beiden viel gemeinsam erlebt und durchgestanden. Seit 1991 sind sie in Deutschland.

Katharina und Johann Kloos kennen sich schon seit ihrer Kindheit. Sie wuchsen gemeinsam in Reichesdorf in der Nähe der Stadt Mediasch auf. „Wir Jugendlichen im Ort waren immer alle zusammen unterwegs und besuchten die gleichen Veranstaltungen“, erzählt Katharina Kloos. Irgendwann hat es dabei gefunkt zwischen ihnen und sie beschlossen, zu heiraten. Die Braut war damals noch sehr jung, erst achtzehn Jahre, der Bräutigam drei Jahre älter. Beide betrieben in der alten Heimat einen Bauernhof mit Schweinen, Kühen und Weinbergen rundherum und waren Selbstversorger, die alles, was sie zum täglichen Leben brauchten, selber herstellten. Allerdings gehörten ihnen Grund und Hof nicht, die Sachsen waren damals vom rumänischen Regime enteignet worden und arbeiteten für eine Kollektivwirtschaft.


Zur eisernen Hochzeit gratulierte Bürgermeister Franz Parzinger und überbrachte auch die Glückwünsche des Bayerischen Ministerpräsidenten. Foto: mix

Als nach und nach immer mehr Sachsen aus dem Ort weggingen und auch die Tochter der beiden aus einem Urlaub in Österreich nicht mehr heim kam, beschloss das Paar, ebenfalls nach Deutschland auszureisen. 1991 kamen sie zunächst bei ihrer Tochter in Eggstätt unter. Wenig später fanden sie in Traunreut, wo bereits die älteste Enkelin lebte, eine Wohnung und sind seitdem in der Stadt zuhause.

Den Sohn verlor das Paar im Alter von 45 Jahren durch eine Krebserkrankung. Die drei Enkel und inzwischen fünf Urenkel leben alle in der Nähe und feiern am Wochenende mit dem Jubelpaar das seltene Fest der Eisernen Hochzeit. In Traunreut haben sich beide schon bald den Siebenbürger Sachsen angeschlossen, Katharina Kloos singt mit Begeisterung im Siebenbürger Chor mit und besucht gerne die Veranstaltungen der Landsmannschaft. „Wir haben sehr viel gemeinsam erlebt und ich kann manchmal selber nicht glauben, dass wir schon 65 Jahre verheiratet sind“, gesteht die noch sehr rüstige Seniorin.

mix 


v

Erinnerungen

Anlässlich des 100. Geburtstages von meinem Vater Johann Stolz, Reichesdorf Nr. 144
Dachau, 25.02.1987

Erinnerungen aus meiner Kindheit
Erzählt von Johann Stolz 18.03.1914-20.01.1991

Ich weiß eigentlich nicht, wie ich diese Arbeit nennen soll, um die meine Nichte Hanni Leonhardt, geb. Stolz, geboren in Reichesdorf im Herbst 1929, gebeten oder den strengen Auftrag gegeben hat. Ich bin selbst neugierig, was daraus wird.

Über seine eigene Geburt und die ersten Jahre seines Daseins kann bestimmt niemand berichten, ich auch nicht. Geboren wurde er im März 1914, das Anfangsjahr des ersten Weltkrieges.

Doch aus Erzählungen von unserer lieben, guten Mutter, Nachbarinnen und den treudienenden Dienstmädeln, die auf mich gesorgt haben, ist mir einiges bekannt. Ich darf nicht vergessen, zwei dieser Personen zu erwähnen: Lele Mare (Laban) und ein ungarisches Mädel, Janni Ergi. Ganz besonders will ich aber an Lele Mare denken, weil ich ihr – nach den Erzählungen meiner Mutter – mein Leben zu verdanken habe.

Nicht vergessen darf ich zu erwähnen, dass ich das sechste Kind war. Mein ältester Bruder war schon vierzehn Jahre alt, als ich auf die Welt kam.

Neben den Kindern musste auch die Landwirtschaft mit hundert Joch Grund, sieben Joch Weingarten und der schöne, große Wirtschaftshof im Schamertal, wo ungefähr dreißig bis vierzig Rinder zu Sommers- und Winterszeit waren, besorgt werden. So wird es jeder Mensch verstehen, wenn ich sage: Das war wirklich viel für eine Frau. Daraus erklärt sich auch, dass ich Lele Mare mein Leben zu verdanken habe.

Nun dazu eine kleine Erzählung:

Nach einer langen, schlaflosen Nacht ging meine Mutter am Morgen mit mir auf dem Arm mich schaukelnd bis auf die Straße, um mich einzuschläfern. Um eine Zeit kam eine ältere Frau, die Untchen Stefin, sie war unsere Nachbarin und fragte: „Was macht der Junge?“

Mutter klagte ihr: „Er weint schon seit einigen Tagen und Nächten und ich weiß nicht mehr, was ich mit ihm machen soll.“ Die Alte sagte: „Er wird halt krank sein, und, wenn halt nicht anders, so lass ihn Gott befohlen sein.“ Dies sollte wahrscheinlich heißen: So lass ihn halt sterben. Dies klagte meine Mutter meiner Lebensretterin, der Lele Mare, die aber besseren Rat wusste: „Gehen Sie nur auf‘s Feld, ich werde schon nach dem Jungen sehn.“ Mutter tat, wie Lele Mare befohlen hatte, und ging. Lele Mare besorgte in Birthälm aus der Apotheke einen Zuzel (Schnuller), schmackhafte Büffelmilch war genügend da und sie fütterte mich, bis ich satt war. Als Mutter am Abend vom Feld kam, erfuhr sie, dass ich seit Mittag schlafe. Mutter wollte wissen, was sie mit mir gemacht habe, und Lele Mare antwortete: „Lass nur, Herrin, ich sorge schon für mein Lemi (Lämmchen).“ So haben sie mir gesagt und so sagte sie mir und war stolz auf mich. Im Jahre 1933, als ich zum Militär ging, traf ich sie und sie nannte mich noch immer „mein Lemi“. Diese Benennung leitete sie von „Lämmchen“ ab, das ist ein ganz junges Lamm, das immer ganz lieb ist.

An Jani Ergi kann ich mich nicht so gut erinnern, weil ich sie nie mehr im Leben getroffen habe. Ich erfuhr nur, dass sie einen wohlhabenden ungarischen Burschen geheiratet habe und darum nicht mehr in den Dienst gehen musste. Von Ergi weiß ich nur, dass sie, als sie zu uns kam, kein Wort Sächsisch konnte und das Schicksal wollte es, dass ich von ihr Ungarisch lernte und sie von mir Sächsisch. Ich müsste ihr heute noch dafür dankbar sein, da ich bis heute die ungarische Sprache beherrsche.

Ich schlief als Kind sehr ungern zu Mittag, und Ergi musste dann immer etwas erzählen. Sehr spannend war es, wenn es hieß: „Hans, sei still, hör, wie die Kanonen schießen!“ Später bin ich dahinter gekommen, dass dies im Jahre 1916 gewesen ist, als die Rumänen durch den Roten Turmpaß eindrangen und unsere liebe Heimat der österreich-ungarischen Macht entrissen und wir an Rumänien angeschlossen wurden.

Das Jahr 1916 soll ein besonders schweres Jahr gewesen sein. Der Vater war zu Hause, und als die rumänischen Truppen in Siebenbürgen eindrangen, hieß es: „Alles muss vor den wilden Horden flüchten!“ Wie viele andere im Dorf packten auch meine Eltern. Ein Ein- und ein Zweispänner wurden mit Lebensmitteln und Kleidung und den sechs Kindern beladen. Von den sechs Kindern war eines krank, erkrankt an der damals sehr gefährlichen Kinderkrankheit Scharlach. Das kranke Kind war unsere liebe Schwester Anna. Mutter saß mit der kranken Anna auf dem Einspänner. Wir andern alle fünf fuhren mit unserem Vater auf dem Zweispänner. Mich soll unsere liebe Schwester Jinni besorgt haben.

