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Reichesdorfer Bote

    Jahrgang 28, Ausgabe 51                                                                                                 Weihnachten 2014  

 
 

 
Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis
Grußwort
Chrestglocken
Weihnachten 1944
Einladung zum Reichesdorfer Treffen
Wir gestallten zusammen eine siebenbürgisch-sächsische Trachtendatenbank
Stimmungswandel zugunsten 

Siebenbürgens
HOG-Verband neu strukturiert

Einige Täter sind bis heute in Amt un Würden
Reichesdorfer Treffen
Mein erstes Weihnachten
Anzeigen
Da steht in winterlichem Kleide

 
 

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Liebe Leserinnen, liebe Leser des Reichesdorfer Boten,

ich begrüße Euch recht herzlich zu unserer neuen Ausgabe des Reichesdorfer Boten.

In diesem Jahr fand zum zweiten Mal unser Reichesdorfer Treffen in der alten Heimat statt. Alle, die dabei waren, werden sich jetzt an ein gelungenes und fröhliches Fest erinnern. Neben vielen ehemaligen Reichesdorfern, Nachbarn aus den umliegenden Gemeinden und auch Vertretern von anderen Heimatortgemeinschaften, durften wir dieses Mal auch einige deutsche Mitbürger in unserem Kreise willkommen heißen. Auch Ihnen hat das Treffen sehr gut gefallen. Wir freuen uns schon auf das nächste Mal.

Des Weiteren habe ich vor kurzem an der Tagung „Wege der Zusammenarbeit zwischen den ausgewanderten Siebenbürger Sachsen und den Heimatgemeinden: Kommunalverwaltung, Kirche und Diakonie, Forum" teilgenommen. (ausführlicher Bericht unter Rubrik Wissenswertes.)

Mit Erstaunen konnte ich teilhaben an den Erzählungen anderer Heimatortgemeinschaften und deren vielseitige Leistungen für den jeweiligen Heimatort. Es wurde berichtet über laufende und geplante Projekte. In kleineren Gruppendiskussionen haben die Vertreter unserer Nachbargemeinden Bithälm, Martinsdorf, Mediasch, Meschen, Wurmloch mitgeteilt, wie der Erhalt der Kulturgüter in ihren Heimatorten von ihren Mitgliedern unterstützt wird. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir gemeinsam erreichen würden, dass auch wir in Zukunft erzählen können, was wir alles für Reichesdorf auf die Beine stellen.

Nun wünsche ich allen Lesern des Reichesdorfer Boten eine frohe und besinnliche Weihnachtszeit im Kreise Eurer Lieben und einen guten Rutsch in ein neues glückliches und gesundes Jahr 2015.

 Meck

                  


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Chrestglocken

  Hier nor, em leukt, hierscht ta et schün?
Et sen de Chrestdaochsglocken !
Sa rofen alle, alle heim
da herrlich Hiemetsglocken.

Kloingt`s tea, vertrater Glockenklung
uch iwer Berch uch Tuel,
zea mengen Kängden än der Fremd ?
Ech hat en äst zem sohn.

Ech hat un sa en ienzich Bitt:
Kutt heimen ent Vueterhaus !
Saht, der Chrestdaoch weder kitt
end ladich äs as Haus.

Wa waor et iest esi feierlich,
wunn der hellich Owend kum,
zer Kirch geng alles,griuß uch klein,
wonn de Glock es ruft: Komm, komm!

De Glocken rofen en klängen noch,
ohr Kängd, wä ihr et wässt-
mir awer kennen et net sohn,
wa´t as amt Harz dron äs.-

von Mathilde Still

                  


Weihnachten 1944
  (Als ich keinen Urlaub bekam)

  Wenn es in der Welt dezembert 
und der Mond wie ein Kamembert 
gelblich rund, mit etwas Schimmel
  angetan, am Weihnachtshimmel 
heimwärts zu den Seinen irrt 
und der Tag stets kürzer wird - 
sozusagen wird zum Kurztag - 
hat das Christkindlein Geburtstag!

  Ach, wie ist man dann vergnügt,
wenn man einen Urlaub kriegt. 
Andrerseits, wie ist man traurig, 
wenn es heißt: „Nein, da bedaur ich!“ 
Also greift man dann entweder 
zu dem Blei oder der Feder 
und schreibt schleunigst auf Papier 
ein Gedicht, wie dieses hier:

  Die Berge, die Meere, den Geist und das Leben
hat Gott zum Geschenk uns gemacht; 
doch uns auch den Frieden,
den Frieden zu geben,
  das hat er nicht fertiggebracht! 

Wir tasten und irren, vergehen und werden,
  wir kämpfen mal so und mal so ...
  Vielleicht gibt's doch richtigen Frieden auf Erden?
  Vielleicht gerade jetzt? - - Aber wo? ...

von Heinz Erhardt


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Einladung zum Reichesdorfer Treffen

Diesmal geht es nicht in ferne Länder,
macht schnell ein Kreuzchen im Kalender,
für unser Treffen haltet euch bereit,
fett und rot zu eurer Sicherheit.

Lasst uns nochmal in Erinnerung versinken,
lasst uns schwatzen, essen, trinken.
Spaß haben, erzählen von unsern Sorgen,
bis spät in der Nacht, zum Sonntagmorgen.

Solche Tage geben uns die Kraft,
Das man es danach dann leichter schafft.
Sollte es euch auch so ergehen,
Hoffe ich auf ein schönes Wiedersehen.

Die Vergangenheit Revue passieren lassen,
und uns auch mit der Gegenwart befassen.
Dazu laden wir euch nach Friedrichroda ein,
zu einen gemütlichen Beisammensein.

An diesem angenehmen Ort,
Ich hoffe, wir treffen uns alle dort.
Bei ein Glase Bier, ein Gläschen Wein
Vergessen unsere Sorgen dann daheim.

Die Reichesdofer HOG lädt zum 29. -31. Mai 2015 zu unserem Heimattreffen ein.
Bitte separat zugefügtes Blatt ausfüllen und zwecks Reservierung an das:

Berghotel Friedrichroda,
Zum Panoramablick 1,
99894 Friedrichroda

zusenden.
Zusätzliche Informationen bitte dem beigefügten Anmeldeblatt entnehmen.
Ablauf des Treffens wird im nächsten Boten (Muttertag) bekanntgegeben.

Heinrich Maiterth


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Wir gestalten zusammen eine siebenbürgisch-sächsische Trachtendatenbank

Liebe Landsleute in den HOGs, wir brauchen eure Unterstützung und euer Sachwissen über die Trachten eures Ortes!

Es gibt zwar schon mehrere Sach- und Heimatbücher und viele Bilder über Trachten, doch sind die nicht so leicht zu finden oder zu erreichen wie eine Datenbank im Internet, die zusätzlich einen möglichst einheitlichen Sprachgebrauch bietet und nach identischen, gut durchdachten Kriterien aufgebaut ist!

Dies wollen wir ändern und mit einer übersichtlichen Darstellung aller Trachten nicht nur dieses besondere Kulturgut in Form einer möglichst vollständigen Dokumentation in die Zukunft retten, in eine Zeit, da unsere Trachtenkenner/innen nicht mehr gefragt werden können, sondern auch auf eine neue Entwicklung reagieren: Oft erben wir einzelne Trachtenteile (Schürzen, Hemden etc.) aus einer Ortschaft, deren Tracht wir nicht gut genug kennen, oder es ist nicht mehr klar, aus welcher Ortschaft das Kleidungsstück stammt. Damit kein Trachtenteil verloren geht, wollen wir den Personen, die bereits ein, zwei Teile besitzen, die Möglichkeit bieten, mit Hilfe einer Datenbank den richtigen Weg zur Vervollständigung einer bestimmten

Ortstracht zu finden.

Ortstracht zu finden. Um diesen Service anbieten zu können, haben sich einige Damen, die sich schon länger mit Trachten beschäftigen und ein recht umfangreiches Wissen erworben haben, zusammengesetzt und gemeinsam überlegt, wie man alle Trachten trotz ihrer Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit in die Datenbank einbinden könnte. Christa Andree, Maria Schenker, Ingrid Schiel, Christa Wandschneider und Ines Wenzel sind bereit, diese Datenbank mit ihrem Wissen beim Aufbau zu begleiten. Weitere Trachtenkenner/innen würden im Einzelfall um Rat gebeten werden.