Am ersten Tag kamen wir bis nach Mediasch auf den Schweinemarkt. Hatten also 18 km zurückgelegt. Hier wurde bei Regenwetter im Koberwagen übernachtet. Die Verzweiflung muss sehr groß gewesen sein, denn unsere Eltern entschlossen sich zu einer ernsten Sache: Vater sollte mit dem Zweispänner in Richtung Banat weiterfahren und unsere liebe gute Mutter kehrte mit ihrem Einspänner und den sechs Kindern um und kam nach Hause.

Mutter erzählte mir, sie habe in der regnerischen Nacht Vater gesagt: „Lieber Gust, mach, was Du willst. Ich fahre mit den sechs Kindern nach Hause. Ich will dies schwerkranke Kind nicht irgendwo wie einen Hund verscharren.“ Der Vater, der flüchten musste, verabschiedete sich von Mutter und den Kindern und wir langten denselben Tag noch nach Hause. Vater soll bis ins Banat gefahren sein, von wo er dann einmal gesund wieder nach Hause kam.

Daheim in Reichesdorf hörten wir die Kanonen von der Fogaraschen Front.

Nicht nur wir aus dem Weinland flohen vor dem Feind. Auch die Burzenländer Bauern mussten fliehen. So traf es sich, dass eines Tages zwei Familien mit je sieben Kindern bei uns eintrafen und um Aufnahme baten. Da wir zwei Häuser hatten, wurde eines davon den beiden Familien aus Seiden zur Verfügung gestellt. Die Männer sollen der Mutter in der Wirtschaft gut geholfen haben. Es wäre um die Zeit gewesen, wo man den Weizen gesät hat.

Unsere liebe Anna war inzwischen auch gesund geworden. Alle neunzehn Kinder haben wir mit ihr gespielt und keines hat sich bei ihr angesteckt.

Noch eine Sache von 1916 möchte ich nicht vergessen:

Wie gesagt, es war im Ersten Weltkrieg. Die Männer waren im Krieg, die Frauen und alles, was arbeiten konnte, war auf dem Feld beschäftigt. Zu Hause blieben nur Greise und Kinder. Weil die Aufsicht fehlte, kam es dazu, dass die Kinder beim Spielen Feuer machten, und es brannten sieben Scheunen ab. Dabei verbrannten auch vier Kinder, die sich vor Angst in der Scheune versteckt hatten.

Die Ernte dieses Jahres muss aber gut gewesen sein, denn Bruder Hügel Andreas (Hausnr. 70), dem die Scheune auch abgebrannt war, sagte, als er sich mit den Nachbarn über den Ernst der Sache unterhielt: „Lasst nur, mein Vetter, der Gornisch (Rebensorte) scheint heuer gut und reich zu sein. Ich mache mir schon wieder eine Scheune.“ Der alte Bruder Hügel blieb seit damals der „Vetter Gornisch“. Und auch seinen vier Söhnen, seinen Enkeln und Urenkeln haben wir oft „He, Vetter Gornisch“ gesagt, und es kränkte sich niemand.

Eine wichtige Rolle spielten auch damals die Spielsachen bei uns Kindern. Damals gab es noch keine kleinen Autos, Lastwagen mit Anhängern, Traktoren mit und ohne Anhänger und was es heute noch alles gibt. Unser Spielzeug waren die Kälbchen, Lämmchen und Fohlen. Ich konnte mich besonders freuen, denn wir hatten auch einen Esel, der die Milch aus dem Schamertal über den Berg schleppen musste. In seiner Freizeit nutzte ich ihn als Spielzeug.

Mein bester Freund war Untch Hans. Auch den darf ich nicht vergessen. Mit ihm drehten wir manche Sache:

Es war an einem Sonntagnachmittag. Untchis und meine Mutter saßen mit anderen Frauen bei uns vor dem Tor. Uns beide plagte der Hunger und wir gingen zu unseren Müttern und klagten ihnen dies. Meine Mutter nahm uns in das Haus und jeder bekam ein mächtiges Butterbrot. Damit in der Hand gingen wir wieder spielend die Gasse hinauf bis zu Untchi. Dort angelangt, hatte ich mein Brot schon verzehrt, Untchi hatte noch ein gutes Stück. Gerade vor dem Schopfen angelangt, verlangte ich ihm noch ein wenig davon. Er verweigerte. Ich riss ihm das Brot aus der Hand, legte es auf den Holzklotz. Die Axt, mit der ich das Brot teilen wollte, war bei der Hand. Im gleichen Moment griff Untchi nach dem Brot. Hätte die Axt besser geschnitten, hätte ich meinem guten Freund alle vier Finger von der rechten Hand entfernt. Auch heute kennt man die Narbe noch.

Etliche Jahre später ist es ihm beinahe geglückt, sich zu revanchieren: Wir beide kamen mit ihren beiden schönen Büffeln vom Füttern nach Hause. Untchi machte mir den Vorschlag: „Komm, Du, wir reiten bis nach Hause!“ Gesagt, getan, und schon saß jeder auf seinem Büffel. Untchi trieb die Tiere an und machte sie laufen. Schon nach kurzer Zeit rutschte ich dem Tier bis hinter die Hörner und wollte im Laufen abspringen, blieb aber mit dem Hosenband am Horn des Büffels hängen. Erst beim Hirschtalbrunnen, wo die beiden Büffel gewohnt waren zu trinken, befreite mich mein Freund und wir freuten uns beide, dass der Ritt nicht schlechter ausgefallen war.

Was wir beide noch auf der Weide mit den frischgeborenen Lämmchen erlebten: Es war im Frühjahr, einer von den schönsten Tagen des Jahres, als wir mit Spielen beschäftigt waren. Untchis Vater, Bruder Untch Fritz, kam und sagte: „He, ihr zwei, nehmt euch die frischgelammten Schafe mit den jungen Lämmchen und geht mit ihnen hinaus. Das tut den Lämmchen gut.“ Wir machten uns gleich auf und nahmen auch unsere frischgelammten Schafe alle mit. Den Schafen schmeckte das junge Gras und die Kleinen fühlten sich wohl und spielten vergnügt. Auf einmal stob unsere ganze Herde auseinander. Wir beide waren weder Jäger noch erfahrene Schafshirten und meinten, der Fuchs sei da gewesen. Wir sammelten die Tiere und gingen mit ihnen nach Hause. Unterwegs fragten uns die Leute, warum wir schon zurückkämen und wir erzählten, dass uns der Fuchs ein schönes Lämmchen genommen habe. Alle lachten uns aus, aber niemand klärte uns auf. Nun hatten wir noch großen Respekt vor dem alten Bruder Untch Fritz. Der lachte aber, weil wir beide weinten und sagte uns, dass das nicht der Fuchs, sondern ein Wolf gewesen sei. Ich glaube die Gänsehaut, die mir damals über den Rücken lief, auch heute noch zu spüren.

Noch etwas aus meiner Kindheit:

Ein Vetter von uns war Offizier in der österreich-ungarischen-Armee geworden. Es war im Ersten Weltkrieg, als er eines Tages zu uns kam, um uns seine österreichische Braut vorzustellen, und sie sollte seine Verwandtschaft kennenlernen. Unsere Mutter hatte ein gutes Mittagessen bereitet, welches der österreichischen Rot-Kreuz-Schwester gut schmeckte. Nach dem Essen gingen alle Erwachsenen hinaus, um die Wirtschaft anzusehen. Als sie dann nach einer langen Weile wieder ins Haus kamen, sei ich leblos dagelegen, und die Schwester habe gleich ihres Amtes walten wollen. Sie habe eine besorgte Miene gemacht und gesagt: „Mit dem Kind ist es aus, der muss sterben.“ Unsere Mutter – Mutter von sechs Kindern – beugte sich über mich und hatte es gleich heraus: „Der Junge ist ja nur betrunken, er riecht ja ganz nach Schnaps.“

Sie hatte mich mit kalten Umschlägen an der Stirn ins Bett gesteckt, ich schlief bis zum nächsten Tag und wachte kerngesund wieder auf. Mein Verhängnis war, dass die Schnapsflasche nicht weggeräumt worden war, sie stand auf der Küchenkredenz.

Wie ich schon erwähnte, war das Jahr 1916 ein sehr schweres Jahr, und doch ereigneten sich Sachen, über die man nach dem Krieg noch oft gelacht hat:

Das Krankenhaus in Mediasch wurde zum Kriegslazarett. Eines Tages wurde hier ein fescher österreichischer Leutnant mit zerschossenen Beinen eingeliefert. Als es ihm nach einigen Monaten besser ging und er sich auf Krücken fortbewegen konnte, zog es ihn hinaus. Es wurde ihm ein Spaziergang in die Stadt erlaubt.

Im Lazarett hatte er von Reichesdorf gehört, das 18 km von Mediasch entfernt sei und dass es dort guten Wein und gastfreundliche Leute gäbe. Kurzentschlossen hielt er auf seinem Spaziergang den ersten Fiaker an: „He, Sie, wissen Sie, wo Reichesdorf liegt?“ - „Ja, Herr Leutnant, ich war schon oft dort.“ - Na, dann fahren Sie mich bis hin und dort dann in die beste Wirtschaft.“ Er stieg ein und war in anderthalb Stunden in Reichesdorf. Der Fiaker hielt an: „Bitte, Herr Leutnant, hier ist die beste Wirtschaft.“ Der arme Leutnant sah sich um, war etwas erstaunt und dachte: „Wer weiß, wie es hier üblich ist. Man wird hier halt von rückwärts in die Wirtschaft hinein gehen, wenn vorne kein Eingang ist.“ So ging der Krieger im fremden Land eben durch den hinteren Eingang ins Haus und es ist ihm sicher komisch vorgekommen, als er sich in einer großen Bauernküche befand. Meine Mutter saß am Webstuhl. Sie war dabei, grobes Zeug aus eigenem Hanf für Säcke zu weben.

Meine Mutter war eine liebe und gute Frau und fragte: „Was wünscht der Herr?“ Der junge Leutnant antwortete kurz und in militärischem Ton: „Ich möchte eine Flasche guten Wein trinken.“ - „Ja, bitte nehmen Sie im anderen Zimmer Platz, mein Mann kommt gleich.“ Das Dienstmädchen rief den Vater, der Vater kam und Mutter sagte ihm Bescheid. Vater begrüßte den Gast und holte eine Flasche Wein aus dem Keller. Dann stellte er zwei Gläser auf den Tisch und schenkte ein. Nach einigen Gläsern war die schönste Freundschaft hergestellt. In Kürze kamen noch einige Freunde meines Vaters, alle setzten sich an den Tisch, tranken und unterhielten sich. Nach einiger Zeit kam auch Herr Rektor Arz, ein großer und guter Musiker. Das Klavier stand im Zimmer, und nun ging die Unterhaltung erst richtig los. Unsere Mutter war eine gute Sängerin (Tochter von Liederdichter Meyndt). Sie soll bei dieser Gelegenheit gezeigt haben, was sie auch im Singen leisten kann. Es wurde dann für die ganze Gesellschaft ein ausgiebiges Nachtmahl hergerichtet. Während dem Essen muss der gute Österreicher drauf gekommen sein, dass diese Zeche jemand bezahlen muss und dass seine Barschaft dafür vielleicht nicht ausreiche. Er fasste Mut und fragte ganz militärisch: „Herr Stolz, ich möchte gerne die Zeche mal bezahlen, denn ich weiß nicht, ob ich soviel Geld bei mir habe.“ Dann fing der gemütliche Teil erst an, und das ganze Missverständnis wurde geklärt. Der Hauptschuldige blieb der Kutscher, der nicht wissen konnte, dass der Österreicher unter der Bezeichnung „Wirtschaft“ eine Gastwirtschaft versteht, wenn der Siebenbürger damit einen landwirtschaftlichen Betrieb meint. Der liebe Österreicher war sehr erstaunt, dass Herr Stolz keine Bezahlung nehmen wollte. Es wurde viel um Entschuldigung gebeten, und die Unterhaltung ging weiter bis spät in die Nacht. Beim Abschied hatte niemand gemerkt, dass der tapfere Soldat die Krücken im Haus vergessen hatte. Als er schon in der Kutsche saß, kam unsere liebe Mutter und brachte sie ihm nach. Der gute Soldat muss wahrscheinlich gefallen sein, denn er hat nichts mehr von sich hören lassen.

Als ich dann acht Jahre alt war, begann das Leben ernster zu werden. Mein Vater starb als 45-jähriger an Tetanus. Ich war inzwischen ein Schuljunge geworden. Ich bin nicht gerne zur Schule gegangen. Ich könnte fast sagen, die Schule war für mich eine Katastrophe. Ich möchte aber ja nicht falsch verstanden werden. Ich schreibe dies nur, damit der eine oder der andere, der dies liest, sagt, ob das damals die richtige Erziehung war, oder ob die heutige die richtige ist.

Als Beispiel: Wir hatten einen Onkel in Hermannstadt, der war Lehrer. Seine Frau war die jüngere Schwester von unserer Mutter. Sie hatten keine Kinder. In den Ferien kamen Onkel und Tante immer zu uns nach Reichesdorf. Sie wurden immer gerne gesehen, denn jedes Mal brachten sie Geschenke mit. Meine Mutter sagte eines Tages zu diesem Onkel, dass ich mithören konnte: „Schau, Schwager, ich hätte es gerne, wenn Du ein wenig nach diesem Jungen sehen könntest. Der kommt in der Schule nicht richtig mit.“ - „Ach, liebe Schwägerin, was braucht ein Bauer soviel Schule? Ein bisschen Schreiben, Lesen und Rechnen lernt er schon. Ein Bauer soll auf dem Feld fleißig arbeiten können, dann ist alles in Ordnung.“ Na, so stand die Sache? Nun verlange noch einer von einem schlimmen und lebhaften Jungen, dass er lernen soll! Die Volksschule habe ich irgendwie überstanden. Nach einigen Jahren muss meine Mutter eingesehen haben, dass es gut wäre, wenn sie mich auf drei Jahre in die Ackerbauschule schicke. Auch dieses musste ich über mich ergehen lassen. Es hat mir dann dort einige Zeit gut gefallen. Ich war aber keine Leuchte. Mit meinen Vorgesetzten kam ich gut aus, und auch mit meinen Klassenkameraden habe ich mich immer gut verstanden. Ich habe in drei Jahren Schule keinen Streit gehabt. Dass es mir auf dieser Schule so gut gefiel, kann, glaube ich, auch daher kommen, dass ich ein guter Tänzer wurde. Wie gesagt, Schüler war ich kein guter. Aber in der Haushaltungsschule war ich ein beliebter Tänzer, und es kam die Zeit, dass den Jungen die Mädchen zu gefallen anfingen. Ach, war das eine schöne Zeit! Man konnte tanzen und man konnte sich mit denen, die einem gefielen, unterhalten. Ich habe es in guter Erinnerung, wie schön es war, wenn ich zu den Ferien nach Hause kam und die heimatliche Bruderschaft einen schönen Ball organisierte. Meine Mutter kam dann auch zusehen. Es kommt mir vor, ich sähe sie heute noch. Wie die Liebe zufrieden lächelte, wenn ihr Jüngster mit der Jugend tanzte!

Ich habe vergessen, noch etwas aus meiner Schulzeit zu erzählen.