Ute Bako möchte als Bindeglied zur SJD fungieren, und Robert Sonnleitner wird in einem weiteren Schritt die technische Umsetzung vorantreiben. Für die Koordinierung des Gesamtwerkes ist Doris Hutter zuständig. Später soll das Projekt auch mit einer Trachtenecke in der Siebenbürgischen Zeitung begleitet werden.

Was erwarten wir von euch?

Die einzelnen HOGs werden gebeten, ihre Trachten nach einem bestimmten Muster zu dokumentieren. Dafür haben Ingrid Schiel und Ines Wenzel einen Fragebogen entworfen, der detailliert auf die verschiedenen Trachten und Trachtenstücke eingeht. Ein Leitfaden zum Ausfüllen wird ebenfalls mitgeliefert. (Keine Angst, es müssen nicht alle Spalten ausgefüllt werden, nur das, was die eigenen Ortstrachten sowie das Wissen der Sachkundigen hergeben.)

Die HOG-Vorsitzenden werden gebeten, mit Hilfe dieses Schreibens, wenn möglich bis Ende März, eine/n oder mehrere Trachtenkenner/innen zu finden, die bereit sind, die Fragebögen auszufüllen.

Ines und Ingrid haben festgestellt, dass im gemeinsamen austauschenden Gespräch ein umfangreicheres Wissen über die Besonderheiten der einzelnen Trachten bzw. Trachtenteile aktiviert werden kann und raten den HOG-Vorsitzenden im besten Fall einen Arbeitskreis aus mehreren Personen zu bilden, die sich mit der Dokumentation ihrer Ortstrachten beschäftigen und sich zum Ausfüllen der Fragebögen zusammensetzen.

Hat die/der HOG-Vorsitzende seinen Trachten-Arbeitskreis (AK) gefunden, kann er bei Ingrid Schiel (ihgabel@gmx.de) oder Ines Wenzel (ines@grempels.de) die kompletten Fragebögen anfordern. Dies entweder im pdf-Format oder auf Papier (kann per Hand ausgefüllt werden) oder als Excel-Datei, je nachdem, wie der AK arbeiten möchte.

Mit der Rücksendung der ausgefüllten Fragebögen und der mit angeforderten, qualitativ möglichst hochwertigen Fotos zur zusätzlichen Dokumentation und Erklärung (und evtl. auch kleiner Filme über das Ankleiden der Tracht (z. B. das Bockeln)), wäre die Aufgabe der HOGs erstmal erfüllt.

Zum weiteren Ablauf:

1. Unser oben genanntes „Trachtengremium“ hat sich bereiterklärt, die Fragebögen auszuwerten, die Dokumentationen zu überprüfen und alles in die gewünschte einheitliche Form zu bringen.

2. Die digitalen Dateien (Texte, Fotos, Filme) werden auf siebenbuerger.de im Portal „Ortschaften“ unter der jeweiligen HOG für alle sichtbar eingestellt, zusätzlich aber auch in Daten- und Papierform für die Zukunft gesichert.

3. Robert Sonnleitner arbeitet mit weiteren Sachkundigen an der technischen Umsetzung einer für unser Projekt passenden Suchmaschine.

Liebe Landsleute, wichtig ist schon allein das Erheben und Sichern dieser Daten, unseres kulturellen Erbes, damit es nicht noch weiter verloren geht! Siebzig Jahre nach der Evakuierung der Sachsen aus Nordsiebenbürgen ist es fünf vor zwölf, um dieses Wissen zu sichern. Bitte unterstützt daher die Erfassung unserer einzigartigen Trachten, indem ihr mitmacht. Unsere Nachkommen werden diese Datensammlung schätzen!

Ich danke jetzt schon für eure Mühe!

Doris Hutter


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Wissenwertes
Stimmungswandel zugunsten Siebenbürgens

Die Tagung „Wege der Zusammenarbeit zwischen den ausgewanderten Siebenbürger Sachsen und den Heimatgemeinden: Kommunalverwaltung, Kirche und Diakonie, Forum“ fand vom 31. Oktober bis 2. November in Bad Kissingen statt. Dazu hatte die Bildungs- und Begegnungsstätte „Der Heiligenhof“ zusammen mit dem Verband Siebenbürgisch-Sächsischer Heimatortsgemeinschaften eingeladen. Das große Interesse, 110 Teilnehmer, davon allein 15 aus Siebenbürgen, bescherte Studienleiter Gustav Binder und dem „Heiligenhof“ ein volles Haus. Die Einsicht, dass die menschlichen Kräfte abnehmen, hat in den letzten Jahren zu einer wesentlich besseren Stimmung und Effizienz in der Zusammenarbeit geführt. Das herausragende Beispiel Bistritz und viele andere Projekte verdeutlichen: Das Bekenntnis zum siebenbürgisch-sächsischen Kulturerbe, das Verständnis füreinander und der gemeinsame Einsatz zugunsten der Menschen führen zum Erfolg. Die Tagungsteilnehmer zeigten eine große Offenheit und Entschlossenheit, die schwierigen Aufgaben in Siebenbürgen gemeinsam zu schultern.

„Was geschieht mit den Dörfern, in denen kaum noch Siebenbürger Sachsen leben?“, fragte Martin Bottesch, Vorsitzender des Siebenbürgenforums, in seinem Grußwort. Das Deutsche Forum sei vor 25 Jahren gegründet worden und verfolge heute die gleichen Ziele wie damals, aber unter anderen Umständen: Von 120.000 Deutschen seien nur noch knapp 40.000 in Rumänien geblieben. „Deshalb haben wir eingesehen, wie wichtig die Heimatortsgemeinschaften sind.“ Aufgrund seiner Erfahrung als Hermannstädter Kreisratsvorsitzender 2004 bis 2012 sprach Bottesch über die Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen den HOGs und den lokalpolitischen Verwaltungen. Er lobte die Stadt Bistritz als Vorbild, was die Klarheit des Bekenntnisses und die Unterstützung für das siebenbürgisch-sächsische Kulturerbe betrifft. Bottesch empfahl den HOG-Vertretern, ihre Vorhaben der kommunalen Verwaltung bekannt zu machen, um Wohlwollen zu erzielen. Die politischen Gemeinden könnten beispielsweise Mittel für in Rumänien anerkannte Kirchen gemäß Regierungsverordnung 82/2001 (novelliert 2013) bereitstellen. Beim Erhalt der vielen Baudenkmäler, die in kirchlichem Besitz seien, komme den lokalen Initiativen und vor allem den HOGs eine besondere Rolle zu.

Auch für die Kirche sei die Zusammenarbeit mit den Heimatortsgemeinschaften sehr wichtig, betonte Landeskirchenkurator Friedrich Philippi. „Viele von Ihnen, die HOG-Vorsitzende sind, wären heute Kuratoren in Ihren Gemeinden“, gab er zu bedenken. 80 HOG-Treffen in Deutschland und 14 Heimattreffen in Siebenbürgen hätten in diesem Jahr stattgefunden, stellte Friedrich Philippi fest. Zu jedem HOG-Treffen, das auf diese Weise bekannt werde, schreibt Bischof Reinhart Guib ein Grußwort. In seinem Vortrag bot Philippi eine Übersicht der vielseitigen diakonischen Einrichtungen, Altenheime, Pflegestationen, Aktionen „Essen auf Rädern“, die in der Kirche auf Landes-, Bezirks- und Gemeindeebene funktionieren. Er dankte den vielen Helfern und Spendern, dem Sozialwerk und Heimatortsgemeinschaften, die vielen ein menschenwürdiges Leben ermöglichten. „Durch diesen Dienst am Nächsten bleibt unsere Kirche glaubwürdig“, betonte der ehemalige Gymnasiallehrer.

Ein Grußwort des Bundesvorsitzenden des Verbandes der Siebenbürger Sachsen, Dr. Bernd Fabritius, übermittelte Doris Hutter, Stellvertretende Bundesvorsitzende. Fabritius ermunterte die Tagungsteilnehmer, „bei der Suche nach Wegen der Zusammenarbeit nicht nur die verschiedenen Ebenen wie Diakonie und Politik, wie HOG und Landsmannschaft im Blick zu haben, sondern auch ganz bewusst neue Wege der Zusammenarbeit auszuloten“. Nach etlichen Jahren der Entfremdung gegenüber ihrer siebenbürgischen Heimat sei ein umgekehrter Prozess festzustellen: Viele Siebenbürger Sachsen in Deutschland wenden sich nun bewusst ihren Wurzeln zu.