Ich muss es aber nachholen, denn es handelt sich um unseren Lehrer und dessen Großvater:

Es war an einem strengen Wintertag. Wir spielten im Schulhof in der großen Pause, 10 Uhr. Da kam ein schönes Ochsengespann das Dorf herauf und es hieß: Der T.M. (Tinen Marz, Mantsch Martin) hat einen Wolf geschossen. Wir durften alle auf die Straße hinaus und uns den Wolf ansehen. Da war gerade ein Hochzeitszug unterwegs zur Trauung. Einige Gäste lösten sich aus dem Zug, um auch den Wolf zu bewundern. Der Wolf war nicht angeschossen, sondern vergiftet worden, und der alte Jäger sagte gerade, es täte ihm leid, dass er dem toten Wolf nicht noch einen Schuss gegeben hätte, dann hätte er noch eine Prämie vom Staat bekommen. In dem Moment, als der Jäger dies erzählte, war mein Freund Schaas, der Sohn vom Waldhüter Bartholomäus Schaas und der langjährigen Hebamme Maria Schaas (Sester Marie), auch bis zum Schlitten vorgedrungen, um den Wolf zu sehen. Auf einmal sagte dieser Junge: „Das ist ja meine Nora!“ Der alte Jäger schien einen Wutanfall zu bekommen: „Du Rotzbub, elender Lauser, du willst mir sagen, was ein Wolf oder ein Hund ist?“ Schaas Hans – kein dummer und couragierter Junge – bückte sich und holte aus dem dichten Winterpelz den Riemen, an dem der Hund angebunden war, hervor. In einigen Sekunden waren alle Hochzeitsgäste, Schulkinder, der Jäger und Fuhrmann samt Wolfshund unter großem Gelächter verschwunden. Die Sache war aber noch nicht zu Ende: In der Klasse musste unser guter Freund Hans Schaas unserem Herrn Lehrer die ganze Sache genau erzählen und auch vorzeigen, wie er sich gebückt hatte und dem alten, erfahrenen Jäger den Riemen zeigte. In der nächsten Pause erzählte ich meinem Freund, Hans Schaas, dass unser Herr Lehrer der Enkelsohn des Jägers sei. Der Lehrer war Herr Prediger Mantsch.

Ich darf auch nicht vergessen, eine Geschichte von unserem Esel Juli zu erzählen. Er war mein liebstes Spielzeug. Schon der Name sagt es, dass es ein weibliches Tier war. Mein innigster Wunsch war es, einen kleinen Esel zu besitzen, der aber dann nur ganz mir gehören sollte und nicht der Wirtschaft. Dies wurde mir auch von meinen beiden größeren Brüdern, die die Wirtschaft führten, bewilligt. Ich war schon so groß, dass ich wusste, wie Tiere sich vermehren. In meinem Fall brauchte ich also einen männlichen Esel. Von wo sollte ich ihn aber nehmen? Bei uns im Dorf gab es keinen (vierbeinigen) Esel. Eines Tages kam Dionise, unser Knecht, und sagte mir, dass im Renntal einige Zigeuner an einer Entwässerung arbeiteten, und die hätten einen männlichen Esel. Ich solle mit Juli hin reiten und sie sich dort paaren lassen.

Nach einigen Tagen, als am Nachmittag keine Schule war, ging es her. Ich ging ins Schamertal, setzte mich auf Juli und ritt über die Berge. Ungefähr nach einer Stunde hatte ich die Zigeuner samt dem Esel gefunden. Erst musste ich mit diesen Zigeunern wegen dem Lohn verhandeln. Wir wurden uns schnell einig, weil ich eine Flasche Schnaps mitgenommen hatte. Mit diesem Vorhaben hatte ich aber Pech. Ich wusste damals nicht, dass die Esel – genau wie die Pferde – sich nicht wann immer paaren. Sie tun dies nur im Frühling, wenn es anfängt, warm zu werden, und das Gras zu wachsen anfängt.

So, das könnte einer meiner besten Bubenstreiche gewesen sein.

Im Jahre 1927 ging ich nach Mediasch auf die Lehre als Fleischer und Selcher. Es ging und gefiel mir ganz gut, nur hatte ich Pech: Zu dieser Zeit herrschte die Wirtschaftskrise im Handel, in der Industrie und in der Landwirtschaft. Mein Meister war ein junger Anfänger. Viele Unternehmen wurden aufgelöst, und so kam es auch bei meinem Meister. Auf einmal war keine Arbeit mehr da, und ich ging wieder nach Hause. Nach einiger Zeit kam meine Mutter drauf, dass es gut wäre, wenn sie mich in die Ackerbauschule nach Mediasch schicke, und dies geschah auch. Ich war kein guter Schüler, aber es war gut, dass ich dort war. Schon im zweiten Schuljahr machte sich auch dort die wirtschaftliche Krise bemerkbar. Trotz des vielen Weins im Keller, den Schweinen usw. konnte mein Mutter die Schule nicht mehr bezahlen, und ich kam wieder nach Hause.

Als meine Schwester Hanni und ihr Mann Robert erfuhren, warum ich wieder daheim war, erklärten sie sich bereit, die Schule für mich weiter zu zahlen. So ging ich wieder zurück, und es war gut so. Robert und Hanni bin ich bis heute noch dankbar, dass sie es mir möglich machten, die Schule zu absolvieren. Dieses war bestimmt der schönste Abschnitt meines Lebens.

Ja, zu all diesem muss ich sagen, das Leben wurde immer ernster:

Im selben Jahr der Absolvierung der Ackerbauschule ging ich freiwillig zum Militär nach Rosenau zu einer Artillerie-Abteilung. Mir ist es dort sehr gut gegangen. Dort habe ich ein ganzes Jahr gedient. In einem Jahr hatte ich 156 Tage Urlaub. Kein Wunder, dass ich als Gefreiter entlassen wurde. Ich war eben der Vetter von unserem General Artur Phleps.

Nach dem Militär kam ich nach Hause, und dann wurde fleißig in der elterlichen Wirtschaft gearbeitet, aber das Leben besteht ja nicht nur aus Arbeit. Und wenn die Burschen das Militär hinter sich hatten, hieß es, hätten sie das Recht zu heiraten. An diese Vorschrift habe ich mich auch sehr streng gehalten: Nach zwei Jahren war es mit dem vielen Suchen, Überlegen und Wählen aus, wir heirateten. Ich glaube, ich habe nicht schlecht gewählt, denn es waren dieses Jahr am 23.01.1987 fünfzig Jahre, dass ich meine Frau Johanna, geb. Bruckner, geheiratet habe. Wie es bei meiner lieben Frau ausgesehen hat, weiß ich nicht genau, aber weggelaufen ist sie mir nicht.

Hier enden Hansonkels Aufzeichnungen. Die Kraft und die Zeit haben für mehr nicht gereicht.

Als wir an seinem 50. Hochzeitstag zusammensaßen, flüsterte er mir ins Ohr: „Wir haben allerhand Schweres erlebt“, und dann fuhr er stolz und fröhlich fort: „aber in unserer Ehe hat immer alles gestimmt.“

Wohl dem, der so zufrieden abschließen darf!

Ich wollte, der gute Hansonkel hätte hier viel mehr noch erzählt. Es ist schön, ihm zuzuhören. Er war ein Mensch, der sehr bewusst gelebt hat und seine Erlebnisse in einem guten Gedächtnis sehr lebendig speichern konnte. Ich habe sein anschauliches Erzählen, seinen Humor und Witz schon in meiner Kindheit (er mochte mich und hat mich schon als Halbwüchsiger gehütet, wenn meine Eltern ausgingen) und Jugend sehr gern gehabt. Als ich 1943 im Seminar war und im Internat wohnte, schrieb er mir oft vom Militär, und in jedem Brief kam auch mindestens ein netter Witz. Einmal schrieb er: „Lass Deine Freundinnen ruhig denken, Du hättest einen Schatz beim Militär. Du musst ja nicht sagen, dass ich Dein Onkel bin.“

Mit seiner ausgeglichenen und fröhlichen Art fand er immer und überall Freunde und Anerkennung. Als er aus Siebenbürgen aussiedelte, sagte ihm ein Rumäne: „Mit Ihnen, Herr Stolz, geht der letzte Herr aus diesem Dorf.“ Er war ein sehr feiner Mensch, der alles, was das Leben brachte, geduldig und gefasst entgegennahm. Als mein Vater (Hansonkels Bruder Gust) ihm den Vorschlag machte, sich mit ihm zu verstecken und nicht nach Russland zu gehen, da hat er ihm gesagt: „Ich tue, was man von mir verlangt.“ So hat er ein ganzes Leben lang Gehorsam geübt: zehn Jahre Militär und Russland, dann enteignet, die blutjunge Tochter begraben und schließlich im Alter als in Reichesdorf Verwurzelter nach Dachau ausgesiedelt.

Und wenn ich ihn fragte, wie es ihm geht, antwortete er mit Überzeugung: „Uns geht es gut, wir haben alles, was wir brauchen.“

Dazu fällt mir das Wort eines klugen Mannes (?) ein:

Arm ist nicht, wer wenig hat;
arm ist, wer viel wünscht.

Auch seine Krankheit (Staublunge), die er sich aus Russland geholt hatte, trug er mit Geduld, auch wenn er damit manche bittere Stunde durchlebt hat. Ich sehe ihn, von Atemnot gequält, mit aufgestützten Ellbogen am Tisch sitzen und weiß aber, dass er auch dann doch immer zu Scherzen bereit war. So erzählte ich einmal, dass ich sehr schnell und arg an Kopf und Ohren friere, worauf er gleich neckte: „Jeder friert an seinen schwächsten Stellen zuerst.“

Ich weiß, dass diese Zeilen über Hansonkels Persönlichkeit noch lange nicht alles über ihn sagen. Darum bitte ich jeden, der seine Erinnerungen gelesen hat, ergänzend dazuzuschreiben.

Dachau, 16.02.1994, Hanni Leonhardt, geb. Stolz 


w

Auf hohe Qualität bedacht

Der Dirigent und Musikpädagoge starb kurz vor seinem 80. Geburtstag. Gernot Wagner, der langjährige und erfolgreiche Dirigent vieler Musikformationen aus Siebenbürgen und Deutschland, ist am 14. Februar 2014 im Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart an den Folgen eines Herzleidens gestorben. Er hätte in drei Tagen, am 17. Februar 2014, seinen 80. Geburtstag gefeiert.

Mit ihm verliert die sächsische Gemeinschalt einen profilierten Musiker, dessen Wirken vielen Formationen zugutegekommen ist. Die Landesgruppe Baden-Württemberg und der Bundesverband verlieren einen Mann, dessen Einsatz für das gute Gelingen vieler Großereignisse bestimmend war. Ob es sich um die 40-Jahrfeier der Landesgruppe Baden-Württemberg 1989 auf dem Killesberg in Stuttgart, die 850-Jahrfeier der Siebenbürger Sachsen in der Frankfurter Paulskirche 1991, oder die Reise der Siebenbürger Blasmusik Stuttgart 1996 nach Nordamerika handelte, bei all diesen Veranstaltungen hat Gernot Wagner - Micker, wie ihn seine Freunde nannten - große Chöre bzw. ein Blasmusikorchester dirigiert und die Feierlichkeiten mit Musik festlich und würdig umrahmt.

Und wir verlieren einen Mann, dessen Liebe und Anhänglichkeit bis zuletzt Siebenbürgen und besonders seiner Heimatstadt Schäßburg galt; der jährlich mehrere Wochen in Schäßburg verbrachte und der diese Liebe auch seinen in Deutschland geborenen und lebenden Enkeln Maria, Anna, Lea und Johannes vermitteln wollte und ihnen die schönen Seiten Siebenbürgens stolz gezeigt hat bzw. auch noch gezeigt hätte.

Geboren wurde Gernot Wagner am 17. Februar 1934 in Schäßburg als drittes Kind des Gerbermeisters Hugo Wagner und dessen Frau Martha Wagner, geborene Haab. Er wuchs auch dort mit seinen vier Geschwistern Günther, Wiltrud, Dietrich und Roswitha auf. Nach der Volksschule besuchte er 1948 bis 1952 das Lehrerseminar in Schäßburg und wurde Grundschullehrer. An seinem ersten Wirkungsort Reichesdorf unterrichtete er jedoch (wie damals schon üblich und notwendig) in den Klassen eins bis sieben sozusagen alle Fächer in deutscher Sprache von Mathematik bis Geographie und engagierte sich ehrenamtlich im Kulturbetrieb der Gemeinde bis 1956. Seine pädagogische und kulturelle Tätigkeit setzte er nach seiner zweijährigen Militärdienstzeit und einem Intermezzo als Berater im Schäßburger Kulturheim und als Mitarbeiter in der Faian?a-Fabrik ab 1962 fort:

In der Zwischenzeit hatte er geheiratet und unterrichtete mit seiner Ehefrau Renate, geborene Paulini, gemeinsam an der Allgemeinschule in Schaas. Es wurden dem Paar zwei Töchter, Ute und Gudrun, sowie ein Sohn, Gerhard, geschenkt. 1966 zog die Familie nach Kronstadt ins Burzenland, wo Gernot in Rosenau bis 1986 als Musiklehrer und in den letzten sechs Jahren auch als stellvertretender Schulleiter tätig war. Durch ein Fernstudium um Gheorghe-Dima-Konservatorium in Klausenburg hatte er auch einen akademischen Abschluss erlangt und konnte im Lyzeum (Sekundarstufe des Gymnasiums) unterrichten.

Er, der eigentlich nie auswandern wollte, folgte seiner Familie 1987 nach Deutschland. In Baden-Württemberg fand er nach erfolgreichen Anstrengungen zur Anerkennung für das Lehramt seinen neuen Wirkungskreis im Raum Waiblingen-Stuttgart. Seiner ca. zwanzigjährigen erfolgreichen Tätigkeit als Lehrer, Dirigent und Chormeister im Burzenland folgte nun eine ebenso lange und erfolgreiche Tätigkeit im Großraum Stuttgart.

In Rosenau leitete Gernot Wagner mehrere Chöre und war um Kulturaustausch zwischen den deutschen Formationen in Siebenbürgen interessiert und beteiligt. Der Unterzeichnende erinnert sich sehr gerne an den Besuch des Hermannstädter Männerchores in Rosenau am 28. November 1982, bei dem auch der von Gernot Wagner dirigierte Rosenauer Chor auftrat. Die besondere Liebe und Aufmerksamkeit von Gernot galt jedoch dem in der Nachbarstadt Neustadt funktionierenden Jugendblasorchester, das er vierzehn Jahre lang ab 1973 leistete.

Schon 1987, im Jahr der Ankunft in Deutschland, wurde Gernot Wagner Dirigent der Siebenbürger Blasmusik Stuttgart.

Diese Formation leitete er bis 2001. Er hat diese Kapelle qualitativ vorangebracht, hat sie für das Wertungsspiel – den Vergleich schwäbischer Formationen innerhalb des Blasmusikverbundes Baden-Württemberg – vorbereitet. Und er hat die Kapelle 1996 auf ihrer Tournee durch Kanada und die Vereinigten Staaten dirigiert, sicher ein Höhepunkt seines Wirkens. An seinen sehr hohen Ansprüchen bezüglich Qualität des musikalischen Vortrags anlässlich der Vorbereitung des Konzertes zum 50-jährigen Jubiläum der Formation zerbrach dann nach vierzehn Jahren die Zusammenarbeit.