Hans Gärtner, Vorsitzender des HOG-Verbandes, der zusammen mit dem stellvertretenden Vorsitzenden Heinz Hermann die Tagungsleitung inne hatte, bestätigte, dass man auf „gleicher Augenhöhe“ miteinander spreche, denn „es gebe nur ein einziges Wir und einen einzigen Siebenbürger Sachsen“. Die evangelische Kirche habe für 2014 das „Jahr der Diakonie“ ausgerufen. Dieses Thema werde auch für uns immer akuter, die Leute würden älter und bedürften unserer Unterstützung.

„Was die Menschen wirklich wollen“, präsentierte Pfarrer Dr. Stefan Cosoroaba, Referent für institutionelle Kooperation der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien (EKR), anhand einer Umfrage, die das IRSOP-Forschungsinstitut im letzten Jahr unter den Mitgliedern der EKR und den rumänischen Mitbewohnern durchgeführt hatte. Die 12.984 Mitglieder weisen einen hohen Bildungsgrad auf, identifizieren sich in hohem Maße mit ihrer Kirche, den Gottesdiensten, Pfarrern, und wollen zu 83 Prozent die sächsischen Traditionen in Stadt und Dorf erhalten, trotz altersbedingter Beschwernisse oder Einsamkeit. 92 Prozent der Befragten erwarten von der Kirche, dass sie die deutschsprachigen Schulen unterstützt, und ebenso viele wollen, dass Kontakt zu den Landsleuten in Deutschland gepflegt wird. Aufgrund der Umfrage empfiehlt IRSOP, institutionelle Mittel und Strategien zu entwickeln, um die evangelischen Gemeinden besser zu betreuen und eine Anpassung an das Leben der rumänischen Gesamtgesellschaft zu gewährleisten.

Eine neue Möglichkeit, die Kirche zu unterstützen, steht den ausgewanderten Siebenbürger Sachsen durch die Sonder- oder Vollmitgliedschaft in ihren früheren Kirchengemeinden offen. Die Jahresbeiträge seien gering, viel wichtiger sei jedoch der moralische und persönliche Einsatz für die Kirchgemeinde, betonte Friedrich Gunesch, Hauptanwalt der Landeskirche: „Wir wollen Leute vor Ort einbinden, in die Pflicht nehmen, deshalb sollten Anträge auf Mitgliedschaft grundsätzlich persönlich vor Ort gestellt werden.“ Die HOG-Vertreter wollen die Informationen über die Zweitmitgliedschaft in der Heimatkirche in einer einfachen, verständlichen Form unter ihren Landsleuten verbreiten.

Ortwin Hellmann, Leiter des Altenheims in der Blumenau und Kronstädter Bezirkskirchenkurator, berichtete über die Alten- und Hospizarbeit in Siebenbürgen und speziell in Kronstadt. Das Altenheim Blumenau bietet seinen Heimbewohnern heute, ähnlich wie das Carl-Wolff-Altenheim in Hermannstadt, einen westlichen Standard. Dafür ist ein erheblicher Einsatz der Verwaltung und des Personals nötig, wie Hellmann ausführte.

Dr. Johann Kremer, Forstwissenschaftler und Vorsitzender des Sozialwerks der Siebenbürger Sachsen, zeigte in seinem Vortrag „Helft uns helfen“ die Aufgaben und Möglichkeiten der vielfältigen sozialen Hilfen für Siebenbürgen auf. Er berichtete über die Leistungen des Sozialwerks und die sehr gute Zusammenarbeit mit der Saxonia Stiftung. Zudem seien Fortbildungskurse angedacht, um das vorhandene Vermögen der Kirchengemeinden besser zu verwalten.

Sonntag, den 2. November, leitete Pfarrer Klaus Untch (Hermannstadt) mit einer Andacht zum Reformationsfest ein. Die Botschaft der Reformation sei Anlass zur Freude. Erfreulich sei auch, dass in den letzten Jahren so viele Hürden zwischen den Siebenbürger Sachsen weggefallen seien. „Die Tatsache, dass wir Sie mitbegleiten dürfen, macht uns Hoffnung“, sagte Untch.

Philipp Harfmann (Hermannstadt) stellte die Stiftung Kirchenburgen der Evangelischen Kirche in Rumänien A.B. vor. Sie wurde in diesem Jahr gegründet, um die Effizienz beim Erhalt und Pflege des kirchlichen Kulturerbes zu verbessern, zum Beispiel durch Projektmitteleinwerbung und Öffentlichkeitsarbeit. Die Doppelschirmherrschaft der Staatspräsidenten Rumäniens und Deutschlands sei ein Novum für beide Länder.

Die Organisation der Stiftung Kirchenburgen ist präzise durchdacht: das Kuratorium überwacht die Tätigkeiten, der Vorstand trifft Entscheidungen, das Stiftungsbüro, in das die bisherige Leitstelle Kirchenburg einfließen wird, leistet die eigentliche Arbeit, unterstützt von einem wissenschaftlichen Beirat sowie einem Freundes- und Förderkreis, der nach deutschen Recht gegründet werden soll. Friedrich Gunesch bezeichnete die Stiftung Kirchenburgen als eines der wichtigsten Vorhaben der Landeskirche, die ihre Arbeit zum Erhalt des Kulturerbes auf diese Weise fortsetzen wird.

Hans Gärtner betonte: „Wir sollten diese Stiftung zu unserer Stiftung machen, damit wir das Kulturerbe erhalten können.“ Er kündigte an, dass sich die Heimatortsgemeinschaften im Förderkreis einbringen werden.

Praktische Modelle der Zusammenarbeit wurden aus Heltau und Zeiden präsentiert. Die Heltauer Lehrerin Margot Kezdi sprach über die „geschwisterliche Zusammenarbeit“ der HOG Heltau und der Kirchengemeinde. So werden Menschen durch seelsorgerischen Beistand, medizinische oder finanzielle Hilfen bestens betreut.

Die HOG sei ein stets offener und hilfsbereiter Partner. So konnte die Krankenschwester Maria Cândea bei der Diakonie in Hermannstadt angestellt werden, eine Stelle, die von der HOG Heltau finanziert wird. Frau Cândea berichtete über ihre ambulante Hilfe und Hausbesuche, die sie täglich durchführt. Ihr Einsatz zeugt von einer hohen menschlichen Einfühlsamkeit.

Heinz Walter Hermann, Vorsitzender der HOG Heltau, betonte: „Wir wollen nicht nur Steine, sondern auch eine lebendige Gemeinde erhalten.“ Das „Heltauer Modell“ besteht darin, dass in Heltau die Kindertanzgruppe, der Kinderchor, die Kirchengemeinde vieles mit Leben füllen, und dass die HOG Heltau sie dabei unterstützt. Auch die politische Gemeinde fördert die Kulturarbeit der Kirchengemeinde; der Stellvertretende Bürgermeister Johann Krech ist gleichzeitig Kurator der Kirchengemeinde.

Pfarrer Andreas Hartig und Rainer Lehni, Vorsitzender der Zeidner Nachbarschaft in Deutschland, berichteten über die Zusammenarbeit der Zeidner von hüben und drüben. Größtes Projekt sei die fünfjährige Sanierung der Prause-Orgel, die Anfang August 2014 bei der vierten Zeidner Begegnung eingeweiht wurde. Die Siebenbürger Sachsen finden ein offenes Ohr beim Bürgermeisteramt; so empfing Bürgermeister Catalin George Muntean den Vorstand der Zeidner Nachbarschaft zu einem Gespräch.

Auch in Arbeitsgruppen wurden, nach Kirchenbezirken, Wege der Zusammenarbeit ausgelotet. Dabei wurde festgestellt, dass schon seit Jahren vieles geschieht, bei der Renovierung von Kirchen, Pfarrhäusern und anderen Gemeinschaftsbauten, der Friedhofspflege, der humanitären Hilfe für Landsleute, aber auch neue Wege wie die Sicherung der Kirchenarchive, Veranstaltung von Jugendbegegnungen, Reisen oder Heimattreffen sind möglich. Günter Czernetzky (Schäßburg) regte an, innovative Wege zu gehen, um älteren Landsleuten aus Deutschland zu ermöglichen, ihren Lebensabend in gemeinschaftlichen Einrichtungen und Altenheimen in Siebenbürgen zu verbringen.

Horst Göbbel (HOG Bistritz-Nösen) berichtete über die Gedenkveranstaltungen 70 Jahre nach der Flucht und Evakuierung, die Einweihung eines Denkmals in Bistritz und die Städtepartnerschaft zwischen Wels und Bistritz. Die Zusammenarbeit mit der Stadt und Bürgermeister Ovidiu Cretu bezeichnete Göbbel als „Gottesgeschenk“. „Wir hoffen, dass es Schule macht.“

Über die sehr gelungene Veranstaltung freute sich Studienleiter Gustav Binder, der abermals für beste Rahmenbedingungen gesorgt hatte. Die Tagung, die vom Bundesministerium des Inneren gefördert wurde, sei eine gute Möglichkeit, den politischen Dialog und die Zivilgesellschaft zu stärken.

Siegbert Bruss
aus Siebenbürger Zeitung


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HOG-Verband neu strukturiert

Der Verband der Siebenbürgisch-Sächsischen Heimatortsgemeinschaften hat sich in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung am 1. November 2014 in Bad Kissingen neu strukturiert. Die 72 anwesenden HOG-Vertreter stimmten einstimmig dafür, die Regionalgruppen nach dem Prinzip der Kirchenbezirke zu gliedern.

Zwei Ausnahmen sind die Regionalgruppen Burzenland und Nordsiebenbürgen, die historisch gewachsene Regionen darstellen und ihre Arbeit in der bewährten Zusammensetzung mit den bereits gewählten Regionalgruppenleitern fortsetzen werden: Karl-Heinz Brenndörfer bzw. Horst Göbbel. Als neue Regionalgruppenleiter wurden gewählt: Hermannstadt (mit Harbachtal): Helga Lutsch, Kronstadt (Repser und Fogarascher Land): Michael Folberth; Mediasch: Peter Doniga; Mühlbach: Uwe Adami; und Schäßburg: Lukas Geddert.


Eine Ergänzungswahl wurde nötig, nachdem Dr. Hans Georg Franchy sein Amt als stellvertretender Vorsitzender aus privaten Gründen niedergelegt hatte. Neuer stellvertretender Vorsitzender des HOG-Verbandes ist Alfred Gökeler (Mediasch).

Da sich der HOG-Verband neu aufstellen und mehr Aufgaben als bisher wahrnehmen will, wurde der Jahresbeitrag, den die Heimatortsgemeinschaften an ihren Dachverband leisten, im Durchschnitt um 50 Prozent erhöht. Er beträgt zwischen 50 und 300 Euro, gestaffelt nach der Einwohnerzahl der Heimatgemeinden im Jahr 1970.

Die Satzung des HOG-Verbandes wurde durch präzisere Formulierungen leicht angepasst. Eine Änderung betrifft den erweiterten Vorstand, dem der gewählte Vorstand, die Regionalgruppenleiter, der Bundesvorsitzende des Verbandes sowie je ein Vertreter der Heimatkirche, des Forums, der Gemeinschaft Evangelischer Siebenbürger Sachsen und der SJD angehören.

Zudem wurden die Heimatortsgemeinschaften gebeten, ihren Heimatblättern ein Werbeblatt für den Verband der Siebenbürger Sachsen beizulegen. Hans Gärtner betonte, dass ein starker Verband für uns alle sehr wichtig sei.

Der Vorsitzende freute sich, dass die Umstrukturierung der Regionalgruppen positiv angenommen wurde: „Es liegt jetzt an uns allen, die Regionalgruppen mit Leben zu erfüllen und interessante Aufgaben zu generieren und umzusetzen.

Die Beitragsanpassung, die mit großer Mehrheit (84% der Stimmen) befürwortet wurde, ist eine notwendige Maßnahme, um diese Aufgaben auch umsetzen zu können. Ich bin überzeugt, dass wir jetzt mit dem HOG-Verband auf einem guten Weg sind, unsere Ziele auch umzusetzen, wobei das wichtigste Ziel bleibt, die Gemeinschaft aller Siebenbürger Sachsen zu erhalten.“

aus der Siebenbürgischen Zeitung


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Geschichte
Einige Täter sind bis heute in Amt und Würden

Ex-Staats- und Parteichef Nicolae Ceau?escu (M.) am 24. November 1989 – etwa einen Monat später wurde er gestürzt. (picture-alliance / dpa / epa afp)

In Rumänien wurden Menschen im Namen des Kommunismus misshandelt, inhaftiert und getötet. Mit der politischen Wende 1989 kam das Vertuschen und Verschweigen. Erst jetzt beginnt die Aufarbeitung.

Ein Treppenhaus in Bukarest. Hier im Zentrum der rumänischen Hauptstadt liegt die Altbauwohnung von Alexandru Vi?inescu. Der 88-Jährige war im stalinistischen Rumänien Gefängniskommandant. Ihn will ich sprechen:

„Guten Tag!“
„Wer ist da?“
„Wir sind vom deutschen Radio …“

Eine aufgebrachte Nachbarin erscheint auf dem Flur. Sie schimpft. Ich soll den Mann in Ruhe lassen. Er ist alt und krank. Ich versuche trotzdem eine Frage zu stellen. „Nein“, ruft die Nachbarin mir lautstark entgegen. Ich soll gehen und ihn in Ruhe lassen. Plötzlich öffnet der alte Mann seine Wohnungstür. Er ist klein und verblüffend agil, hat kurze weiße Haare und einen stechenden Blick. Wütend stürmt Alexandru Vi?inescu los, schlägt um sich und schreit:

„Raus mit euch! Ihr habt kein Recht, hier aufzutauchen! Raus!“
„Darf ich Ihnen vielleicht …“
„Das interessiert mich nicht! Raus mit euch! Verdammt nochmal!“
Wir gehen. Alexandru Vi?inescu schimpft weiter.

Der alte Mann war in den 1950er- und 1960er-Jahren Kommandant mehrerer Gefängnisse, in denen politische Häftlinge unter extrem unmenschlichen Bedingungen eingesperrt waren. Vi?inescu ließ sie systematisch hungern und häufig in Dunkelzellen sperren, verweigerte ihnen medizinische Hilfe und Medikamente. Viele ältere Gefangene, darunter prominente Politiker der rumänischen Zwischenkriegszeit, starben unter diesen Bedingungen.

Anzeige wegen Völkermordes

Im August diesen Jahres erfuhr erstmals eine breite rumänische Öffentlichkeit von Vi?inescus Biografie. Publik gemacht hatte sie das Bukarester „Institut zur Erforschung der kommunistischen Verbrechen“. Der Leiter des Institutes, Andrei Muraru, kündigte an, dass man gegen 35 ehemalige Gefängnisdirektoren Anzeige erstatten werde, wegen inhumaner Behandlung von Gefangenen, Mordes und Völkermordes. Alexandru Vi?inescu war der Erster auf der Liste. Anfang September nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf. Die Chancen, dass es zur Anklage kommen werde, stünden gut, glaubt Andrei Muraru, dessen Forschungsinstitut die Vorwürfe erhob:

„Ich denke, der Prozess gegen Vi?inescu könnte schon nächstes Frühjahr beginnen. Es ist gut möglich, dass er und andere verurteilt werden, denn wir haben handfeste Beweise vorgelegt. Aufgrund ihres hohen Alters werden diese Leute vermutlich nicht mehr ins Gefängnis kommen, aber ihre Schuld wird offiziell anerkannt sein, sie werden auch militärisch degradiert werden und ihre Renten verlieren. Natürlich muss man rechtsstaatliche Grundsätze einhalten, aber auf irgendeine Weise müssen sie bezahlen für ihre Verbrechen, dann wird der Gerechtigkeit Genüge getan.“

Der Fall Vi?inescu war der Auftakt zu einer so breiten öffentlichen Debatte über den kommunistischen Repressionsapparat in Rumänien, wie es sie nach dem Sturz des Diktators Ceau?escu im Dezember 1989 noch nicht gegeben hat. Doch nicht nur berichten die meisten Medien seit Monaten prominent über die Kampagne des „Institutes zur Erforschung der kommunistischen Verbrechen“ – auch dass die Staatsanwaltschaft im Fall Vi?inescu ermittelt, ist ein Novum in Rumänien.