Viele Sänger des gemischten Chores der Kreisgruppe Stuttgart sind noch heute dankbar, dass Gernot Wagner 1990 die Leitung dieses Chores übernahm und sie bis 2008, also achtzehn Jahre lang, innehatte. „Er war ein strenger Chorleiter. aber das war auch gut so“, erinnert sieh Agnetha Teutschlender, eine Sängerin. Und in dieser Zeitung berichtete Alfred Mrass, damals Pressereferent der Landesgruppe, über das Treffen sächsischer Chöre 1994 in Trossingen: „Gernot Wagner hat diesen Chor zu hoher Ausdrucksfähigkeit und Reife gebracht.“

Unter Gernot Wagner hat der Stuttgarter Chor sehr viele Veranstaltungen, angefangen von Konzerten, Erntedankfesten, Adventsfeiern, Feiern zum Tag der Heimat, Ausstellungseröffnungen u.a. bestritten. Es war der erste Kreisgruppenchor aus Baden-Württemberg, der an internationalen Wettbewerben teilnahm, an den Folklorefestivals 2001 in Feldes (Bled), Slowenien, und 2006 in Brünn, Tschechien, und Reisen ins Ausland (Siebenbürgen 1912) unternahm. Das konnte nur mit einem tüchtigen und fähigen Dirigenten wie Gernot Wagner gelingen.

Gernot Wagner legte als Lehrer in Baden-Württemberg und als Chordirigent in Stuttgart oder Backnang hohe Maßstäbe an die Qualität. Atemübungen vor der Probe, gute Aussprache, präzise Endungen, Einhaltung der Atempausen und einheitlicher Stimmenklang waren ihm wichtig. Er war zugleich ein Meister der großen Formationen und dirigierte wiederholt die vereinigten sächsischen Chöre von Baden-Württemberg in Stuttgart, Frankfurt oder Dinkelsbühl. Viele Chorveranstaltungen moderierte er mit viel Humor.

Der Verband der Siebenbürger-Sachsen in Deutschland hat Gernot Wagner mit dem Goldenen Ehrenwappen ausgezeichnet. Es sei ihm auch auf diesem Weg für seinen Einsatz für die sächsische Gemeinschaft von hüben und drüben gedankt.

Alfred Mrass, Landesvorsitzender 

Die Trauerfeier für Gernot Wagner findet am Freitag, dem 28. Februar 2014, um 14.00 Uhr in der Aussegnungshalle des Friedhofs Schwaikheim, Winnender Straße in 71409 Schwaikheim statt.


x

Mentor und Freund für die Neustädter

Von 1973 bis zu seiner Aussiedlung 1987 wirkte Gernot Wagner als Leiter der Jungendblasmusik Neustadt im Burzenland. Für uns war er Leiter, Mentor, Freund und, ja, auch die musikalische Triebfeder der jungen Bläser. In den vierzehn Jahren seines Wirkens hat er unzählige junge Neustädter zum Mitmachen animiert, diesen das Musizieren beigebracht und mit uns viel unternommen. Unser Notenmaterial hat er in unzähligen Stunden auf Blankonotenpapier, händisch für jedes Instrument, übertragen - heute einfach unvorstellbar.

Die Reisen, die er mit uns unternahm, führten nach Wurmloch und Radeln mit Übernachtung in Schäßburg (1976), Braila und Gala?i (1977), Eisernen Tor (1978), Konzertreise nach Groß-Alisch, Keisd und Trappold (1982) und als Zusammenschluss der Kapellen Rosenau und Neustadt zum Wettbewerb Cîntarea Romaniei nach Bukarest (1983 oder 1984; wobei wir den zweiten Platz belegten). Was ich eigentlich noch immer in Erinnerung habe, war das Üben, Üben, Üben: immer im Gasthaus Grüner Baum (damals das Kulturhaus) im größeren Raum und im Winter im kleinen Raum. Da wir das Kulturhaus nutzen konnten, wurden wir von dessen Leiter verpflichtet, am rumänischen Landesfestival mitzumachen, das ein fester Punkt im Jahreskalender war, für den auch geübt werden musste.

Viele junge Neustädter wollten mitmachen, sodass jeden Herbst neue Bläser zu uns stießen, die angelernt werden mussten. So brachten wir bis zum Faschingsball wieder einige Stücke gut zusammen und gaben an der Fosendich das Beste, um die Neustädter zu unterhalten. Der Applaus gab uns stets neuen Mut, weiterzumachen.

Es war eine entbehrungsreiche, aber auch eine schöne und abwechslungsreiche Zeit, die in unserer Erinnerung weiterlebt. Unserem Leiter Gernot Wagner ein herzliches Dankeschön, und möge er in Frieden ruhen. In Neustadt sagt man:

„Gott, der Herr, schenke ihm die ewige Ruhe.“

Für die ehemaligen Mitglieder der Jungendblasmusik Neustadt

Helmut Chrestels 

Für Gernot Wagner, den wir Micker nannten

Hab ich ohne dich ab sofort das Gesicht dieser Welt verloren?
Die Kerzen in alten Gedichten verlöschen heute.
Und die Milchstraße hat plötzlich kein Licht mehr. Federleicht
Ist nichts mehr, nichts mehr ein Fliegen.
Wie einst mit dir.

Wir waren zusammen bis in unsere beste Zeit, als du, der mein Auschwitzbuch am besten besprach, mit mir zusammen dann unsere Sachsen aufstörtest; als „Nestbeschmutzer" beschimpften sie dich. Auch dafür wurdest du von deinen Kindern, Nichten und Neffen verehrt.

Dieter Schlesak 


z

Wissenswertes über…

FriedWald
Letzte Ruhe an den Wurzeln eines Baumes


Das Zwitschern der Vögel, der Duft von Laub, das Rauschen der Blätter – FriedWald bietet Menschen einen Bestattungsort, an dem sie sich schon zu Lebzeiten wohlfühlen: Den Wald. FriedWald steht für eine alternative Form der Bestattung. Die Asche Verstorbener wird in einer biologisch abbaubaren Urne, direkt an den Wurzeln eines Baumes, beigesetzt. Das Konzept ist unabhängig von Konfessionen und frei von sozialen Zwängen. Grabpflege gibt es keine im FriedWald, die übernimmt die Natur.

Viele Menschen suchen sich schon zu Lebzeiten ihren Bestattungsplatz aus. Es gibt viele Beweggründe, sich für eine Bestattung in einem FriedWald zu entscheiden: Der eine sucht die Nähe zur Natur, der andere eine Bestattungsform, die seinem Lebensentwurf gerecht wird. Wieder ein anderer sorgt sich um seine Angehörigen und möchte sicherstellen, dass er ihnen nach seinem Tod nicht zur Belastung wird.

An derzeit 50 FriedWald-Standorten in ganz Deutschland können Menschen ihre letzte Ruhe an den Wurzeln eines Baumes finden.

FriedWald - Wegbereiter der Naturbestattung in Deutschland

FriedWald steht für eine alternative Bestattungsform. Die Asche Verstorbener wird in einer biologisch abbaubaren Urne an den Wurzeln eines Baumes beigesetzt. Die Bäume stehen in einem als FriedWald ausgewiesenen Waldgebiet. So eröffnet sich eine natürliche und würdevolle Alternative zu den bislang gewohnten Bestattungsorten.

Um möglichst vielen Menschen die Möglichkeit einer Bestattung in der Natur zu bieten, gibt es deutschlandweit FriedWald-Standorte. Unsere erfahrenen Forstleute wählen neue Waldgebiete in den schönsten Regionen Deutschlands aus. Wir achten auf eine verkehrsgünstige, aber ruhige Lage und sorgen dafür, dass die Artenvielfalt des Waldes genug Auswahl zwischen verschiedenen Baumarten bietet.

Einäscherung ist Voraussetzung.