„Wir sind Zeugen eines Generationenwechsels“

Bisher wurden in ähnlichen Fällen erst gar keine Ermittlungen aufgenommen, oder aber es hieß, die Straftatbestände seien bereits verjährt. Andrei Muraru erklärt sich den Umschwung so:

„Ich denke, wir sind Zeugen eines Generationenwechsels. Ich selbst bin einunddreißig Jahre alt, die Staatsanwälte mit denen wir sprechen, sind zwischen dreißig und vierzig. Es ist eine Generation, die beginnt, Fragen über die Vergangenheit zu stellen. Zugleich gibt es einen politischen Konsens über diese Initiative. Wir sind nicht mehr im Jahre 1990, als die Machthaber alles dafür taten, solche investigativen Untersuchungen zu verhindern. Dieser Moment eines Konsenses kommt sehr spät, aber besser spät als gar nicht.“

Zu Besuch bei Cristinel und Aurora Dumitrescu, zwei Eheleute in den Achtzigern: An diesem Abend haben sie einige Freunde in ihr kleines Bukarester Stadthaus eingeladen. Aurora Dumitrescu zeigt auf eine zehn Jahre jüngere Freundin und scherzt bitterböse:

„Sie ist noch jung und war erst später dran. Aber ich bekam das Beste, was der Kommunismus zu bieten hatte, gleich am Anfang.“

Alle in dieser Abendrunde waren in den 1950er- und 60er-Jahren politische Gefangene. Aurora Dumitrescu, geboren in Nordwestsiebenbürgen, wurde 1951 verhaftet, als sie neunzehn war. Ihr Vergehen: Sie hatte sich drei Jahre zuvor einer antikommunistischen Jugendgruppe angeschlossen. Über vage Pläne zum Freiheitskampf kamen die jungen Leute nie hinaus – doch Aurora Dumitrescu erhielt dafür sechs Jahre Gefängnis. In der Untersuchungshaft wurde sie mehrmals schwer geschlagen. Ein Vernehmer brach ihr die rechte Hand – sie ist bis heute verkrüppelt.

Aurora Dumitrescu: „Sie haben uns nicht wie Menschen behandelt. Es ging darum, uns auszulöschen. Ich habe nur überlebt, weil ich neunzehn war, viele, die älter waren, starben.“

Sadistisches Vergnügen an Beschimpfungen

Im südrumänischen Frauengefängnis Mislea traf Aurora Dumitrescu auf den Kommandanten Alexandru Vi?inescu. Er persönlich habe sie nicht geschlagen, erzählt die alte Dame, aber er habe sie wegen Kleinigkeiten ständig in die Dunkelzelle sperren lassen und ein sadistisches Vergnügen an Beschimpfungen gehabt.

Aurora Dumitrescu: „Kurz bevor Vi?inescu im Frauengefängnis Mislea Kommandant wurde, im Sommer 1953, durfte ich zum ersten Mal meiner Mutter schreiben und sie um ein Paket mit Lebensmitteln bitten. Sie hatte seit achtzehn Monaten nichts von mir gehört. In der Hoffnung mich zu sehen, fuhr sie den ganzen langen Weg von Siebenbürgen nach Südrumänien und wollte das Paket persönlich überbringen. An dem Tag, als sie ankam, saß ich wieder einmal in der Dunkelzelle. Vi?inescu ließ sie abweisen mitsamt dem Paket, und meine Mutter fuhr verzweifelt weg, in der Überzeugung, ich sei tot. Sehen Sie, so war Vi?inescu. Dass ich immer wieder ein, zwei, drei Tage Dunkelarrest hatte, naja, so war das eben. Aber für die Tränen meiner Mutter soll seine Seele in der Hölle schmoren.“

Auch Nina Moica sitzt an diesem Abend in der Runde der ehemaligen politischen Gefangenen:

„Wie kann es sein, dass so viele ältere Leute behaupten, sie hätten von nichts gewusst, wenn doch überall Massenverhaftungen stattfanden?“

Nina Moica ist siebzig Jahre alt, eine schöne, jung gebliebene Dame, die große Würde ausstrahlt. Sie wurde verhaftet, als sie fünfzehn war, ebenfalls wegen Mitgliedschaft in einer antikommunistischen Jugendgruppe – und bekam zwanzig Jahre Gefängnis dafür. Mit ihr zusammen wurde ihr völlig ahnungsloser Vater verurteilt, zu sechs Jahren.

Bis zur Volljährigkeit in Einzelhaft

Nina Moica verbrachte die Zeit bis zur Volljährigkeit in Einzelhaft, danach musste sie Zwangsarbeit leisten, 1963 kam sie nach fünf Jahren vorzeitig frei. Eigentlich hatte sie studieren wollen. Stattdessen wurde sie Buchhalterin und schlug sich durch:

„Sie haben mir meine Jugend gestohlen und mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Ich habe von einem anderen Leben geträumt. Nun ja, so war das eben. Immerhin wurde ich nicht geschlagen. Aber all die Demütigungen, die Beschimpfungen, die Kälte, der ständige Hunger, das Fehlen irgendwelcher Hygienemöglichkeiten für Frauen und vor allem, dass sie Minderjährige nicht anders behandelten als Erwachsene – all das war sehr schlimm.

Ich glaube nicht, dass die ehemaligen Gefängniskommandanten und diejenigen, die uns verurteilt haben, bestraft werden. Die meisten von ihnen sind ruhig im Bett gestorben und hatten sehr hohe Renten. Für diejenigen, die noch am Leben sind, wird man einen Weg finden, damit auch sie ein ruhiges Ende genießen dürfen.“

So skeptisch wie Nina Moica sind auch die anderen in der Runde. Anders als der optimistische junge Leiter des „Institutes zur Erforschung der kommunistischen Verbrechen“ glauben sie nicht daran, dass die ehemaligen Gefängnisdirektoren verurteilt werden. Tatsächlich hat ein vollständiger Generationswechsel in Rumänien bisher nicht stattgefunden. Von den Angehörigen des Staatssicherheits- und Repressionsapparates der 1950er- und frühen 1960er-Jahre leben nur noch wenige – doch viele ihrer Nachfolger sind bis heute im Amt.

Eine undurchdringliche Mauer des Schweigens

Miercurea Ciuc, eine Kreisstadt in den Ostkarpaten: Im ersten Stock des Polizeipräsidiums befindet sich das Büro von Radu Moldovan. Der Kreispolizeichef ist nicht zu sprechen – jedenfalls nicht, wenn man ihn zu seiner Vergangenheit befragen will. Moldovan ist heute vierundfünfzig – und war von 1985 bis 1991 leitender Vernehmungsbeamter der Miliz, einer gefürchteten Ermittlungseinheit der Polizei. Er soll unter anderem Jugendliche misshandelt haben, die politisch auffielen oder versuchten über die Grenze in das relativ liberale Ungarn zu fliehen.

Schon einmal, im Jahr 2008, erstattete das „Institut zur Erforschung der kommunistischen Verbrechen“ deswegen Anzeige gegen Moldovan. Doch dann zogen die meisten Zeugen ihre Aussagen zurück – und die Militärstaatsanwaltschaft nahm keine strafrechtlichen Ermittlungen auf.

Heute stoßen Journalisten auf eine undurchdringliche Mauer des Schweigens und der Angst, wenn sie in der Stadt nach der Biografie des Kreispolizeichefs fragen. Nach langwierigen Recherchen tauchen einige Betroffene auf, die von Moldovan misshandelt wurden, doch sie wollen nicht öffentlich sprechen, nicht einmal anonym, aus Angst, die Details könnten sie identifizieren. Sie befürchten Schikanen oder gar Repressalien, auch gegen ihre Familien.

Ein einziger Betroffener ist bereit, Zeugnis abzulegen – wohl auch, weil er weit entfernt lebt: Mihály András, heute wohnhaft in Dallas im US-Bundesstaat Texas. Er erzählt mir seine Geschichte via Internet:

„Es war an einem Abend im Februar 1988, da war es wie üblich eisig kalt, aber ich wollte nur schnell Zigaretten kaufen und zog deshalb eine dünne Jacke an. Auf dem Rückweg traf ich einen guten Freund, wir waren damals Nachbarn und gingen zusammen nach Hause. Als wir gerade die Straße am großen Platz im Zentrum überqueren wollten, hielt plötzlich ein blauer Geländewagen der Miliz vor uns an. Vier Soldaten mit Gewehren sprangen heraus, angeführt von Moldovan.“

„Sie haben uns mit Gewehrkolben verprügelt“

Mihály András, geboren 1963, war als Jugendlicher frech, vorlaut, rebellisch – und er hasste die Ceau?escu-Diktatur. Schon als Schüler schmierte er Toiletten mit dem Wort „Freiheit!“ voll und sang auf der Straße verbotene Lieder.

„Sie fingen an, auf uns einzuschlagen. Sie haben uns mit Gewehrkolben und Stiefeln verprügelt, bis wir am Boden lagen. Dann haben sie uns ins Auto getragen und rasten davon. Wir fuhren vielleicht zwanzig Minuten. Dann hielten sie an, zerrten uns heraus und warfen uns in den Schnee, mitten im Wald. Es war bestimmt minus 28, 30 Grad. Wohl durch die Kälte kamen wir irgendwann wieder zu uns. Überall an uns klebte gefrorenes Blut.“

Warum dieser Überfall? Der Mann überlegt. Nach dem Abitur hat Mihály András als Schlosser gearbeitet. Eines Nachts klebte er an ein Kaufhausfenster ein Ceau?escu-Bild mit den Worten „Nieder mit der Diktatur“. Das war 1983. Er kam für zehn Tage in Untersuchungshaft. Doch man konnte ihm nichts nachweisen. Zwei Jahre später, 1985, wurde Radu Moldovan Ermittler der Polizei. Damals versuchte er mehrmals, Mihály András als Informanten zu gewinnen – doch der lehnte ab. Womöglich war das der Grund für den Überfall.

Mihály András: „Unser Glück war, dass sie uns nicht zu weit vom Auto weggeschleift hatten. In jener Nacht schien der Mond, und wir fanden die Spuren des Geländewagens. Wir folgten ihnen und kamen an eine Straße, dort hielten wir dann einen Wagen an, der uns in die Stadt brachte. Zwei Monate später bin ich aus Rumänien nach Ungarn abgehauen. Ich dachte, wenn ich bleibe, bringen sie mich um.“

Karriere nach dem Sturz der Diktatur fortgesetzt

Der Kreispolizeichef Moldovan konnte seine Karriere nach dem Sturz der Diktatur fortsetzen und darf sich auf eine auskömmliche Rente freuen. Abgesehen von der erfolglosen Strafanzeige gegen ihn im Jahre 2008 hat das „Institut zur Erforschung der kommunistischen Verbrechen“ bisher keine Kampagne gegen noch aktive Beamte des früheren Repressionsapparates unternommen – nur Gefängnisdirektoren der 1950er-Jahre wurden angezeigt. Aber das sei nur der Anfang, ist sich Institutsleiter Andrei Muraru sicher:

„Es war klar, dass wir mit den 1950er-Jahren beginnen mussten. Diese Gefängnisdirektoren sind sehr alt, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie sterben, ist relativ hoch, viel höher als bei den Securitate-Offizieren der 1970er- und 80er-Jahre, aber wir kommen auch noch zu denen, da können Sie sicher sein. Außerdem mussten wir mit Leuten anfangen, die schreckliche sichtbare Verbrechen begangen haben, wo es konkrete Opfer gibt. Die Diskussion wäre niemals so groß gewesen, wenn wir Securitate-Offiziere angezeigt hätten, die nur Papiere unterzeichneten. Aber wir werden ganz sicher auch zu diesen Verbrechen kommen, zu den Verbrechen beim Sturz Ceau?escus oder, wie wir es für nächstes Jahr planen, zu den Fällen der Leute, die bei der Flucht aus Rumänien an der Grenze erschossen wurden.“

von Keno Verseck


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Liebe Reichesdorfer

Ich möchte euch gerne Einiges vom Treffen im August und anderen Themen rund um Reichesdorf berichten.

Totgesagte leben länger, heißt es. Obwohl Gerüchten zufolge das Treffen ohne Teilnehmer hätte stattfinden sollen, sind wir zahlenmäßig wie schon 2012 bei etwa 75 Personen verblieben. Man kann sagen, es war ein gelungenes Fest. Das Wetter hat gut mitgespielt, obwohl es uns vom Grillen am Waldrand ferngehalten hat. Im Saal und Saalhof war es aber auch gemütlich.

Das Essen ließ dieses Mal keine Wünsche offen! Einfach köstlich, was Anisoara und ihr Team für uns zauberten! Mul?umim!

Auch Tony und Gerrit Timmerman sei für das gute Gelingen des Treffens und das gespendete Fass Bier herzlich gedankt!

Ein Wermutstropfen war, dass die angekündigte Einweihung der restaurierten Orgel nicht stattfinden konnte. Wir alle wissen jedoch, dass die Uhren in Rumänien etwas anders gehen, sie war im August eben noch nicht fertiggestellt. Der Gottesdienst, den unser Pfarrer Ulf Ziegler hielt und den Frau Müller an der elektronischen Orgel begleitete, war dennoch schön und bewegend. Im Anschluss führte Hans Schaas wieder Interessierte auf seine unverwechselbare Weise durch die Geschichte der Kirche. Wir sind dankbar, dass er sich so tapfer für Kirche und Dorf hält!

Erfreulich war, dass, nachdem ich alle Leistungen beglichen hatte, noch eine brauchbare Geldsumme übrig blieb, die wir, wie schon 2012, als Spende im Dorf lassen konnten. Den Zweck der Spende durfte ich mir aussuchen. Der Holzzaun des Burghüterhofes muss erneuert werden, im Saal soll der Parkettboden abgeschliffen und behandelt werden, für die Orgel wird wohl auch noch Geld gebraucht ... Da wir schon vor zwei Jahren für den Holzzaun gespendet hatten, habe ich mich dafür entschieden. Will Untch meinte, dass man jetzt eventuell mit der Erneuerung des Zauns anfangen könne, bisher hätte das Geld einfach noch nicht gereicht.

In Reichesdorf wurde der Verein Asociatia Pro Richis gegründet. Aus Spenden an diesen Verein wurden z. B. die Toiletten im Saalhof gebaut. Weitere Projekte, wie einen Brunnen graben für die Wasserversorgung der Saalküche, die Brücke auf dem Markt erneuern usw., sind geplant. Ich persönlich hatte den Eindruck, dass den Verantwortlichen vor Ort die Unterstützung dieses Vereins wünschenswert wäre, sollten wir uns einbringen wollen. Als HOG könnten wir projektbezogen tätig werden.

Ich erwog auch die Möglichkeit einer Partnerschaft Reichesdorfs mit einer hiesigen Gemeinde, nach Meschner Modell. Mittlerweile und nachdem ich mich umfassend informiert habe, sehe ich das zwar nicht als unmöglich, aber zum jetzigen Zeitpunkt als nicht machbar an.

Momentan überlege ich, eventuell einen Förderverein für die Asociatia Pro Richis zu gründen. Hier in Nordheim habe ich auch schon einige Sympathisanten hierfür gefunden. Das wäre natürlich jede Menge Arbeit für mich und ich hoffe, auch unter euch Gleichgesinnte zu finden. Wer Interesse daran hat, Reichesdorf auf diese Weise zu unterstützen, soll sich einfach bei mir melden!