Menschen, die sich für eine FriedWald-Beisetzung interessieren, müssen sich grundsätzlich für eine Einäscherung entscheiden. Viele der Interessenten suchen sich bereits zu Lebzeiten einen geeigneten Baum aus. Angehörige und Freunde werden über diesen Schritt informiert, im Idealfall wird eine Willenserklärung mit dem Beisetzungswunsch formuliert und handschriftlich hinterlegt.

FriedWald als Vorsorgekonzept: Die letzte Ruhestätte bereits zu Lebzeiten auswählen

Beisetzung nach Ihren Vorstellungen.

Welche Rituale die Beisetzung in einem FriedWald begleiten, bleibt den Wünschen der Verstorbenen und ihrer Angehörigen weitgehend überlassen. Christliche Beisetzungen sind im FriedWald ebenso üblich wie Bestattungen ohne geistlichen Beistand. Eine Namenstafel am Baum macht auf die Grabstätte aufmerksam. Auf diese Namenstafel kann nach Wunsch auch verzichtet werden. In diesem Fall haben Angehörige dennoch die Möglichkeit, die Grabstätte des Verstorbenen jederzeit zu besuchen, denn die Bäume sind gekennzeichnet und in Registern bei der Kommune und bei FriedWald eingetragen.

Einheitlich und ökologisch anerkannt

Die Marke FriedWald® ist in Deutschland und Österreich geschützt. Ziel der Markenbildung ist es, in schönen Waldregionen Europas ein einheitliches und ökologisch anerkanntes Naturbestattungskonzept zu gewährleisten. Nur so ist sichergestellt, dass in allen Wäldern nach den gleichen Qualitätsstandards gearbeitet wird.

Im Jahr 2006 wurde die FriedWald-Bestattung vom Greenpeace-Magazin als umweltfreundliche Variante der Beisetzung in die 57 Tipps für eine bessere Welt aufgenommen. Einer der Gründe: Mit der FriedWald-Bestattung in einer biologisch abbaubaren Urne an den Wurzeln eines Baumes kann jeder über seinen Tod hinaus ein Zeichen für die Natur und den Umweltschutz setzen. Denn ein FriedWald ist ein naturbelassenes Waldareal, dessen Fortbestand durch ein auf 99 Jahre angelegtes, waldschonendes Baumbestattungskonzept gesichert ist.

Quelle: www.friedwald.de

Susi


1

An den Wald

Wenn meine Seele ermüdet des Menschenlebens,
Nicht länger der Jahre mutiger Kämpfer will sein,
Wenn des Alltags Pflicht und Freude vergebens
Sie locken möge mit trügerischem Schein,

Wenn mein Leib, der Kraft und des Willens beraubt,

Aufhöret zu trotzen den Spuren der Zeit
Und letztendlich zerfallet zu Asche und Staub,
Einen Ort suchend im Frieden der Ewigkeit,
Dann sei du, Wald, mir neue Heimat auf Erden,

Lass bei dir mich finden die ersehnte Ruh.
Lass mich für immer ein Teil von dir werden.
Deck mich mit dem sanften Laub deiner Bäume zu.

Lass meine Seele durch deine Gipfel fliegen,
Beschwingt wie ein Vogel und frei wie der Wind.
Kein Unwürdiger soll sie mehr verbiegen,
Sie bleibe zuversichtlich und staunend gleich einem Kind.

Durch die Wurzeln einer Buche bis ins grüne Blatt
Lass wachsen mich und leben hinfort,
Um von der Eiche zu lernen, was sie zu lehren hat
Und zu lauschen der Birke wissendem Wort.
Wer meiner gedenken will, sei stets dein Gast
Der mich möge finden bei dir überall
Im Laub des Baumes, im seinem Stamm, in jedem Ast,
In deiner sanften Stille und deines Odems Hall.

Sag ihm, er solle nicht weinen und traurig sein,
Weil ich nicht fort, doch vorausgegangen bin,
Hier sind wir zusammen, sind nicht länger allein,
In deinem Frieden, Wald, finden wir des Lebens Sinn.

Susanna Riemesch Wachsmann 


2

Es war tatsächlich höchste Zeit”

Ausgabe Nr. vom 30. Januar 2014 / 2367
Was stand vor 100 Jahren in den Zeitungen? (I. Teil) /
Von Wolfgang REHNER

Das Jahr 1914 bezeichnet den Ausbruch des ersten Weltkrieges und ist ein Symbol für das 20.  Jahrhundert, das nicht nur als Zeitalter enormer Erfindungen und technischer Erfolge gerühmt wird, sondern zugleich auch als einmalig bezeichnet werden muss, nämlich wegen der grausamen Kriege und Unmenschlichkeiten, die es hervorbrachte und deren Ausmaß alles vorher Bekannte übertraf.

  Worüber sprach man in unserer Stadt zu Beginn dieses sagenhaft schrecklichen Jahres, worüber sprachen die Hermannstädter im Januar 1914? Wussten sie etwas von den Spannungen zwischen dem zaristischen Russland und der österreich-ungarischen Monarchie und waren davon beunruhigt, oder beschäftigten sie sich mit anderen Dingen und waren politisch ahnungslos? Oder ahnten sie vielleicht sogar schon etwas von dem bevorstehenden Zusammenbruch dieser beiden Großmächte? Worüber sprachen die Leute in dieser spannungsreichen und problemgeladenen Zeit, wenn sie in öffentlichen Lokalen oder in ihren Häusern zusammenkamen?

 Meine Enkel sehen mich mit vollem Recht als alt an, doch fragen sie gerade deshalb zuweilen: Sag uns, wie war das damals? Liegen die angesprochenen Ereignisse etwa 50 oder 60 Jahre zurück, so kann ich darauf aus der Erinnerung antworten, aber vor 100  Jahren, das ist länger her. Damals waren meine Großeltern bereits in reifen Jahren und meine Urgroßeltern waren schon alt. Wenn ich nun die Jahre zwischen 1914 und 2014 an meinem geistigen Auge vorüberziehen lasse, so sind es sechs Generationen, die daran Teil haben.

Es hat einen besonderen Reiz, in alten Zeitungen zu blättern. Zuweilen ist es unterhaltsam und kann einen amüsieren, zuweilen bietet diese Lektüre aber auch wertvolle Informationen, weil wir zurückliegende Dinge sehr oft in verkürzter Perspektive sehen. Zeitungen bieten hingegen ein lebendiges Bild, nicht dessen, wie man die Dinge rückblickend vereinfachend sieht oder gelernt hat, sondern dessen, wie sie damals gesehen wurden.

Ich nehme das Siebenbürgisch-Deutsche Tageblatt vom 10. Januar 1914 zur Hand und bin überrascht, gleich auf der ersten Seite einen Artikel über die Frage der Rumänen in Siebenbürgen zu finden. Nichts über die großen Spannungen in Europa und der Welt, dafür aber Nachrichten über eine brisante Frage, die uns sehr nahe liegt. Am 9. Januar wurde aus Budapest gemeldet: „Allem Anschein nach nähern sich die Verhandlungen zwischen dem Ministerpräsidenten Grafen Stefan Tisza und den Romänen ihrem Abschluss.“ In diesen Verhandlungen ging es um die Stellung der Rumänen im ungarischen Staat, welche ähnlich wie bei den Sachsen geregelt werden sollte. Konkret wurde über das allgemeine Wahlrecht verhandelt, und vor allem über die Durchführung des Nationalitätengesetzes, das in den letzten Jahren durch neue Auflagen eingeengt worden war. Das rumänische „Nationalkomitee“ hatte seine Forderungen vorgelegt und der Ministerpräsident trachtete danach, einen Ausgleich herbeizuführen, doch stieß er in Budapest dabei auf Widerstand, so dass die Verhandlungen einem schweren Ringen gleichkamen.