Immer mal wieder gibt es Beschwerden über den Zustand des Friedhofes in Reichesdorf, und im Vorstand ist das ein Dauerthema. Einige von uns sind der Meinung, dass die HOG die Pflege des Friedhofs nicht länger tragen soll. Diese Meinung kann ich nicht teilen - es fällt mir schwer, einer Gemeinschaft anzugehören, die die letzte Ruhestätte ihrer Väter sich selbst überlässt. Ich kann natürlich nicht sagen, inwiefern unsere Nachkommen sich hier einbringen werden, doch solange unter uns noch Leute sind, die die Gräber ihrer Familienmitglieder besuchen wollen, sind wir verpflichtet, ihnen das zu ermöglichen! Ich war im Sommer dort und fand denselben ordentlich vor. Es kann der Friedhof in Reichesdorf nicht mit einem hiesigen verglichen werden! Doch mit zwei-, dreimal Grasmähen im Jahr und durch Schneiden der Hecken und Bäume kann der Verwilderung gut entgegengewirkt werden. Umgekippte Grabsteine müssten wieder aufgerichtet werden - es kann auch hier, ich bin sicher, eine Lösung gefunden werden! Noch mal zurück zum Treffen: Ich möchte mich bei allen Reichesdorfern und Freunden, die in Reichesdorf dabei waren, herzlich bedanken! Jeder einzelne hat auf besondere Weise zum Gelingen des Treffens beigetragen. Ein besonderer Dank geht an Marius Alzner, Sohn von Walter und Margit, für sein ergreifendes Trompetenspiel im Gottesdienst und im Saal! So manche Träne wurde bei den Klängen unseres Reichesdorfer Heimatliedes in den vertrauten Mauern unserer Kirche verdrückt und auch vergossen! Ein weiteres schönes Beispiel dafür, dass gemeinsam etwas bewegt werden kann, soll euch meine im Sommer erlebte kleine Geschichte erzählen. Der Saal in Reichesdorf wurde nach und nach aus seinem Dornröschenschlaf liebevoll erweckt, was dem unermüdlichen Einsatz der Eheleute Timmerman zu verdanken ist. 

Einige Tage vor dem Treffen kam Tony Timmerman auf mich zu, mit der Bitte, einige Freiwillige zusammen zu trommeln, um den neu geschneiderten Bühnenvorhang aufzuhängen. Ich war sofort Feuer und Flamme, ich wollte mich gerne irgendwie nützlich machen, und meine Schwester Edda konnte ich sofort mitbegeistern!

Nun ist es aber nicht so, dass du mit Helfern hingehst, alles Benötigte schon da ist und losgelegt werden kann! Es fehlte nämlich eine Vorhangstange, die aufgrund der nötigen Länge (ca. 6 Meter) auch nicht ohne weiteres gekauft werden kann. Als Dritter im Bunde bot uns unser Untch Will-Onkel ein altes Gasrohr an, welches in seinem Schuppen wohl auf seine Bestimmung gewartet hatte. Nachdem feststand, dass die Länge passte, befreiten wir es von Rost und trugen es gemeinsam in den Saal. Will-Onkel lieferte uns ebenfalls ein Holzbrett, auf das wir den kurzen Übervorhang befestigen wollten, dessen gleichmäßige Raffung uns mathematisch herausforderte!

Gerrit Timmerman steuerte den benötigten Tacker, eine lange Leiter und Verlängerungskabel bei. Inzwischen hatte sich mein Schwager Karl-Heinz zu uns gesellt, der losgeschickt wurde, Arnold Greger mit Bohrmaschine als Unterstützung zu holen. Doch irgendwie tauchte keiner mehr auf, sodass wir uns auf den Weg machten, um sie an unser Vorhaben zu erinnern. Wir fanden die beiden bei Arnold vor, in aller Gemütlichkeit gekochten Mais essend! Da der so herrlich duftete, musste Grete uns nicht lange bitten, uns dazu zu setzen.

Zurück im Saal, stellten wir fest, dass eine zweite Leiter hermusste! Die sollte bei Schlosser Pitz ausgeliehen werden. Es kam, wie es kommen musste: Arnold und Karl-Heinz ließen es sich auch bei Pitz und Anni gut gehen! Will-Onkel, der sich um die beiden kümmern wollte, bekam dort ebenfalls Sitzfleisch, was zu guter Letzt ergab, dass Edda und ich Will-Onkel, Karl-Heinz, Arnold und die Leiter abholen mussten!

Gelächter, Konzentration, schlotternde Knie auf den Leitern wechselten sich ab, während der neue Vorhang seinen Platz einnahm. Zum Schluss kam noch Freude über die gelungene Aufgabe und Stolz hinzu, für Reichesdorf ein kleines bisschen was getan zu haben!

Herzliche Grüße an alle!

Susi, geb. Wachsmann


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Für unsere Jüngsten
Mein erstes Weihnachten

Hallo. Mein Name ist Luna. Also, zumindest werde ich immer so gerufen von den Menschen, bei denen ich wohne. Denn ich bin ein Kätzchen, schwarz und fluffig und noch gar nicht erwachsen. Bis vor kurzem habe ich bei meiner Mama gelebt, aber ich bin schon alt genug, meine eigenen Hausmenschen zu haben, hat sie gesagt. So wohne ich jetzt also bei ihnen und entdecke mein neues Zuhause.

Das Haus ist schon ziemlich interessant, aber wenn man klein und lebhaft ist wie ich, hat man das schnell durch und es wird langweilig. Nichts Neues passiert mehr oder ist zu entdecken. Raus gehen wäre klasse, ich beobachte von meinem Fensterbrett immer die Vögel im Garten. Zu gerne würde ich sie jagen gehen! Aber das darf ich noch nicht, meine Menschen lassen mich nicht aus dem Haus. Seit ein paar Tagen liegt draußen so komisches weißes Zeug, das meine Menschen Schnee nennen. Es sieht flauschig und warm aus wie eine Bettdecke; ich würde schon ganz gerne darin spielen – aber ich bin halt auch eine Jägerin, und als solche weiß ich: Auf dem weißen Schnee ist mein schwarzes Fell sehr gut zu sehen. So kann ich doch nie und nimmer Vögel fangen!

Ich springe von meinem Fensterbrett runter und schlendere durchs Haus. Ganz so langweilig wie sonst ist es ja zurzeit nicht. Irgendwas ist heute komisch mit meinen Menschen. Sie laufen durch die Zimmer, die Arme beladen mit buntem Zeugs, das ich noch nie gesehen habe, stellen es irgendwo aus und scheinen keine Zeit zu haben, mich zu beachten. Unerhört! Ich schau mir die Gegenstände, die sie wahllos im Haus verteilen, genauer an. Sie riechen ein bisschen nach Staub; haben wohl eine Weile irgendwo unbewegt herumgelegen.

Eines dieser Dinger steht sogar auf meinem Fensterbrett! Wie können meine Menschen das nur zulassen?! Vorsichtig stupse ich das Ding, das wie ein Miniaturmensch mit Vogelflügeln am Rücken aussieht, mit der Pfote an. Hart wie Stein ist es, aber davon lasse ich mich nicht beeindrucken. Ich bin eine stolze Jägerin, der kein Vogel je entkommen wird! Nichts mit Flügeln kann sich mir widersetzen! Ich schubse es etwas kräftiger, bis es von meinem Sims runterfällt. Schon komisch, dass es nicht mit seinen Flügeln flattert und losfliegt, sondern ungehindert zu Boden kracht. Ein Flügel bricht ab.

Stolz stehe ich auf dem Sims und schaue triumphierend zu dem nur noch halb geflügelten Miniaturmenschen runter. Der kommt mir nicht noch einmal hier hoch!

Der Krach hat einen meiner Menschen angelockt, doch scheint er nicht so glücklich über meinen offensichtlichen Sieg zu sein wie ich. Er schimpft sogar böse mit mir und sammelt den schändlichen Verlierer ein, um ihn wegzubringen. Dummer Mensch! Wenn es ihm so viel ausmacht, dass ich einen Eindringling von meinem Fensterbrett vertreibe, hätte er ihn da halt nicht hintun sollen. So einfach ist das!

Im größten Zimmer haben meine Menschen einen Baum gepflanzt. Echt merkwürdig. Wenn sie Bäume um sich rum haben wollen, warum gehen sie dann nicht raus? Oder sogar in den Wald? Da gibt es doch total viele Bäume, und die sind auch noch größer als dieses Pflänzchen hier! Zumindest hat meine Mama mir das so erzählt, ich selbst war ja noch nie draußen. Jetzt fangen sie auch noch an, noch mehr komisches buntes Zeugs hervorzukramen und am Baum aufzuhängen. Naja, so gesehen ist das auch logisch: Der Baum muss sich an die ganzen anderen merkwürdigen Gegenstände anpassen, die neu im Haus herumstehen.