Auf Seite 2 berichtet dasselbe Blatt unter dem Titel „Versuchte Verhetzung“, dass das Neue  Pester Journal die Forderungen der Rumänen gegen die Interessen der Sachsen auszuspielen versucht, indem es behauptet, eine Zunahme der Rechte der Rumänen würde zugleich einen Verlust an Rechten für die Sachsen bedeuten. Dagegen brachte das gut informierte ungarische Blatt Világ die Äußerung des sächsischen Abgeordneten Emil Neugeboren, dass die Sachsen an einem Ausgleich mit den Rumänen interessiert seien, denn: „Wir sind unbedingte Anhänger des Nationalitätenfriedens und einer gerechten und wahrhaft freiheitlichen Nationalitätenpolitik. Alle nationalen Reibungen schädigen auch unsere Interessen, auch wenn sie uns nicht direkt berühren. Deshalb hat man bei uns die Aktion Tiszas mit ehrlichem Wohlwollen verfolgt.“ Weiterhin erwähnte Neugeboren einen anderen sächsischen Abgeordneten, Rudolf Schuller, der aus eigener Initiative in einem Artikel den „romänischen Standpunkt klarzulegen“ versuchte, was bedeutet, dass er für ihn eintrat.

Nach dieser Lektüre im Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatt greife ich auf das ebenfalls in Hermannstadt erschienene politische Wochenblatt Foaia Poporului vom 14. Januar, wo gleich auf der ersten Seite die Überschrift ins Auge springt: „Der Balkankrieg und die Rumänen“. Gezeichnet ist der Artikel von Gheorghe Flesiariu, Major in Rente. Rückblickend auf die beiden Balkankriege (1912-1913) spricht er vom Gefühl der Rache, das 500 Jahre lang in der Brust der Unterdrückten erstickt worden war und nun siedend zum Ausbruch kam. „Vom Gipfel des Balkan krächzt jetzt das Untier des Schreckens:

Gebt den Völkern das ihnen zustehende Recht!“ Dann führt er aus, dass Rumänien und das Rumänentum nach diesem Krieg eine nie dagewesene Rolle spielen. Die Augen der Welt sind aufgegangen für die Bedeutung des Rumänentums als trennende Mauer zwischen den beiden mächtigen Blöcken des Slawentums und des Deutschtums. Deshalb umschwärmen jetzt alle Nachbarn die Rumänen wie ein reiches und schönes Mädchen, das man als Braut begehrt. So hat auch Ministerpräsident Tisza sich beeilt, die Rumänen nach Pest zu rufen, um mit ihnen süß und schön über einen Ausgleich zu sprechen. Doch tat er das nicht von Frau Liebe getrieben, sondern von Herrn Muss (Domnul Musai) und von der Dame Grausen (Cocoana Groaza). -  Wenn die Völker des Balkans sich ihr Recht selber mit Gewalt erkämpft haben, weil es nicht anders ging, muss es doch heute bei uns nicht ebenso geschehen. Bei uns könnte alles friedlich und legal vor sich gehen. Wenn unser Kaiserreich Österreich-Ungarn all seinen Völkern ihr Recht einräumt, wird es nicht nur eine große Macht sein, sondern auch ein starkes und von niemandem besiegtes Reich. Die Rumänen werden dabei unter den Ersten sein, denen ihre Rechte zuteil werden. „Die Brüder der stolzen Braut müssen zufriedengestellt werden.“ So die Stimme eines Rumänen, der Major in der österreichischen Armee gewesen war.

Auf den folgenden Seiten berichtet dasselbe Blatt weiter:

Die Zeitungen in Österreich und Deutschland beschäftigen sich in letzter Zeit immer mehr mit der Lage der Rumänen in Siebenbürgen. Die meisten von ihnen geben zu, dass den Rumänen in ganz Ungarn viel Unrecht geschieht. Am 31. Dezember 1913 veröffentlichte die renommierte Vossische Zeitung in Berlin einen Artikel über „Die Ungarn, die Rumänen und Erzherzog Franz Ferdinand“. Dieser Artikel berichtet über Graf Czernin, den Gesandten Österreich-Ungarns in Bukarest, und seine Tätigkeit. Graf Czernin stammt aus Böhmen, ist mit dem Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand befreundet und vertritt bezüglich der Stellung der Rumänen  in Ungarn eine Politik des Ausgleiches. Diese seine Haltung wird in Budapest in Regierungskreisen jedoch kritisch betrachtet und in der Presse angefeindet, obwohl der Standpunkt Czernins dem des Ministerpräsidenten Tisza inhaltlich nahe steht.

In der nächsten Ausgabe der Foaia Poporului (vom 18. Januar 1914) finden wir die Frage: „Ist ein Ausgleich möglich?“ Die Antwort, die der Artikel gibt, lässt sich wie folgt zusammenfassen:

Sieht man auf die Haltung der ungarischen Chauvinisten in Budapest, so müsste die Antwort lauten: Nein! Aber Österreich-Ungarn ist an der Freundschaft mit Rumänien interessiert und deshalb hat Tisza den Auftrag bekommen, die siebenbürgischen Rumänen zufrieden zu stellen. Tisza ist ein tatkräftiger und fähiger Mann. Seit Monaten laufen Verhandlungen mit der Nationalpartei der Rumänen in Ungarn. Die parlamentarische Opposition wirft aber Tisza vor, er wolle Siebenbürgen verkaufen. In Klausenburg hat eine Versammlung stattgefunden, die sich gegen jeden Ausgleich zwischen Rumänen und Ungarn in Siebenbürgen wehrt. Es ist erschütternd, die ungarischen Zeitungen dieser Tage zu lesen, die Tisza angreifen. Dagegen ist nur zu sagen: „Wir Rumänen aus Siebenbürgen und Ungarn wissen was wir wollen, nämlich: gleiche Rechte mit den andern Bürgern des Vaterlandes… Heute wünscht das rumänische Volk noch Frieden, aber einen ehrlichen Frieden… Deshalb rufen wir den magyarischen Chauvinisten noch beizeiten zu: Bedenkt euch und handelt, solange es Zeit ist… Ein Millionenvolk kann nicht auf immer und ewig zum Verschwinden gebracht werden.“

Diese letzten Sätze klingen wie eine Drohung, es ist ein scharfer Ton, aber heute, nach 100 Jahren, kann man nicht sagen, sie seien falsch gewesen. Es war tatsächlich höchste Zeit. Ja, man müsste eigentlich richtiger sagen: es war bereits zu spät. Andererseits lässt sich aus dem Erscheinen dieses Artikels auf eine weitgehende Freiheit der Presse schließen. Auf jeden Fall kann ich mir jetzt ein lebendiges Bild davon machen, worüber im Januar 1914 in Hermannstadt gesprochen wurde.

Ernst Gräser, Radierung, um 1914

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Vor 100 Jahren von Hermannstaedter Zeitung. Permanenter Link des Eintrags.


3

Frühlingsgruß aus Reichesdorf von Fam Timmermann


Anzeigeschluss 30. April und 31. Oktober

 


1. Vorsitzender: Werner Meyndt   82515 Wolfratshausen  Tel 08171/368983 
 Kassier: Ernst Kloos 51674 Wiehl Tel 02262/717708
Schriftführer:  Susanna Riemesch  74226 Nordheim   Tel 07133/964816
Herausgeber des Boten:  Heinrich Maiterth 33332 Gütersloh Tel 05241/40407   
Internet Hans-Christian Hienz  91550 Dinkelsbühl webmaster@reichesdorf.de
a

Vorstandsmitglieder der Reichesdorfer HOG
Ernst Kloos, Gustav Hügel, Hans-Christian Hienz, Harald Hügel, Heinrich Hienz, Heinrich Maiterth (Neuenstein), Heinrich Maiterth (Gütersloh), Heinrich Waffenschmidt, Hermann Hügel, Martin Alzner, Susi Riemesch, Werner Meyndt


         























         
 

© Powered & Design by hienz.de
Copyright by Heimatortsgemeinschaft Reichesdorf