Neben den Baum stellen meine Menschen einen weiteren Miniaturmenschen auf, nicht ganz so klein, wie der auf meinem Fensterbrett, aber dicker. Der Fellersatz, den irgendwie alle Menschen an Stelle eines Pelzes am Körper haben, ist bei ihm ganz rot, doch er hat auch echtes Fell: Lang und weiß wie dieser Schnee ist es und hängt von seinem Gesicht herab. Auf dem Kopf trägt er eine rote Mütze mit einem weißen Fusselbüschel an der Spitze. Er schaut sehr freundlich, aber darauf falle ich nicht rein! Am Ende steigt der auch noch auf meinen Sims! Dann habe ich gar keinen Platz mehr. Meine Menschen nennen ihn Weihnachtsmann. Bei der nächstbesten Gelegenheit, wenn sie nicht zusehen, zeige ich diesem Weihnachtsmann, mit welchem Raubtier er sich anlegt!

Leider scheinen meine Menschen zu ahnen, was ich plane. Denn obwohl tagsüber normalerweise eher selten jemand zuhause ist, ist in den nächsten Tagen irgendwie immer jemand da. Und nachts holen sie mich extra aus dem großen Zimmer raus und lassen mich bis zum Morgen nicht mehr rein, obwohl ich das sonst immer darf. Was nur ist los mit meinen Menschen, dass sie sich so verhalten?

Einige Tage nach meiner Vertreibung des geflügelten Eindringlings erreicht ihr seltsames Gebaren seinen Höhepunkt: Im ganzen Haus dudelt komische Musik, und ständig kommen und bleiben fremde Menschen, die meine irgendwie zu kennen scheinen. Mag sein, dass meine Hausmenschen ihnen vertrauen, aber mir sind sie echt nicht geheuer! Lieber verstecke ich mich im großen Zimmer unterm Schrank und beobachte diesen Weihnachtsmann. Auch wenn so viele Menschen im Haus sind, scheinen sie sich nur mit einander zu beschäftigen. Sie würden mich nicht bemerken, wenn ich hervorkröche. Auch gut! So kann ich in aller Ruhe planen, wie ich dem Weihnachtsmann, der sich nie vom Fleck rührt, eins auswischen kann!

Diese Tätigkeit ist echt langweilig und es duftet lecker nach Essen, aber eine gute Jägerin hat Geduld und ist Herrin ihrer Handlungen. Ich darf mich von nichts ablenken lassen.

Plötzlich, auf den Ruf eines meiner Menschen, strömen alle aus dem großen Zimmer in ein anderes, und um mich herum wird es plötzlich still. Wie es scheint, sind alle zum Essen zusammengekommen. Im großen Zimmer ist das helle Licht abgeschaltet, aber am Baum hängen kleinere Lichter, die wie Glühwürmchen wirken. Es ist dämmerig dunkel, und in den Schatten kann sich eine schwarze Katze wie ich gut tarnen. Das ist meine Chance!

Wachsam schleiche ich hervor und von der Seite an den Weihnachtsmann heran. Ob er mich bemerkt hat? Sehen kann er mich kaum, aber er hat sich nicht gerührt und zeigt auch sonst nicht, ob er mich heranpirschen hört. Sehr gut!

Jetzt bin ich ganz nah an ihm dran. Ich kauere mich hin und wackle mit dem Hintern, um meine Sprungkraft gleichmäßig auf meine Hinterbeine zu verteilen. Meine Mama hat mir beigebracht, dass ich ansonsten zu weit zur Seite springen könnte. Ein letzter prüfender Blick zu dem Zimmer, wo die Menschen essen – und ich springe ab!

Meine Vorderpfoten stoßen gegen den dicken Bauch des Weihnachtsmanns und reißen ihn um. Mit einem dumpfen Laut schlägt er auf dem Teppichboden auf, und ich lande auf ihm. Doch auf der glatten, gerundeten Oberfläche finde ich keinen Halt und rutsche von ihm ab. Etwas benommen rappele ich mich sofort wieder auf, falls der Weihnachtsmann sich wehren sollte.

Leider haben die Menschen auch diesen Kampf wieder gehört. Ein paar von ihnen sind ins große Zimmer zurückgekehrt. Sie schauen mich an, und ich habe schon Angst, sie könnten mit mir schimpfen. Doch dann kichert einer der kleinen Menschen, bevor schließlich alle zu lachen anfangen. Verdutzt schaue ich die Menschen an halte dann nach dem möglichen Grund für ihr Gelächter Ausschau.

Ich fühle etwas auf meinen Ohren liegen, was ganz schön unangenehm ist. Außerdem ist die Mütze des Weihnachtsmanns von seinem Kopf verschwunden und liegt auch nicht neben ihm.

Plötzlich verstehe ich: Die Mütze ist auf meinem Kopf! Irgendwie muss sie, als mein Gegner und ich zu Boden gegangen sind, auf meinen Kopf gefallen sein! Erschrocken will ich sie mit der Pfote runterschieben, weil das bestimmt furchtbar lächerlich und daher für eine stolze Jägerin unangebracht aussieht.

Doch bevor ich das machen kann, kommen die kleinen Menschen auf mich zu; einer von ihnen, der zu meinen Hausmenschen gehört, hebt mich auf seine Arme. Sie alle sehen glücklich aus, weil mir dieses Missgeschick mit der Mütze passiert ist, aber sie lachen mich nicht aus. Ich bin so gerührt, dass ich es nicht länger übers Herz bringe, meinen Kopf von ihr zu befreien. Ich bekomme sogar Streicheleinheiten und kleine Naschportionen vom Weihnachtsbraten. Auch ich bin nun glücklich und schnurre. Was auch immer diese Menschen zu ihrem merkwürdigen Verhalten gebracht hat – von mir aus kann das jedes Jahr so sein!

Elisabeth Riemesch, mit Unterstützung meiner kleinen Schwester Johanna


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Da steht in winterlichem Kleide unsere alte, ehrwürdige Reichesdorfer Kirche.

Die Morgensonne erleuchtet das Kirchenfenster und vermittelt den Eindruck, das Gotteshaus sei von Innen erleuchtet. Es könnten die Lichter des Weihnachtsbaumes sein. So mein Wunschdenken.

Viele Erinnerungen werden wach, vor allem aus längst vergangenen Kindheitstagen.

Später dann wurde uns dieses schönste christliche Fest vom Kommunismus vermiest. Man musste auch an diesen Ferientagen zur Arbeit, und so gestalteten wir dieses Fest dann meistens an den langen Abenden, wo die Familie, ja alle Familien zusammen kamen. Auf meinem Schreibtisch habe ich eine von Deinen schönen Karten aufgestellt und betrachte sie immer wieder. Nostalgie erfüllt mich und ich denke, denke und denke.

Auch hier, in unserer neuen Heimat, ist die Advents-und Weihnachtszeit schön, vor allem dann, wenn man sich von dem übertriebenen und kommerziellen Trubel etwas abseits hält und das anstrebt, was einem Freude und Licht in die Seele bringt.


H
einrich Brucknerr


Anzeigeschluss 30. April und 31. Oktober

 


1. Vorsitzender: Werner Meyndt   82515 Wolfratshausen  Tel 08171/368983 
 Kassier: Ernst Kloos 51674 Wiehl Tel 02262/717708
Schriftführer:  Susanna Riemesch  74226 Nordheim   Tel 07133/964816
Herausgeber des Boten:  Heinrich Maiterth 33332 Gütersloh Tel 05241/40407   
Internet Hans-Christian Hienz  91550 Dinkelsbühl webmaster@reichesdorf.de
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Vorstandsmitglieder der Reichesdorfer HOG
Ernst Kloos, Gustav Hügel, Hans-Christian Hienz, Harald Hügel, Heinrich Hienz, Heinrich Maiterth (Neuenstein), Heinrich Maiterth (Gütersloh), Heinrich Waffenschmidt, Hermann Hügel, Martin Alzner, Susi Riemesch, Werner Meyndt

Spenden an Reichesdofer HOG Volksbank Oberberg eG:
Inland:     Konto Nr. 7416783017 / BLZ 38462135 (Verwendungszweck "SPENDE" angeben
Ausland: Konto Nr. BIC:  GENODED1WIL  / IBAN: 
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